vontazlab 21.04.2018

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Von Samba Gueye

„Es gehört für mich zu den ungelösten Rätseln der Menschheit, dass immer etwas projiziert werden muss.“ Der Sozialpsychologe, Klimakulturforscher und taz-FUTURZWEI-Herausgeber Harald Welzer steht mit lässiger Jeansjacke bekleidet auf dem Podium. Er scheint von der großen über ihm leuchtenden Powerpointfolie gestört zu sein. Welzers Punkt ist, dass während der gesamten Diskussion kein einziges Mal auf die Folie geschaut werden müsse, weil darauf sowieso nur stehe, um welche Veranstaltung es sich gerade handele. Und das wüssten ja sowieso schon alle. „Bei Klimakonferenzen verbräuchten Powerpointpräsentationen ja bekanntlich keinen Strom, wenn man Diagramme zum Klimawandel auf ihnen zeige, scherzt Welzer.

Der Beamer geht aus und die Veranstaltung beginnt. taz-FUTURZWEI-Chefredakteur und taz-Chefreporter Peter Unfried befragt Welzer zunächst zu dem neuen Magazin. Welzer sagt dazu: „Die Überlegung war: Es gibt eigentlich kein Magazin auf dem Markt, das mit einer gesellschaftspolitischen Intelligenz die Fragen des 21. Jahrhunderts bespricht und adressiert. Die Fragen sind solche des sozialökologischen Umbaus moderner Gesellschaften, die Bewahrung von Demokratie moderner Gesellschaften, wie unter veränderten geopolitischen Bedingungen Demokratie aufrechterhalten werden kann.“ In Zeiten, in denen Printmedien drastisch nach unten gingen müsse man antizyklisch sein und ein Printmedium gründen.

Sehnsucht nach Zivilgesellschaft

Die Bedeutung der aktuellen taz-FUTURZWEI-Ausgabe „2018 – Aufbruch oder Scheiße?“, hebt Welzer hervor, weil die politische Rechte das Agenda-Setting dominiert. Es vergehe kein Tag ohne eine weitere aversive Geschichte. Seien es antisemitische Übergriffe, behindertenfeindliche Anfragen der AfD oder etwa Uwe Tellkamps Äußerungen über Flüchtlinge und den Islam – die Rechten geben heute vor, worüber wir debattieren. Es entstehe eine Konsensverschiebung bis hin zur Feindlichkeit gegen Menschen. Darin sehe er eine akute Bedrohung für die Demokratie, der die Bundesregierung zu schwach entgegenwirke.

Und in der Zivilgesellschaft sieht Welzer das Problem, dass man sich zu oft in Erklärungs- und Analyseversuchen verliere, es werde zu viel differenziert. So sei es schwer, aus der Rolle des Angegriffenen herauszukommen. Man müsse aktiv für demokratische Werte einstehen und sich auch trauen, gegen Demokratiefeindlichkeiten im persönlichen Umfeld aufzubegehren.

Lob spricht Welzer für eine Gruppe von östereichischen Studenten aus, die im Zuge der „FPÖisierung“ ihr familiäres und dörfliches Umfeld konfrontiert. Konsequent und effektiv würden diese StudentInnen dann zu ihrer Großmutter sagen: „Wenn du FPÖ wählst, komm ich dich nicht mehr besuchen.“

Bei der Veranstaltung wird deutlich: Harald Welzer sehnt sich danach, dass die demokratisch gesinnte Mehrheit der Zivilgesellschaft endlich den Mund aufmacht und Grenzen setzt. Er bringt auf den Punkt: „Demokratie geht nicht an zu vielen Feinden verloren, sondern an zu wenigen Freunden.“

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kommentare

  • Konsequent und effektiv würden diese StudentInnen dann zu ihrer Großmutter sagen: „Wenn du FPÖ wählst, komm ich dich nicht mehr besuchen.“
    Was für ein primitiver Unsinn! Wer von seiner Meinung überzeugt ist, sollte auch zu ihr stehen, und stets
    versuchen, argumentativ andere davon zu überzeugen. Das setzt natürlich voraus, daß man den Kontakt zu Andersdenkenden nicht einfach abbricht.

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