vontazlab 24.04.2018

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Von Linda Rustemeier

Der Vortrag beginnt schon am Eingang vor dem Raum K2: Eine vermeintliche Putzfrau empfängt die Besuch*innen. Die Dame stellt sich später als die Referentin und Beraterin der Agentur „ArbeitGestalten“, Viveka Ansorge, heraus. Im Vorfeld versperrt sie den Eingang mit einer Wischperformance mit einem stereotypischen Putzkittel. Ein Gag – der nicht so richtig ankam, sondern eher, natürlich in reiner Absicht, irritierte.

Ihren Kritikpunkt macht sie zu Beginn dann klarer: Die, die für uns im Alltag putzen und kochen, sind nicht wirklich sichtbar- nur ihr Arbeitsprozess. Das ist nur der Fall, weil sie meistens arbeiten, wenn die restlichen Arbeitnehmer*innen es nicht mehr oder noch nicht tun, um ihnen nicht in die Quere zu kommen.

Dies hat die Arbeitsforscherin mit ihrem Team im „Berliner Branchenreport Gebäudereinigung von 2016“ und im „Report zur Gemeinschaftsverpflegung in Berlin von 2017“ deutlich dargestellt: „Es gibt Branchen, wie die Reinigungs- und Gastrobranche in Berlin, die sklavenähnliche Arbeitsbedingungen und Gewerkschaftsfreiheiten pflegt.“

„We kehr for you“

Ihr Vortrag startete über Zeitungsartikel in denen es heißt Schüler*innen Berliner Schulen würden den „schmutzigen Toiletten den Kampf“ ansagen. Wie kann das sein, dass Schüler*innen selbst putzen müssen? Mit 35.000 Beschäftigten, rund 650 Millionen Euro Umsatz, 2.500 Betrieben in Berlin sind es rund 60 Prozent weibliche Angestellte in Berlin Frauen, 70 Prozent Frauenanteil wären es in Deutschland.

Übrigens bezahle Deutschland statistisch noch am besten in Europa und bei vielen Stellen obendrauf, konstatiert Ansorge. In der Lohngruppe 1, verdienen sie pro Stunde 9,55 Euro im Osten, 10,30 Euro im Westen – und das immer noch trotz der langen Zeit seit der Wiedervereinigung. Die meisten sind aus Kostengründen Mini- und Teilzeitjobs.

Akteur*innen europaweiter Kampagnen versuchen seit einiger Zeit die Bedingungen durch Poster zu stärken. So hat die erfolgreiche Kampagne der Berliner Stadtreinigung (BSR) „We kehr for you“ gezeigt, das schon eine veränderte Selbstdarstellung sowohl auf die Selbstwahrnehmung als auch auf die Fremdwahrnehmung positiv wirken kann.

Miserable Arbeitsbedingungen mitten in Deutschland

Auch bei der Ernährungsbranche sind die Bedingungen sehr viel mehr schlecht als recht. Mit rund 106.579 Beschäftigten im Gastgewerbe, sei er einer der prekärsten Bereiche, die unbedingt eine größere Lobby bräuchten. Das Schulessen sei ungesund, weil nicht nur günstig eingekauft wird, sondern weil angeblich „ungelernten Arbeitskräften“ das Gemüse verkochten, obwohl viele Prozesse, wie denen am Fließband, vollautomatisiert sind.

Das sagt zumindest der TV-Koch Frank Rosin, außerdem werden die Mitarbeiter*innen wie Sklaveneinheiten in den Küchen aufgebaut. Auch hier fehle es an Gewerkschaften. Man muss also nicht nach Bangladesch oder in weite Ferne gehen, sondern miserable Arbeitsbedingungen sind mitten in Deutschland mehr als Zufall.

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