vontazlab 23.04.2018

taz lab

Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

Mehr über diesen Blog

Aufgrund eines Ausländerstatus bekommen viele überqualifizierte Menschen keinen adäquaten Job. Der Immigrant ist immer Repräsentant seines ganzen Landes und wird als Beispiel für die Bestätigung der eigenen Vorurteile benutzt. Nur Inländer, die die erwartete phänotypischer Kriterien entsprechen, vermögen den Privileg zu gönnen, sich als eigenständige Subjekte zu repräsentieren.

Für Ausländer bleibt eine extreme Visibilität für alles, was unangemessen ist. Um die geeignete Arbeit zu bekommen, müssen also viele Hindernisse überwunden zu werden, die weit über meritokratische Prinzipien hinausgehen. Daher hilf es, zu verstehen, unter welchem Codes Fremdfeindlichkeit im deutschen Arbeitsmarkt operiert. Wie kleine Witze stets ernste Voreingenommenheit verbergen. Wie feine Unterschiede über Leben oder Überleben, Erfolg oder Scheitern entscheiden.

Im Schattenwirtschaft

Mit einem Abschluss in Visual Design hatte Aline Castro*, Jahrgang 1987, schon vieles an Berufserfahrung vorzuweisen, als sie entschied, nach Deutschland zu ziehen. Im Dienst einer Werbeagentur hatte sie in Brasilien bereits an der visual identity  von Produkte großer Korporationen wie Nestlé, Johnny Walker und FIFA mitgewirkt.

Doch Aline glaubte, dass das Studium in Europa sie beruflich voranbringen könnte. Deutschland erschien indessen eine exzellente Wahl, obwohl sie arbeiten muss, um sich zu finanzieren. Da kamen viele Herausforderungen ins Spiel, die sie nicht erwartete: „Auf der eine Seite schauen Europäer Einwanderer aufgrund der Sprache und des Akzents herab. Auf der anderen Seite werden Europäer oft als besser qualifiziert empfunden, weil sie im Design-Bereich Referenz sind. Das schafft ein ständiges Unsicherheitsgefühl“, erklärt Aline.

Heutzutage studiert sie Kunst und lernt Deutsch. Aufgrund eines begrenzten Arbeitserlaubnis seien aber die Arbeitsmöglichkeiten extrem unterfordernd: „Ich darf eine bestimmte Anzahl an Tage aber auch nicht Selbständig arbeiten. Daher finde ich kaum flexible und nicht ausbeuterische Jobs. Ich begann lieber unter Hand zu arbeiten, obwohl die Leute dabei so wenig wie möglich bezahlen wollen“, so Aline.

Wie in der Grundschule

Marcela Fae, Jahrgang 1983, ist Kommunikationswissenschaftlerin mit Abschluss in Marketing und Werbung. Außerdem ist sie in Mode und Fotographie ausgebildet. Nach Deutschland kam sie erst im Auftrag einer brasilianischen Werbeagentur zur Markterkundung. Sie wollte aber bleiben und übernahm eine Vollzeitstelle als Beraterin in einem Start-Up, das damals einem der großen Medienhäuser Deutschlands gehörte.

Sie konnte ihre Funktion aber nicht wirklich erfüllen, da Arbeitskollegen ihre Vorschläge aufgrund einer angeblichen „Unkenntnis des deutschen Marktes“ systematisch ablehnten.

„Manchmal schlugen deutsche Kollegen dieselben Ideen vor wie ich und wurden dafür gelobt. Dass ich die selbe Idee Tagen vorher vorgeschlagen hatte, wurde ignoriert. Wenn unsere Leitung nicht anwesend war, hielten sie die Meetings extra auf Deutsch ab, sodass ich kaum teilnehmen könnte. Sie hatten sichtbar wenig Erfahrung und verhielten sich wie Grundschüler“ sagt Marcela.

„Ein Freund hat mir mal gesagt: Egal, wie gut du hier bist, du wirst nie der Chef sein. Scheinbar stimmt das leider“, erzählt Marcela. Sie verließ das Start Up und machte sich als Photographin selbstständig. Doch neue Herausforderung tauchten auf: „Andere Photographen mit ähnlicher Technik und gleichem Erfahrungsniveau verdienen, für den gleichen Job, häufig doppelt- bis dreimal so viel wie ich“, sagt sie. Heute betreibt Marcela die Webseite fotostrasse.com und hat Kunden aus der ganzen Welt. Das Start Up, bei dem sie früher arbeitete, ging in Pleite.

Mit Vitamin B geht alles

Amélia Palmares*, Jahrgang 1980, ist Juristin und Sozialwissenschaftlerin und kam 2011 ohne Arbeitsvertrag nach Deutschland. Zuvor hatte sie in Brasilien als Forscherin und lehrte an einer Universität. Palmares informierte sich über die Aktivitäten und Infrastruktur des deutschen akademischen Bereiches, um sich für Promotionsstellen zu bewerben. Das wichtigste entdecke sie aber erst später.

Nach viele frustrierende Bewerbungen fiel Palmares ein, dass es ihr „Vitamin B“ fehlte: Beziehungen oder Bekanntschaften aus dem globalen Norden, die ihr den Weg eröffnen. Zumal auch alle Referenzen oder Institutionen aufgrund von Vorurteilen oder Desinteresse als zuverlässig gelten. „Bei einem Interview wurde mir z.B. von einem Professor in Sozialwissenschaften gefragt, ob ich mit seiner Abteilung im Schritt halten könnte, weil Südländer in der Regel das deutsche Bildungssystem verlagsammen. Ich hatte zwar einen Masterabschluss, genug Arbeitserfahrung und gute Referenzen, die aber nicht bekannt waren. Daher musste ich von null an neu starten“, sagt Palmares.

Sie fing also einen Masters in Migration und interkulturelle Beziehungen in Deutschland an. Erst mit dem europäischen Titel änderten sich Palmares Chancen zu promovieren, was sie vorher nicht erwartet hätte: „Der Zugang zu den Lehr- und Forschungseinrichtungen funktioniert nicht so wie im offiziellen deutschen Diskurs propagiert wird. Kompetenz und formales Wissen reichen nicht. Man braucht die richtige Referenzen“.

Heute promoviert Palmares in der Universität Freiburg mit Betreuung aus der Humboldt-Universität. Sie arbeite zwar mit Menschen, die auf ihre Position als Immigrantin sensibilisiert sind, aber muss immer noch gegen Fremdfeindlichkeit kämpfen: „Es ist interessant, aus Brasilien zu sein, weil wir kein typisches Aussehen haben. Ich bin zum Beispiel weiß. Aber wenn ich aus irgendeinem Grund sage, dass ich aus Brasilien komme, verändert sich die Vision über mich, als würde ich keine ernste Person mehr wäre,“ sagt Palmares.

 

*Aline Castro und Amélia Palmares sind fiktive Namen, die auf Wunsch und zum Schutz der Interviewten geändert wurden.

 

JOÃO DA MATA, taz lab-Redakteur

Foto: Christian Ditsch

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/23/du-wirst-nie-der-chef-sein/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.