vonsensibel 21.01.2022

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Eigentlich sollten wir gar nicht an diesem Punkt sein. Eigentlich sollten wir gerade das Ende der Pandemie feiern, die wir mit vereinten nationalen und internationalen Kräften in die Knie gezwungen haben. Es wäre möglich gewesen. Wir hätten in der modernen Gesellschaft alle Werkzeuge an der Hand. Stattdessen rasen die Infektionszahlen dank Omikron weiter in schwindelerregende Höhen, bis auch die letzte Intensivpflegekraft das Handtuch wirft. Wir sind am Punkt maximaler Eigenverantwortung angekommen. Das ist nicht in Ordnung.

Kein Mensch ohne politische Funktion sollte jeden Tag die schweren Entscheidungen treffen, die wir seit zwei Jahren treffen. Ist es OK meine Eltern zu besuchen? Was ist mit Oma im Pflegeheim? Kann ich meine Freunde treffen oder ist das gerade zu riskant? Lasse ich mein Restaurant oder meine Kneipe auf und setze mich dem Risiko aus oder riskiere ich finanziellen Ruin, weil mir die Politik nicht mehr unter die Arme greifen will? Lasse ich mich bei Erkältungssymptomen sofort testen oder lieber komplett isolieren – und wenn ja, wie lange nochmal? Wie gehe ich mit meiner Vorerkrankung um, wie vorsichtig muss ich sein? Wo bekomme ich meinen Booster her? Wir sind seit 24 Monaten gezwungen, jeden Tag Entscheidungen zu treffen, zwischen wirtschaftlichem und gesundheitlichem Wohlergehen (ein absolutes Armutszeugnis für eine Industrienation), zwischen Sozialleben und Vorsicht, manche von uns sogar buchstäblich zwischen Leben und Tod. Es bricht vielen von uns seit 24 Monaten wieder und wieder das Herz, Treffen mit Freunden oder Familie, Feiern, Konzerte etc. absagen zu müssen, aus Angst um sich und andere. Risikobewertung ist unser unbezahlter Zweitjob und er reibt nervlich unfassbar auf. Sie ändert sich täglich und muss permanent zwischen Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen und Vorgesetzten verhandelt werden. Unsere Generation der 30- bis 40-Jährigen hat noch den Extrabonus, dass wir uns gleichzeitig um unsere schon älteren Eltern, unsere Kinder (so vorhanden) und unseren häufig prekären Job Sorgen machen dürfen.

Wir werden allein gelassen. Wir fühlen uns hilflos. Und sind dann auch noch jeden Tag mit den Leugnern, Kleinrednern und, mit Verlaub, egoistischen Arschlöchern, konfrontiert, denen es egal ist, wenn Menschen am Beatmungsgerät verenden. Diejenigen unter uns, die sich seit beinahe zwei Jahren an alle Maßnahmen halten, auf so vieles verzichten, das Risiko für alle kleinhalten wollten, sind erschöpft. Unser Opfer wird gerade zunichte gemacht. In der TV-Serie Community gibt es eine Episode, in der die Charaktere darum würfeln, wer zum Pizzaholen gehen soll. Die Episode spielt dann alle verschiedenen Zeitstränge durch, die durch den Würfel und den jeweiligen Charakter entstehen könnten. Einer der Zeitstränge endet in völligem Chaos, the darkest timeline. Ganz ehrlich, ich habe gerade das Gefühl, dass wir uns auf selbigem befinden. Denn mit den gleichen Voraussetzungen könnte es gerade so viel besser sein, ist es aber nicht, weil die falschen Personen die falschen Entscheidungen treffen und ausbaden müssen es wir alle.

Ich weiß noch wie ich im März 2020 zu meinen Eltern meinte: “Na hoffentlich ist der Mist bis Juni vorbei, dass wir uns wieder sehen können”. An diesem Punkt wäre es ein leichtes gewesen, die Pandemie zu ersticken, die Mittel waren bekannt. Fast zwei Jahre später will ich nur noch weinen bei dieser Erinnerung. Und so ziehen wir weiter jeden Tag unsere Maske auf, wie eine Rüstung, entscheiden weiter jeden Tag, welche sozialen Kontakte und Konstellationen für uns OK sind und welche nicht, bewerten Risiken, verzichten, kasteien uns wie schon die letzten 24 Monate während draußen die stille Katastrophe passiert. Was das mit unseren Psychen macht, jeden Tag ein dutzend Risikoszenarien durchzuspielen, während uns die Nachrichten mit einer Hiobsbotschaft nach der anderen überschütten, wird sich wahrscheinlich erst im Anschluss an die Pandemie zeigen. Ich prognostiziere jetzt einfach mal, dass sich die Fälle von Complex PTSD massiv erhöhen werden durch dieses Alleingelassensein, durch diese anhaltende low-level Traumatisierung, die wir erleben. Aber ich bin sicher, auch dafür hat die Politik eine Lösung. Und ich wette meine gesamten Ersparnisse, dass sie lauten wird: Eigenverantwortung. Die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez postete kürzlich auf ihrem Instagram-Account, dass sie trotz Booster und Vorsichtsmaßnahmen an Corona erkrankt war und rief zu mehr Solidarität auf. Individualismus, so ihr Statement, bringe uns bei globalen Herausforderungen wie der Pandemie nicht weiter. “But WE, as a collective, can confront them. In a World of ME, let’s build team WE.” Ich möchte ihre Worte an jede Hauswand und jedes Regierungsgebäude schreiben.

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kommentare

  • Big mother nature is still the boss in this country. Mensch ist nicht unsterblich und Risiken mannigfach. Aber es gilt auch: Die Lösung im März 2020 wäre wahrscheinlich gewesen die vulnerablen Gruppen maximal zu schützen und die harmlosere Naturvariante im Rest der Bevölkerung durchlaufen zu lassen. So haben wir dem Virus die Möglichkeit gegeben sich anzupassen, ansteckender und wirkungsvoller zu werden. Hinterher ist man halt schlauer. Aber, wenn man Lauterbach glauben darf, 400.000 Infektionen pro Tag im Februar, gibt es demnächst eh nur noch Genesene. Das würde nämlich ca. 8 Millionen nachgewiesene Infektionen bedeuten, bei einer Dunkelziffer von 80 % ist das die Hälfte der Bevölkerung.
    Also: Hoffnung auf ein Ende ist nah.

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