vonsensibel 04.09.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Die Verfasserin dieses Textes bewegt sich seit einer Weile wieder in der Welt des Onlinedating. Und macht sich zunehmend Sorgen. Neben Männern die vor Autos hocken, Spiegelselfies und obligatorischen Surf-Fotos häuft sich in den Profilen in letzter Zeit auch ein Motto, das so harmlos und unscheinbar daherkommt, aber auf ein massives Problem verweist: “no drama”.

Jetzt könnte man sagen “naja, ist doch nur ein Spruch in der Tinder-Bio”. Aber was genau sagt diese Phrase über das Verständnis mancher Menschen über Dating und Beziehungen aus? “No drama” heißt übersetzt nichts anderes als “ich gehe gern mit dir aus, habe Sex mit dir, führe vielleicht sogar eine Beziehung mit dir, aber bitte halt deine Probleme und negativen Gefühle da raus”. Es kondensiert die perfekte Kommodifizierung von Sex und Liebe auf zwei Worte: immer erfreulich, einfach konsumierbar, eine Ware, die ihren Zweck zu erfüllen hat. Es degradiert die andere Person zu einer Bedürfnisbefriedigung. Klar, Onlinedating ist dazu gemacht, oberflächlich zu sein. Ich fürchte allerdings, dass die Problematik sich auch offline immer weiter breit macht, wenn man so die Beziehungs- und Datinggeschichten aus dem persönlichen und medialen Umfeld verfolgt. Beim kleinsten Ruckler wird direkt alles weggeschmissen, Depressionen, Lebenskrisen, Konflikte – alles raus was keine Freude macht.

Woher kommt diese Haltung? Kapitalismus ist vermutlich die wichtigste Erklärung dafür, auch Dating wurde den Regeln des Marktes unterworfen, Du bist das Produkt und wenn Du nicht makellos bist, wirst Du eben zum Ladenhüter, ein besseres Modell ist schließlich nur einen Wisch entfernt. Beziehung ist für viele nicht mehr ein gemeinsames Projekt, etwas das man zusammen gestaltet und aufbaut, sondern ein convenience product, das ohne eigenes Zutun zu funktionieren hat. Batteries included. Wären unsere Eltern so drauf gewesen, wären die meisten von uns vermutlich nicht hier. Dazu kommt ein kranker Optimierungsgedanke, gefüttert durch Medien, Politik und Gesellschaft. Unsere Generation ist im Überfluss aufgewachsen, gleichzeitig wird uns seit der Schulzeit von allen Seiten Angst gemacht, dass wir alles verlieren könnten, im ständigen Konkurrenzkampf stehen um Arbeitsplätze, Wohnungen, Ressourcen, und letztlich: Lebensglück. Die Sozialen Medien tun ihr Übriges, indem sie uns das Leben der Anderen als perfekte Hochglanzwelt präsentierten, in der es keinen Platz gibt für Diskussionen oder Krisen, nur #relationshipgoals.

Das Problem ist, dass zwischenmenschliche Beziehungen, die auf “no drama” basieren, eben auch nicht mehr Wert haben als ein Wegwerfprodukt. Denn am Ende des Tages wollen wir alle geliebt werden, auch mit unseren Schwächen und unseren Krisen, auch diejenigen, die das ihren Dates nicht zugestehen wollen. Denn egal in wievielen Infitiypools du auf deinen Tinderfotos dümpelst, auch du hast schlechte Tage, Kevin. Ich finde ja, in einer Welt in der es immer rauer und kälter wird und wir immer mehr an unserer Selbstoptimierung kaputtgehen, gibt es kaum etwas Stärkeres, als zu sagen: komm her mit all deinen Macken, vielleicht passen sie ja zu meinen Macken und dann machen wir was Schönes draus, scheiß auf Hochglanz. Liebe als antikapitalistischer Akt, wie großartig das wäre.

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