vontazlab 06.04.2019

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Von Felix Hackenbruch

Dass sich bereits radikal etwas verändert, merkt man im sechsten Stock bereits 20 Minuten vor dem Gespräch über Radikalität. Der größten Raum beim tazlab ist übervoll. Menschen sitzen auf dem Boden, drängen sich vor der Tür bis zur Treppe, die Security versucht verzweifelt die Fluchtwege freizuhalten.

Vor eineinhalb Jahren sagte selbst SPD-Kennern der Name Kevin Kühnert nichts. Doch nach einer furiosen Kampagne gegen die Große Koalition ist der Bundesvorsitzende der Jusos zum Hoffnungsträger der Partei-Linken geworden. Über 90.000 Follower hat er auf Twitter – SPD-Parteichefin Andrea Nahles hat 11.600. Er sei der beliebteste Sozialdemokrat nach Gerhard Schröder, sagt taz-Redakteur Peter Unfried zur Begrüßung. Doch da grätscht ihm Kühnert schon dazwischen. Sein Anspruch sei es nicht den Weg von Schröder von links unten nach rechts oben zu gehen.

Kühnert: „Ich will mir noch in den Spiegel schauen können.“

Unfried: „Der Schröder kann sich bestimmt noch in den Spiegel schauen.“

Kühnert: „Ich bin mir sicher, er schaut sogar gerne in den Spiegel.“

Großer Lacher. Punkt für Kühnert. Dass der 29-Jährige eloquent ist – kein Geheimnis. Eigentlich sollte Kühnert hier mit Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit über Radikalität streiten. Doch der 79-Jährige liegt krank im Bett. Also Solo-Auftritt Kühnert. „Sind Sie radikal?“, will Unfried wissen. Kühnert lacht. „Es ist bezeichnend, dass die Kampagne gegen die GroKo als revolutionär gewertet wird. Wir haben nur an dem festgehalten, was der Parteivorstand zweimal beschlossen hat.“

Radikal findet Kühnert seine Forderungen überhaupt nicht. „Ich bin aufgewachsen mit dem Mantra der Alternativlosigkeit.“ Neoliberalismus – weniger Staat, mehr Markt. Für Kühnert kein imperativer Zustand. Es gebe keinen Anspruch auf Profit mit Mieten, in Pflegeheimen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Krankenhäusern oder der Postzustellung. Kühnert will an die Wurzel der Probleme, doch viel zu oft würde sich die Politik – auch die SPD – zu sehr in der Blase bewegen. „Wir sollten nicht Pyrrhussiege unter der Käseglocke feiern, sondern Diskussionen draußen in der Gesellschaft führen.“

In der Vergangenheit habe man sich zu oft mit Kompromissen zufriedengegeben. „Es gibt aber Ansätze, dass die Lust an der Kontroverse zunimmt“, sagt Kühnert und verweist auf die Debatte zur Enteignung von Immobilienfirmen, das Grundrenten-Konzept von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und die Schülerdemonstrationen für eine konsequentere Klimapolitik. Auch das findet Kühnert aber nicht radikal. „Da zitieren junge Menschen fast Wortgleich aus den Pariser Klimaabkommen.“ Nicht der Protest sei radikal, sondern die verantwortungslose Politik der Bundesregierung.

Nach eineinhalb Stunden hat man das Gefühl. Kühnert ist nicht radikal progressiv, die starre Politik um ihn herum lässt ihn nur so wirken. Erst ganz am Schluss wird Kühnert doch noch ein bisschen radikal. Es geht um das Wahlrecht für 16-Jährige, das immer wieder am Widerstand der Union scheitert. Dabei sei Wahlrecht ein Grundrecht und die Beschränkung ein massiver Eingriff in ebendiese, so Kühnert. „Argumentativ ist nicht der in der Bringschuld, der wählen will, sondern der, der das Wahlrecht beschneidet.“ Seine Vision: Wahlrecht von Geburt. „Dann entscheidet jeder selbst, wann er wählen geht. Das wäre vielleicht radikal, aber es käme meinem Empfinden von Gerechtigkeit am nächsten.“

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