vontazlab 26.04.2018

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Von Sonja Lindhauer

Die Arbeiterklasse ist spätestens seit Donald Trumps Wahlerfolg wieder in den Blick der öffentlichen Diskussion gerückt. Doch wen schaut man eigentlich an? Am runden Tisch des Marktplatzes, an dem taz-Themenchefin Katja Kullmann zum „Küchengespräch“ gerufen hat, wird das neue Proletariat erkundet. Man sitzt sich gegenüber, alle können sich sehen. Über eins herrscht schnell Konsens: Die, um die es hier geht, sind und bleiben hingegen meist unsichtbar.

Der Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe erklärt, der Begriff des Proletariats sei seit seiner Entstehung im Vormärz ein diverser Begriff. Einziges Kriterium: Eigentumslosigkeit. Das trifft heute auf viele Arbeitnehmer_innen zu, z.B. Zimmermädchen, Fahrradkuriere, Pflegekräfte, Kulturschaffende und Akademiker_innen. Gewissermaßen kehrt das Proletariat also zu seiner ursprünglichen Definition zurück, das marxistisch geprägte Bild der Malocher_innen ist nicht länger repräsentativ.

Trotz dieser großen und bunten Menge an Proletarier_innen gibt es jedoch keinen Zusammenhalt – laut Autor Florian Günther aufgrund der kapitalistischen Arbeitsverträge, die den Austausch über das eigene Einkommen verbieten. Die Folgen seien Feindschaft und Konkurrenz anstatt Ideen der gemeinsamen Organisation. Als „Speerspitze“ dieser nicht organisierten Arbeit bezeichnet Journalistin Nina Scholz die Clickworker, Internetnutzer_innen, die freiberuflich kleine Online-Aufträge erledigen. Am flexibilisierten Arbeitsmarkt gilt: Man konkurriert, nur sieht man gar nicht, mit wem.

Prekarisierte, proletarisierte, abgehängte Verlierer

Tischlerlehrling Lino Steinwärder versucht, dieser mangelnden Organisation in seinem Gewerbe entgegenzuwirken: Die von ihm mitbegründete AZV, eine Vertretung Berliner Auszubildender, will auf die vielen Missstände in den Betrieben aufmerksam machen und über Wandelmöglichkeiten informieren.

Es sind Initiativen wie diese, lokal, direkt, niedrigschwellig, die allen am Tisch als sinnvolle Orte des Sichtbarwerdens erscheinen. Der tatsächliche Umschwung, der die Chancen des Proletariats realisiert, brauche jedoch stärkere übergeordnete Strukturen – ob auf staatlicher oder zivilgesellschaftlicher Ebene, bleibt ungeklärt.

Nicht zuletzt gibt es viele Menschen, die nach wie vor aus dem Blickfeld jeder Vernetzung fallen, von Kullmann die „prekarisierten, proletarisierten, abgehängten Verlierer“ genannt. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen, übersehen, vergessen und bleiben unter sich. Günthers Einwurf, sie würden doch auch tatsächlich nicht ernstgenommen, bleibt im Raum stehen, ebenso wie der Verweis auf die fortbestehende Stigmatisierung der abgehängten „Prolet_innen“. Mit am Tisch sitzen sie auch hier nicht – und sind doch sichtbar unsichtbar.

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