vontazlab 24.04.2018

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Von Louisa Lenz

„Meine Tochter wird mit über 60 mit Sicherheit noch arbeiten“, sagt taz-Redakteurin und Moderatorin Barbara Dribbusch. Neuerdings sind über 60-Jährige auf dem Arbeitsmarkt wieder stark gefragt. „Arbeit 6.0 für Fortgeschrittene“ heißt die Debatte über die Jobchancen in späten Jahren mit Personalrat und Kinderkrankenpfleger Carsten Becker, Sozialwissenschaftler Götz Richter und Cornelia Sperling, Initiatorin von „Mäuse für Ältere“. Das Zelt auf der Terrasse des HKW ist gut gefüllt, das Publikum ist durchschnittlich etwa Mitte 60, trägt Seidenblusen und schreibt fleißig und interessiert mit. Eine Vorstellungsrunde beginnt.

„Ich bin hier das Praxisbeispiel“, sagt Cornelia Sperling. „Ich bin 68 Jahre alt und bekomme eine Rente von exakt 942 Euro und 32 Cent, das liegt knapp über der Grundsicherung und ist nicht genug“. Sperling arbeitet also noch, aber: Nicht unbedingt, weil sie muss, sondern auch weil sie will. „Es gibt drei Arten von Arbeit im Alter“, sagt Sperling. Die, die ihre Arbeit wegen beruflicher Kompetenzen weiterführen, etwa Ärzt*innen oder Psychotherapeut*innen. Die, die auf Minijobs angewiesen sind. Und die, die noch einmal etwas Neues schaffen wollen, wie sie selbst. „Arbeit im Alter und persönlich Weiterentwicklung hängt bei mir zusammen“.

Carsten Becker rief letztes Jahr zum Streik an der Charité auf. Nicht wegen mehr Geld – sondern wegen mehr Personal. In einem der härtesten Arbeitsfeldern überhaupt käme es wegen des schlechten Versorgungsschlüssels oft zu Beschwerden wie Rückenproblemen oder psychischen Belastungen. Trotzdem sei die Arbeit am Menschen – auch im Alter – eine der interessantesten Berufe, die man sich vorstellen könne, sagt Becker.

Welche Arbeit ist geeignet?

Götz Richter sagt, dass es zu stärkerer Individualisierung in der Arbeit kommen wird und, dass die Arbeit nun stärker an den Menschen angepasst werden muss, als anders herum.

Die Vorstellung, dass Leute, die schon älter sind, nicht mehr geeignet sind, sei falsch. Eine kleine Anekdote: Es gäbe etwa auch Politolog*innen, die im Alter großen Spaß darin finden, an einer Aral-Tankstelle zu arbeiten, erzählt Dribbusch.

Zurück zu den ernsten Themen: Becker spricht über den Personalmangel in der Pflege. Heutzutage gelte, nur harte Arbeit sei gute Arbeit, sagt Richter. „Trotzdem ist es ein toller Gewinn, dass wir mit über 60 noch arbeiten können“, sagt er. Sperling ergänzt, dass es besonders für kleine Betriebe super wäre, flexible Rentner*innen einzustellen. Es sei wichtig, eine Arbeit zu finden, die zufrieden macht und den Menschen fit hält. Auch sei Arbeit im Alter eine hervorragende Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen. Und gemischte Teams seien laut Studien ohnehin am effektivsten.

Doch was sollen Rentner*innen in der Pflege eigentlich genau machen? Becker bringt die positiven Zukunftsvisionen erst einmal zurück auf den Boden: „Zuerst muss politisch etwas passieren, wie die ausreichende Finanzierung von Krankenhäusern“. Auch das sehr aufmerksame und engagierte Publikum meldet sich oft zu Wort. Und wo sehen sich die Referent*innen in zehn Jahren? „Es gibt einen Boom in Pflegeberufen, weil diese dann so attraktiv und kompetent sind“, sagt Becker und lacht. Da ist wohl ein leicht ironischer Unterton zu hören.

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