vonDavid Amroth 14.01.2022

Tagebuch

»Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das unendliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.« Max Frisch

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    . . . . . . . Das Gefühl der Schuld sitzt tief. Schuld vor wem? das weiß ich nicht.
    . . . . . . . Eine Schuld vor den Dingen kann es nicht geben – sie setzte ein Abhandensein, ein Nicht-Sein Gottes voraus. Einen Herrgott meine ich nicht; ich nenne ihn: die Liebe. Nicht die zweier Menschen, die erotische, die freundliche; eine umfassende, tiefsitzende, weiterreichende als die zwischenmenschlichen Beziehungen einer bedürfen: ich meine den Pfand des Vertrauens, des urtümlichen, das zu leben erleichtert, das uns demütig macht.
    . . . . . . . An dessen Statt nun die Schuld, die’s erschwert, die zu leben eine ständige Rechtfertigung macht, eher: ihren Versuch, denn gelingen kann sie nicht: vor wem? wenn der Herrgott mich nicht anschaut, wenn die Liebe unbedingt ist. Die bedingte, die verursachte, die verdiente – ein hässliches Wort: als sei sie geschäftlich –, die ist eine Narretei, ein Schattenspiel –
    . . . . . . . (Die Inder bemalen die papiernen Figuren ihrer Schattentheater mit bunten Farben und versehen sie mit aufwändigen Verzierungen, dabei sieht man die prächtigen Kunstwerke niemals vollkommen, wo sie doch hinter der Leinwand ihre Spielereien aufführen.)
    . . . . . . . Die Demut des Schuldigen ist unwahr, die des Freien ist gut. Der Schuldige mag alle Eigenschaften, die wir der Güte und dem Anstand zuschreiben, aufweisen und manchmal fällt es schwer zu unterscheiden die Wahrheit einerseits und die Furcht, besser: die Angst andererseits darin. Doch der Schuldige .t.u.t. so und der Freie .i.s.t. so. Der Schuldige erwartet eine Antwort, der Freie nicht, denn der Freie steht nicht im Zwist mit der Welt, da er sich als ihr innerlich weiß. Der Schuldige kommt sich vor als Geschlagener; was ihn verwirrt: geschlagen trotzdem es keinen Kampf gab, trotzdem er sich nicht erinnern kann, worum es einen Kampf hätte geben sollen.
    . . . . . . . Die Demut des Schuldigen ist in der Tat eine Duckmäuserei, jede Zustimmung wie jede Abneigung ein Wimmern, das wenig aussagt, wenig zur Sache tut, da es vom Schmerz kommt: vergleichbar mit einem Reflex, einer Zuckung, einem Lidschlag. Die Schuld ist ein tiefsitzender Dorn, der das Fleisch entzündete, der eine Vergiftung des insgesamten Körpers verursachte. – Zumindest ist das die letzte Hoffnung des Schuldigen: dass sein elendes Gefühl sich bald entfernen ließe, herausnehmen wie ein Holzsplitter aus der Hand, der vielleicht einigen Schmerz machte, aber dann ganz winzig klein und unscheinbar doch ist und schließlich ohne weiteres fortgeschnippt werden kann und vergessen.
    . . . . . . . Denn der Schuldige hofft zu vergessen. Was ist wenig eindeutig und wohl ist es zunächst die Schuld selbst; dieses grauenhafte hässliche Gefühl, das uns die Wahrheit vorenthalten macht, das uns überzieht als eine kleistrige dünne unsichtbare Haut, durch die nicht Wärme oder ein Streicheln dringt, auf die wir nur reagieren wissen, da wir sie, diese Äußeren, und ihre Anzeichen sehen – denn die Augen, Gott sei Dank, brauchen nur ein Licht.
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