vontazlab 12.04.2014

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Von Adam Zapert

Zur Gesprächsrunde sind Journalisten aus Osteuropa geladen: Anna Batasheva aus Russland, Anastasiia Magazova aus der Ukraine (Krim), Ekatieryna Mialeshko-Koroliova aus Weißrussland und Dimitri Romanovski aus der Republik Moldau. Moderatorin ist die taz-Redakteurin für Osteuropa, Barbara Oertel.

Die ukrainische Journalistin Anastasiia Magazova berichtet von der Lage auf der Krim und dem Beginn der Revolution. Angefangen habe alles mit ein paar wenigen Studenten, die für mehr Europa in der Ukraine demonstrierten. Sie wollten ein besseres Leben, also das, was sich jeder Mensch in seinem Leben wünscht. Verträumt patriotisch gingen sie für ihre Ideale auf die Straße.

Am Anfang ahnte niemand, dass daraus ein landesweiter Protest erwachsen würde, der von so viel Gewalt begleitet wird. „Als sie von der Polizei geschlagen und verhaftet wurden trugen sie Armbinden mit EU-Symbolen, mit denen sie demonstrieren wollten, dass sie sich in einem europäischen Rechtsstaat leben wollen.“ Sie selbst sei von der Krim nach Lemberg geflohen, weil sie den Repressalien der neuen russischen Machthaber und ihrer Propaganda entkommen wollte. Obwohl sie vor allem russisch spricht, könne die ukrainischstämmige Journalistin auf der Krim nicht objektiv berichten, ohne in Angst leben zu müssen. Das Leben auf der Halbinsel vor der russischen Annexion beschreibt sie als ein friedliches Miteinander. Dass dies jetzt wieder möglich sein wird, bezweifelt sie stark. Die Verhältnisse seien jetzt wohl auf Jahrzehnt vergiftet.

Aus seiner Heimat, der Republik Moldau, berichtet Dimitri Romanovski. Individualismus sei in seinem Land wichtig. Die eigene Situation zu verbessen ebenfalls. Vor allem in den 90er Jahren sind viele Familien nach Europa gereist. Dort mussten sie feststellen, dass auch in Europa das Leben schwer sein kann. Seine Familie, die seit 14 Jahren in Portugal lebt, will dennoch nicht zurück in die ehemalige Sowjetrepublik. Zu sehr haben sie sich von dem Denken ihres alten Zuhause entfernt, zu sehr sind sie heute in ihrer Einstellung Europäer geworden. Die Gesellschaft in Moldau sieht Romanovski als gespalten. Da gebe es die weniger gut gebildeten Jugendlichen, die an das russische Wunder glauben und unkritisch mit Nachrichten umgingen. Andere, die im Ausland waren, ändern ihre Einstellungen schon nach kurzer Zeit. „Sie sehen, dass die Gay-Paraden, die in Russland ein Teil der antieuropäischen Propaganda sind, nicht jeden Tag stattfinden und auch keinen moralischen gesellschaftlichen Zerfall.“ Es sei wichtig der Propaganda etwas entgegen zu setzen und das Denken der Jugend zu schärfen.

Viel von Europa gelernt

Wenn die in Weißrussland lebende Journalistin, Ekatieryna Mialeshko-Koroliova, von ihrem Land spricht, nennt sie es „ein Leben in der Vergangenheit“, wie auf einem fremden Planeten. Ihr sind Meinungs- und Pressefreiheit wichtig. Ein freies Rechtssystem und keine Angst haben zu müssen im Gefängnis zu landen. „Das Volk soll der Herr im Haus sein“, so die junge Journalistin. Dabei sei Weißrussland historisch gesehen, auch durch die Nähe zu Polen und Litauen, Europa. „Ich weiß, dass wir Europa nichts geben können, aber wir können von ihnen lernen und das ist durchaus realistisch.“

Die russische Journalistin, Anna Batasheva, betont, dass Russland in Bereichen wie Kultur und Industrie viel von Europa gelernt habe. Auch die Jugendlichen, die Russland verlassen, sei es wegen Studium oder Arbeit, erweiterten ihre Horizonte. Einige von ihnen kehrten auch wieder zurück, bemerkt sie scherzhaft. Diejenigen, die nie in Europa waren, hätten sehr idealisierte Vorstellungen von dem Leben hier. Sie denken da vor allem an Reisefreiheit, viel Geld und ein erfülltes Leben voller Glück. Anders als ihre Kollegen aus den anderen osteuropäischen Nachbarländern können sie nicht darauf hoffen in die EU aufgenommen zu werden. Sie können nur versuchen die Erfahrungen, die sie in der EU gesammelt haben, in Russland einzubringen. Russland selbst habe seine Rolle in Europa noch nicht gefunden und versucht als Gegenpol zur EU eine Euroasische Union zu erschaffen. Die Neuauflage eines alten Imperiums mit altem Gewand.

Foto: Wolfgang Borrs

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