vontazlab 06.04.2019

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Von Felix Hackenbruch

Mehdi Naseri ist müde. 7:30 Uhr ist er nach Hause gekommen, nach einer langen Nacht auf der Autobahn. Jetzt sitzt er am Küchentisch des tazlab und trinkt Cola. Wach bleiben. „On the Road – Unterwegs auf Europas Fernstraßen“ heißt die Veranstaltung. Klingt nach Freiheit, Unabhängigkeit und Romantik. Für Naseri ist es ein knallhartes Geschäft. Wie jeden Abend ist er gestern um 19 Uhr bei seiner Spedition in Schönefeld mit seinem 40-Tonner gestartet. Sein Ziel: Lauenau hinter Hannover. Über die A2, wenn er Glück hat vier Stunden. Dort wird abgeladen – Lebensmittel. Naseri macht Pause, dann geht es zurück nach Berlin, dem Sonnenaufgang entgegen.

„Für mich ist das Tradition“, sagt Naseri. Schon in seiner Heimat, dem Iran, fuhr er LKW, wie sein Vater und sein Onkel. Als er vor drei Jahren nach Deutschland kam, war sein Führerschein jedoch nichts mehr wert. „Nicht einmal PKW durfte ich fahren.“ Also wieder Fahrschule, 360 Stunden.

Fahrer wie Naseri werden dringend benötigt. Rund 30.000 Stellen sind unbesetzt, sagt Autobahnanwalt Klemens Bruch. Doch die Arbeitsbedingungen sind wenig attraktiv. Lange Routen, soziale Isolation und ein Lohn von häufig gerade einmal 2000 Euro – brutto. „Viele junge Menschen fangen den Beruf an, sind nach zwei, drei Monaten aber bedient. Die wollen abends zu hause sein“, sagt Bruch. Ihn ärgert, dass Löhne und Arbeitsbedingungen unter der Konkurrenz aus Osteuropa leiden. Häufig würden die Spediteure deshalb auch tricksen – auf Kosten der Fahrer. „Es gibt die Abwägung bei Unternehmen, dass man einen Fahrer länger fahren lässt, um rentabel zu bleiben. Das Risiko, dass es kracht oder der Fahrer in eine Kontrolle kommt, nehmen die Spediteure in Kauf.“

Das bestätigt auch Jasmin Wucherer, eine der wenigen Berufskraftfahrerinnen. Nur 1,7 Prozent der Fernkraftfahrer sind weiblich – Wucherer hat den Job zehn Jahre gemacht. Vor allem in Italien war sie häufig. „Wen ich am Wochenende unterwegs war und Pause machen musste, habe immer versucht, ein bisschen Sightseeing zu machen.“ Sogar italienisch lernte sie. Doch damit ist Wucherer die Ausnahme. Auf den Raststätten herrsche ein rauer Ton, berichtet sie. Wenn am Sonntag Fahrverbot gelte, werde häufig getrunken. „Als Frau ist das manchmal schwierig“, sagt Wucherer. Auf manchen Autohöfen gebe es zudem Prostituierte, die nachts klopfen würden. „Ich habe deshalb angefangen, meinen BH an den Spiegel zu hängen. Dann ist klar, dass der LKW besetzt ist und man kann in Ruhe schlafen.“

Inzwischen ist Jasmin Wucherer nur noch selten auf der Straße. Sie wollte häufiger zu hause sein. „Man kann die sozialen Kontakte nicht mehr pflegen. Freunde und Partner gehen oft flöten.“ Vor zwei Jahren ist sie in die Personalabteilung gewechselt, hat unter anderem Mehdi Naseri ausgebildet. Der liebt den Asphalt trotz allem und denkt nicht ans Aufhören. „Ich möchte bis zur Rente weiterfahren. Das ist mein Job.“

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