vontazlab 24.04.2018

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Von Samba Gueye

Am runden Tisch sind zwei Generationen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten versammelt – allesamt türkischer Herkunft. Doch was vereint und was trennt die Menschen, die heute als MigrantInnen nach Deutschland kommen, und die, die vor einigen Jahrzehnten als ArbeiterInnen eine neue Heimat in diesem Land gefunden haben? Dieser Frage wollen die taz gazete-Redakteure Ebru Tașdemir, Canset Icpinar, Elisabeth Kimmerle, Ali Çelikkan und Volkan Ağar auf den Grund gehen.

„Wir sind damals gekommen und waren Ausländer. Unsere Kinder sind keine Ausländer mehr“, sagt Rentnerin Atiye Altül. Die ehemalige Schauspielerin ist 1970 nach Deutschland gekommen. Sie erzählt, wie sie damals Rassismus erlebt und man versucht hat, sie auf dem Arbeitsmarkt auszubeuten.

Doch sie habe sich das nicht so leicht gefallen lassen, erzählt sie. Nachdem sie sich bei einem Vorarbeiter bei Siemens über die über der rechtlichen Grenze liegenden Anzahl an Arbeitsstunden beschwerte, wollte dieser ihr drohen: Er würde sie zurück in die Türkei schicken. „Ach, ja gut, dann muss ich meine Rückreise nicht selbst zahlen“, entgegnete die damals noch junge Atiye Altül. „Ich dachte ich komme in ein demokratisches Deutschland. Stattdessen bin ich in ein faschistisches Deutschland gekommen.“

Auch habe sie sich damals über subtile und rassistische Äußerungen in der Universität geärgert. Ungläubiges Staunen oder die Frage „Nein, wirklich?“ sei oft vorgekommen, wenn sie Deutschen gesagt habe, dass sie studiere.

Englisch als Chance

Der ehemalige Cumhuriyet-Redakteur Ali Çelikkan sieht in den besseren Englischkenntnissenden Grund dafür, dass es der jüngeren Generation leichter falle sich zu integrieren. Das sei das Beste an der Globalisierung, scherzt er.

Auch der Programmierer Kaan Dedeoğlu hatte es leicht, in Deutschland Anschluss und einen Job zu finden. Er wäre in der Türkei geblieben, wenn er gewollt hätte, behauptet er. Doch Moderatorin Sibel Schick merkt an, dass gerade Dedeoğlu es leichter habe als andere – ein blonder Mensch männlichen Geschlechts. Frauen dagegen hätten sowohl mit Rassismus als auch mit Sexismus zu kämpfen.

Einig sind sich die ReferentInnen darüber, dass es große Unterschiede zwischen Generationen gibt. Derya Yldiz sieht sich eher als Kind der Randbezirke. Sie sagt, ihr habe in jungen Jahren das Bewusstsein dafür gefehlt, wie wichtig es sei, gut Englisch sprechen zu können. Heute führt sie einen Spätkauf und spielt mit Atiye Altül zusammen in einem deutsch-türkischen Theater. Ihre Kinder sagt sie, hätten bessere Chancen auf Integration – auch, weil sie Englisch gelernt hätten.

 

Ayşe Tunca, Produzentin bei Kanka Productions, weist darauf hin, dass die jungen Menschen über die Sozialen Medien besser vernetzt seien. Es gäbe zum Beispiel eine Facebook-Gruppe namens „New Wave Berlin“, auf der sich Neu-Angekommene mit Menschen austauschen können, die schon länger hier leben.

Bis heute, so scheint das Ergebnis der Diskussion, ist das Milieu, die sozialen Schicht, aus der man stammt, ein wichtiger Faktor, der über eine gelingende Integration entscheidet. Die Veranstaltung zeigte auch, dass Globalisierung und Digitalisierung aufstrebenden jungen MigrantInnen das Ankommen zumindest ein wenig leichter macht.

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