vontazlabteam 26.04.2018

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„Soziale Berufe sind das Grundgerüst einer Gesellschaft“ sagt Erzieherin Jutta Wüst. Und wie steht es um diese – so gesellschaftlich wichtigen – Berufe? Flächendeckende Unterbesetzung, schlechte Bezahlung und wenig Anerkennung. Ein Gespräch zwischen Tobias Burdukat, Gründer des Dorfes der Jugend, Erzieherin Jutta Wüst, Maike Kohout, Erzieherin in einer Grundschule, und Natalya Nepomnyashcha, Gründerin Netzwerk Chancen, die allesamt im sozialen Bereich tätig sind.

 

Jan Pfaff: Was ist Glück in Euren Berufen?

Kohout: Die Möglichkeit, Kindern etwas beizubringen und sie auf ihrem Lebensweg zu begleiten.

Burdukat: Die Gelegenheit, gesellschaftlichen Wandel durch die Arbeit – statt auf Demos – auszuleben und voranzubringen. Und wenn junge Menschen gesellschaftliche Bedingungen nicht unreflektiert übernehmen.

Wüst: Glücklich machen mich andere Dinge, als diese Arbeit, aber sie macht mich zufrieden.

Nepomnyashcha: Mich macht es wahnsinnig glücklich, für eine Sache zu kämpfen, die mir am Herzen liegt.

 

Wie seht ihr die Arbeitsbedingungen für soziale Berufe?

Burdukat: Die Sozialarbeit hat es selbst versäumt, sich in den Fokus zu rücken. Die Mentalität hat sich gesellschaftlich so manifestiert, dass nach sozialen Berufen gerufen wird, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wie jetzt.

Wüst: Soziale Arbeit sollte als wahnsinniger Beitrag für die Gesellschaft entsprechende Arbeitsbedingungen haben. Menschen haben es verdient, in Würde zu altern, Kinder haben es verdient, gut betreut zu werden, sie sind unsere Zukunft.

Kohout: Jedes Individuum sollte laut Regierung wertgeschätzt werden, aber der passende Rahmen fehlt. Das Thema Inklusion macht es nicht einfacher im Alltag. Es gibt einfach zu wenig Erzieher*innen. Wenn die Gesellschaft uns so wichtig ist, wie wir immer sagen, müssen wir in der Kita anfangen.

Burdukat: Es gibt eine große Offenheit, in Bildung zu investieren, aber an der Umsetzung scheitert es. Es gibt keine so große Lobby für soziale Berufe, wie beispielsweise für Wirtschaftsunternehmen. Sogar Christian Lindner stimmt mir bei Chancengerechtigkeit zu, nur was wir darunter verstehen, darüber sind wir uns nicht einig. Es muss mehr öffentlichen Druck von Bürger*innen und Medien geben, wie zum Beispiel während der MeToo-Dabatte.

 

Was erwartet ihr von der Politik?

Burdukat: Der Skandal wird kommen. Das Problem ist, dass es viel zu wenig sozialpädagogischen Praktiker*innen in der Politik gibt.

Nepomnyashcha: Der Etat für die Verteidigung steigt stetig, er ist viel höher als der im Sozialwesen.

Kohout: Es gibt einfach zu wenig Erzieher*innen, die freien Stellen können nicht besetzt werden, der Erzieher*innenberuf muss attraktiver werden.

Wüst: In sozialen Berufen kann man nicht nach Wirtschaftlichkeit gehen. Zudem handelt es sich um eine hochqualifizierte Ausbildung. Es geht nicht nur ums Basteln und Spielen. Ich denke immer, dass doch auch die Politiker*innen pflegebedürftige Angehörige oder zu betreuende Kinder haben. Warum sehen sie diese Not nicht?

Erzieherin aus dem Publikum: Man wird einfach nur verheizt. Ich appelliere an das Empowerment der Erzieher*innen. Das sind aber auch bestimmte Charaktere, die soziale Berufe ergreifen. Die stellen sich nicht einfach hin wie ein Bänker und verlangen 3.000 Euro mehr Geld.

Eine Mitschrift von Louisa Lenz

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https://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/26/unterbezahlt-und-nicht-anerkannt/

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