vontazlab 24.04.2018

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Von Finn Schädlich

Ein Blick auf die Zahlen ernüchtert. Weniger als sechs Millionen Arbeitnehmer*innen gehören heutzutage noch den Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) an. 1990 waren es beinahe doppelt so viele. Zumindest beim taz lab haben die Gewerkschaften noch Anziehungskraft, wenn in Zelt 2 über die Zukunft diskutiert wird.

Witich Roßmann, DGB-Vorsitzender im Stadtverband Köln, sieht die Gewerkschaften nicht in einer existenziellen Krise: „Die absoluten Zahlen sagen nicht viel, wir haben zwar Austritte, aber auch viele Neumitglieder.“ Die Organisation der Beschäftigten sei allerdings schwieriger geworden. Arbeitnehmer*innen wechselten häufiger die Branchen, verschiedene Beschäftigungsverhältnisse schafften Konkurrenz untereinander, die traditionelle Arbeiterfamilie sterbe aus.

Darin sind sich alle Diskutanten*innen einig: der Arbeitskampf ist härter als früher. „Die eine Seite hat den sozialpartnerlichen Weg verlassen“, sagt Katharina Schwabedissen. Die ehemalige Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen arbeitet als Gewerkschaftssekretärin bei Verdi. „Die Auseinandersetzung ist in den letzten Jahren deutlich brutaler geworden.“ Erpressung und Drohungen seien immer üblicher.

Die Zeit ist gekommen

Das erlebt auch Roßmann: „Gerade in Start-Ups und der IT-Branche haben die Chefs die brutal selbstverständliche Auffassung, dass Betriebsräte in ihrem Betrieb nichts zu suchen haben. Von diesem Unternehmertypus werden Betriebsräte hart gemobbt und systematisch bekämpft.“ Wenn ein Betriebsrat verhindert wurde, werde damit geprahlt.

Diese Methoden werden in den USA unter einem Schlagwort zusammengefasst: Union Busting, die systematische, professionelle Unterdrückung von Arbeitnehmervertretungen durch Anwälte, Unternehmensberater und Personalchefs. Als Jessica Reisner, Mitgründerin des Vereins „aktion ./. arbeitsunrecht“, anfing, sich mit den Vorfällen beschäftigte, stieß sie auf Unkenntnis: „Wir haben als erstes bei den Gewerkschaften nachgefragt, aber die hatten keinerlei Zahlen dazu.“ Mittlerweile sei die Aufmerksamkeit jedoch da.

Die Gewerkschaften versuchen sich auf die neue Arbeitswelt einzustellen. „Unsere Organisationsform mit vielen Gremien und ständigen Treffen, ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagt Schwabedissen. Wir bezeichnen uns manchmal selber als großen Dinosaurier.“ Heutzutage seien kreative Formen des Widerstands und eine bessere Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Organisation gefragt.

Einen Abgesang auf die Gewerkschaften will hier niemand anstimmen. Doch Enthusiasmus klingt auch anders. „Großes Potenzial“, „solide“, „viele kleine Nadelstiche“, das ist nicht das Vokabular einer neuen großen Arbeiterrevolution. Verdi-Gewerkschaftssekretärin Schwabedissen gibt sich zweckoptimistisch: „Wir haben in den letzten Jahren einige Erfolge errungen. Ich glaube, dass jetzt die Zeit gekommen ist, um etwas zu bewegen.“

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