vontazlab 24.04.2018

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Von Seyda Kurt

Mindestens einer, und das ist Moderator und taz lab-Kurator Jan Feddersen, kann sein Glück an diesem Nachmittag kaum fassen: Da sitzt tatsächlich Gunda Niemann-Stirnemann, die Eisschnellläuferin des Jahrhunderts! Er sagt: Ihr athletischer Wille sei „Schönheit, die sich nicht erklären muss“.

Mit Eisschnelllauf können zwar nicht alle am Tisch etwas anfangen, außer noch Co-Moderator und taz-Redakteur Jann-Luca Zinser, der selbst lange auf dem Eis stand. Doch das Gespräch nennt sich „Ohne Fleiß kein Preis“, heißt: Nur wer hart ackert, darf sich auf die Belohnung freuen. „Warum sollen wir nicht in einem links-grün-alternativen Kontext darüber sprechen, was Fleiß bedeutet?“, fragt Feddersen. Mit unzähligen Medaillen und 19 Weltrekorden stand Niemann-Stirnemann 15 Jahre lang an der Spitze. Da hat sie sicherlich einiges zu sagen.

In Thüringen geboren und sozialisiert, legte Niemann-Stirnemann seit ihrer Kindheit außerordentliche Disziplin an den Tag, genau so wie man es in der DDR mochte: in jeweils zweistündigen, sich abwechselnden Blöcken aus Schulunterricht und Trainingseinheiten jagte sie durch die Sportschule.

Mehr als Fleiß: Glück

Sportler*innen wussten, dass die Belohnungsmechanismen ihrer Nation, bei denen am Ende soziale Anerkennung winkte, in ihrem Berufszweig sondergleichen perfektioniert waren: Jene, die bei den olympischen Wettkämpfen Medaillen gewannen – so erzählt Niemann-Stirnemann – durften zurück in der Heimat den vorderen Ausgang aus dem Flugzeug nehmen, um sich von Parteifunktionär*innen und Fans bejubeln zu lassen. Allen anderen Sportler*innen blieb der Heimweg über den versteckten Hinterausgang des Fliegers.

Der Duden sagt, Fleiß das sei „strebsames und unermüdliches Arbeiten“. Was in der Erzählung fehlt: das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren zu sein, um sich für ein strebsames Leben entscheiden zu können. Dafür spricht Niemann-Stirnemann an diesem Tag mehrmals von „Glück“: jenes, in eine sportliche Familie geboren zu sein; das Glück, gute Gene und ein starkes Herz zu haben, dass die strapazierenden Trainingseinheiten erträgt; das Glück, durch sportliche Leistung so große gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren, dass sie selbst nach der Beendigung ihrer Karriere im Jahre 2005 vom Ministerium in Thüringen mit Kusshand aufgenommen wurde.

Und nicht zuletzt – wie Zinser folgerichtig hinzufügt – das Glück, sein Talent überhaupt entdecken zu können.

Nein, hier sitzt in der Tat keine verbitterte Tonya Harding – jene Eiskunstläuferin, die von Margot Robbie verkörpert seit kurzem zumindest wieder auf den internationalen Leinwänden Erfolge feiern darf. Sie war zwar in den 90ern die erste Frau, die dreifache Axelsprünge in der Kür erfolgreich stand. Mehr noch machte sie jedoch mit dem Attentat auf ihre Konkurrentin von sich zu sprechen.

Durchbeißen und weiter machen

Dieser wurde vor einem wichtigen Wettkampf das Knie zertrümmert, Harding dafür ihr Leben lang gesperrt. Sie war fleißig und wurde doch das Gefühl nicht los – im Gegensatz zu Niemann-Stirnemann – das Glück sei auf der Seite der anderen, und dem gehöre nachgeholfen.

Wertschätzung als Anreiz funktioniert aber auch – oder vor allem – im nicht-staatlichen Kontext: Unter den vielen Geschwistern sei sie die jüngste gewesen und habe schon früh die fehlende Anerkennung beim Sport gesucht, erzählt Niemann-Stirnemann. Durchbeißen, weiter machen, wo andere schon aufgeben: „Man muss schon verrückt sein und man muss es leben.“ Einmal an der Weltspitze angekommen, muss der Titel unweigerlich verteidigt werden, man darf nie den Kampfgeist und die Willensstärke verlieren.

Diese bewies sie spätestens als sie sich gegen die Linie der deutschen Sportfunktionär*innen entschied, die neuen Klappschlittschuhe, mit denen die niederländischen Kolleg*innen bereits Erfolge verzeichneten, zu tragen. Bei einer geheimen Anprobe merkte Niemann-Stirnemann: Mit diesem neuen Material sparte sie in jeder Laufrunde mindestens eine Sekunde. Zum Preis gehören also nicht nur Fleiß und Glück, sondern auch die richtigen Schuhe.

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