vontazlab 21.04.2018

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Von Juli Katz

Die mittlerweile verstorbene DDR-Dompteurin Ursula Böttcher war nicht böse, als Löwe Royal ihr mit seiner Pranke die Pulsader zerriss. Royal wollte sich nur für das Fleischstück bedanken, das Böttcher ihm zur Belohnung in der Manege überreicht hatte; der darauf folgende Prankenhieb ist eine bekannte Dankesgeste unter Raubkatzen. Royal hätte sich wahrscheinlich noch mehr erschrocken als sie selbst, meinte sie beim Verlassen des Krankenhauses. Davon erzählt Helmut Höge, Soziologe und Aushilfshausmeister der taz. Er fragt sich, was wir ohne Abeitstiere wären.

Arbeitstiere, genau: nicht diese besonders enthusiastischen Kolleginnen und Kollegen, die ohne Mucken und Murren jedweden Job ausführen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sondern „Tiere-Tiere“ – im Zoo, in der Landwirtschaft, im Zirkus oder Kinderzimmer. Schimpansen, an denen Aidsversuche ausgeführt werden zum Beispiel. Meerschweinchen, deren „Existenzkrise“ – wie Höge es nennt – durch Diphtherietests bedingt sein kann. Oder Cell Dogs – Hunde, die in US-Gefängnissen mit Insassen die Zellen teilen und zu Wachhunden ausgebildet werden sollen, mit ausreichend „Disziplin und Gehorsam“ auf dem Weg zur Freiheit, wie Höge sagt.

Als Moderatorin Nicola Schwarzmaier, Leitung der taz-Abteilung Digitale Tranformation, fragt, ob er Tiere liebe, sagt Höge trocken: „Klar, natürlich.“ Er hat selbst im Bremer Zoo gearbeitet und schreibt seit 2002 monothematische Tierbücher; im Veranstaltungszelt allerdings spricht er nicht als Tierrechtsaktivist, sondern als Analyst. Für seinen Vortrag bringt er Clips und Dias mit, einige davon werden vom Publikum beständig mit einem langgezogenen „Ah“ goutiert, stellvertretend fürs Süßheitsempfinden.

Die Zebrafischforschung sei beispielhaft erwähnt. Die Tiere werden auf ihre Leidensfähigkeit getestet: Ein Teil der Versuchstiere bekommt Essigsäure, ein anderer Teil Salzwasser in die Schwanzflosse gespritzt; ob und wie sich die Verhaltensweisen ändern, wollen die Forscherinnen und Forscher wissen. Oder wie Zebrafische auf Valium und Prozac reagieren – es geht um äußerlich oder innerlich eingeführte Substanzen, die die Tiere aushalten müssen. Die Ergebnisse ihrer Forschung werden dann Pharmakonzernen präsentiert. Ob diese Erkenntnisse überhaupt auf Menschen übertragbar seien, will die Moderatorin wissen. „Na ja“, meint Höge, es seien eben Modelltiere. Jemand im Publikum nickt.

Ein Prankenhieb der Hauskatze dürfte ihm Gegensatz zu dem von Royal ein bisschen sanfter ausfallen. Hauskatzen sind ihren Besitzerinnen und Besitzern ein bisschen wohlgesonnener: Bemerkt sie ein Hinken, ist es gut möglich, dass sie innerhalb kürzester Zeit und aus Solidarität das Hinken übernimmt. Eine mobile Tierärztin empfiehlt, sich in diesem Falle eine Zweitkatze anzuschaffen, erzählt Höge. Dummerweise endet die Haltung von Haustieren, vor allem wenn sie als Kleintiere in Kinderzimmern platziert werden, in den meisten Fällen in Beerdigungsszenarien im heimatlichen Garten.

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