vontazlab 25.04.2015

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Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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Ich tingel beschwingt aus dem Panel „Sag’s korrekt, Bitch!“, trinke noch eine Limo und lasse mich im Orchideengarten des HKW nieder. Hier sollen sich taz-Pioniere und junge Mitarbeiter*innen über die Anfangszeit der Zeitung unterhalten. Mich interessiert, was übrig geblieben ist vom Geist der sozialen Bewegungen, der der Zeitung den Anstoß gab und ihr lange die Leserschaft verschaffte. Wie sieht es aus, wenn sich taz-Urgesteine ausgerechnet auf einem Gedöns-Kongress über die Geschichte ihres Blatts unterhalten?

Auf dem Podium steht eine angegraute Männerreihe: taz-Autor Helmut Höge und Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch. Ganz spontan findet sich auch Hans-Christian Ströbele ein. Lockern palavern die drei mit den jungen taz-Redakteur*innen Patricia Hecht und Paul Wrusch über die Anfänge der taz. Damals 1977 beim Tunix-Kongress, die Angst der Initiative vor der Unterwanderung durch Kader ehemaliger K-Gruppen und das Einwerben der 7.000 Vorausabos in Berliner Kneipen. Nach der ersten Ausgabe im Jahr 1979 dann wieder Ärger mit dem Eigenkapital und auch mit den Besetzungen durch die Polizei, die ständig irgendwelche Beweise suchte, und denen der politischen Gruppen, die mit der Berichterstattung nicht zufrieden waren. Alle waren von der Langlebigkeit der Zeitung offenbar überrascht. „Ich dachte, wenn wir das drei Wochen durchhalten, ist das auch ein gutes Signal“, so Ströbele.

Es geht beim Gespräch nicht nur um die Geschichte des politischen Aufbruchs, sondern auch um die Zeitungskrise und die Zukunft. Die Positionen sind klar. Für Höge ist die taz quasi längst überflüssig, weil zu sehr wie jede andere Zeitung sei. Ruch konstatiert: „Mit der Gattung Tageszeitung geht es zu Ende, der Journalismus bleibt.“ Aber was bedeutet das für die Zukunft der taz?

„Gedöns“ könnte bei so mauen Aussichten helfen. Das hat bei der taz schon einmal geklappt, stellt sich ganz beiläufig heraus. Moderator Paul Wrusch spielte eigentlich auf den zweitägigen Frauenstreik in der Redaktion im Jahr 1988 an, als die Mitarbeiterinnen wegen sexistischer Beiträge auf die Barrikaden stiegen. Wie war das noch mal mit den streikenden Frauen? „Helmut, du hattest doch etwas mit dieser Porno-Seite zu tun?“ Höge winkt ab, der Streik sei eine reine Abo-Aktion gewesen. Die Frauen hätten sich entschuldigt, dass er dran glauben musste. Ob politisches Kalkül oder nicht, die Rebellion machte sich bezahlt – n­icht nur in Sachen Abos. Nach dem Streik beschloss man in der taz, dass „Angestellte, die sexistische Beiträge ins Blatt heben, abgemahnt und in letzter Konsequenz entlassen werden sollen„. Das dürfte Abonnent*innen auch heute beruhigen.

Zu guter Letzt noch die Frage nach dem Geist der sozialen Bewegungen. Er scheint verschwunden zu sein. Auf dem Panel bemängelt man, die taz sei inzwischen so zahm, so Mainstream, gar bürgerlich. Warum? Höge versteigt sich in Thesen, die Obsession mit Hausbau und Kernfamilie sei das Manko der heutigen Generation der Schreibenden. Wer so viel Sicherheit wolle, traue sich nichts. Hier wird die Diskussion diffus. Mehr über Gedöns zu reden (und zu schreiben) wäre wohl auch in diesem Punkt ein guter Ansatz.

Friederike Mehl

Im Bild: taz-Jugend Paul Wrusch (links) und Patricia Hecht (rechts) sowie die taz-Urgesteine Kalle Ruch, Helmut Höge und Hans-Christian Ströbele (v.l.n.r.); Foto: Natalie Mayroth

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