vontazlab 06.04.2019

taz lab

Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

Mehr über diesen Blog

Von Josefine Strauß

Der sonnendurchflutete Panoramasaal füllt sich bis auf den letzten Platz zu einer der ersten taz.lab-Veranstaltungen des Tages. Auf dem Podium wird darüber diskutiert, wie Seenotrettung Grenzen sichtbar macht. Das rege Interesse ist nachvollziehbar, wurde das Thema doch in den letzten Monaten immer wieder heiß diskutiert.

Passend dazu greift Lin Hierse, taz-Redakteurin und Panel-Moderatorin, den kontroversen Zeit-Artikel „Oder soll man es lassen?“ über das Pro und Contra der Seenotrettung auf. Für Jana Ciernioch, die sich bei SOS Mediterranéé engagiert und mehrere Wochen an Bord der Aquarius gearbeitet hat, zeigt sich daran, wie sich der Diskurs dazu in Europa verschoben hat. Haben sich während ihres ersten Einsatzes 2017 hauptsächlich rechtsextreme Kräfte beschwert, ist mittlerweile der gesellschaftliche Konsens zur Seenotrettung komplett weggebrochen. Trotz der gesetzlichen Pflicht zur Seenotrettung, die im Völkerrecht verankert ist. Auch Gerald Knaus, Vorsitzender der Europäischen Stabilitätsinitiative, weist auf die aktuellen populistischen Entwicklungen in europäischen Ländern wie Italien hin und befürchtet, dass in Europa der Konsens über jedes humanitäre Thema, auch über die Seenotrettung wegbricht. Die Co-Vorsitzende der Linken Katja Kipping spricht von ein paar Monaten gelebter Menschlichkeit, einen „moment of political beauty“, der in eine Hexenjagd und der Aufkündigung der Menschenrechte umschwang.

Dazu wirft Knaus die Frage auf, ob es überhaupt die Möglichkeit gäbe, alle zu retten, die auf See sind oder nur Kooperation mit einzelnen Ländern schaffen können, dass weniger Menschen in Boote steigen. Für die Seenotrettungs-Beteiligte Ciernioch liegen gesamteuropäischen Lösungen aktuell jedoch weit entfernt, weshalb es kurzfristige und verlässliche Ansätze benötigt für Menschen, die auf Seenotrettung angewiesen sind. Auch Knaus wünscht sich eine schnelle humane Lösung, deswegen spricht er sich für eine Kooperation von wenigen europäischen Länder wie Deutschland, Griechenland und Spanien aus. Insgesamt plädiert er für realistische Ziele, mehr Menschlichkeit, die Anwendung des Flüchtlingsrechts und Abkommen mit anderen Ländern, um Kontingente zu erreichen, mit denen Menschen legal in europäische Länder flüchten können. Denn er betont, dass eine Flucht über den Seeweg viel Geld kostet und sich die Hilfsbedürftigsten nicht leisten können. Seine Rede wird mit viel Applaus belohnt. Aber auch die Co-Parteisitzende von Die Linke erhält viel Zustimmung für ihre Aussage, dass europäische Länder durch eine kapitalistische Produktionsweise permanent globale Ungleichheiten und Fluchtursachen fabrizieren. Sie plädiert für eine Energie- und Verkehrswende, einen Rüstungsexporte-Stopp und eine auf Konfliktvermeidung ausgerichteten Außenpolitik.

Letztendlich sind sich alle Diskussionsteilnehmer einig, dass Menschen in Lebensgefahr zu retten sind. Auch ein Zuhörer appelliert an mehr gesellschaftliches Engagement, denn die Seenotrettung geht alle Menschen etwas an.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/tazlab/2019/04/06/seenotrettung-geht-uns-alle-an/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.