vontazlab 21.04.2018

taz lab

Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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Wer sich beim taz lab 2018 auf eine der zehnminütigen Sexpertenstunde freuen darf, muss durch einen versteckten Zugang, vorbei an schweren Türen und durch verwinkelte Gänge. In einem abgedunkelten Raum empfängt Fabienne Freymadl als Domina Lady Velvet Steel auf ihrem Thron Besucher*innen, die – umgeben von Sextoys und Dessous – ihre Fragen über Sex und Sexarbeit loswerden wollen. 

taz lab: Welchem der heutigen tazlab-Referenten würden Sie Ihre Dienste ans Herz legen? Zur Auswahl stehen etwa Christian Lindner, Bernd Riexinger oder Boris Palmer.

Lady Velvet Steel: Herrn Lindner möchte ich ausschließen. Ich biete einen luxuriösen und schönen Service an. Da ich seine politischen Ansichten nicht teile, hat Herr Lindner meinen Service nicht verdient (lacht). Alle anderen, die sich anständig benehmen und brav bezahlen, dürfen kommen.

Sie sind bereits zum zweiten Mal beim taz.lab zu Gast. Mit welchen Anliegen kommen die Besucher*innen in Ihre Sexpertenstunde?

Vor zwei Jahren war das Prostituiertenschutzgesetz in aller Munde. Wir wurden als Berufsverband der Sexarbeitenden und Gegner*innen dieses Gesetzes heftig kritisiert. Ich habe mich auf lange Schlangen und fliegende Torten vorbereitet. In meine erste Sprechstunde kam jedoch ein junger, homosexueller Mann, mit dem ich mich über sauberen Analverkehr unterhielt. Eine andere Frau mittleren Alters berichtete mir von der Vermutung, ihr Mann sei devot. Über Sexarbeit wollte niemand sprechen. Die Leute haben sich eine persönliche Sexberatung abgeholt.

Apropos: Empfehlen Sie eher ein Gleitgel auf Wasser- oder Silikonbasis?

Bei Sextoys aus Silikon wie Keuschheitsgürtel und Kunstmuschis empfiehlt sich ein Gleitgel auf Wasserbasis. Bei Analspielen und Fisting kann ich Crisco empfehlen, eine Art künstliches Backfett, in Kombination mit Ultraschall-Gleitschleim.

Dominas sind immer Frauen und Männer suchen die Unterwerfung. Stimmt das?

Sexarbeit öffnet sich immer mehr für alle Geschlechter. Ich bin vor zehn Jahren in das Geschäft eingestiegen. Seitdem ist der Anteil der Kundinnen gestiegen, ich würde behaupten, er liegt bei 15 bis 20 Prozent. Ich habe einige Stammkundinnen. Es gibt auch immer mehr Männer, die sexuelle Dienstleistungen für Frauen anbieten. Transsexuelle Kund*innen und andere, die mit sexuellen Identitäten spielen, gab es schon immer. Oft waren sie nicht geoutet und haben versucht, sich auf diese Weise an ihre Sexualität heranzutasten.

Wie läuft ein Termin bei Ihnen ab?

Zunächst gibt es ein Vorgespräch: Ich habe es oft mit Menschen zu tun, die Neugierde und Verlangen haben, aber nicht wissen, wie sie diese ausdrücken können. Manche erzählen: Ich bin jetzt Mitte 50, seit 20 Jahren glücklich verheiratet. Aber ich habe da ein Verlangen, das mein Partner nicht befriedigen kann oder will. Oder auch: Ich traue mich nicht, Wünsche anzusprechen oder habe Angst, abgewiesen zu werden. Bei Sexarbeit geht viel um offene Kommunikation, was nicht immer einfach ist. Ich versuche dann die Bedürfnisse zu erahnen. Manchmal liege ich auch falsch.

Wie sieht die Zukunft für Sexarbeiter*innen aus?

Einerseits gibt es Menschen, die unserem Berufszweig positiv gegenüberstehen. Das konservative Lager jedoch hat viel Geld und besetzt viele Machtpositionen. Es ist sehr laut. Das macht mir große Sorgen, wie auch der Aufstieg der Neuen Rechten, die ökonomische Ausbeutung von Menschen, die wachsende Armut – das alles hängt zusammen.

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