vontazlab 08.04.2019

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von LINDA GERNER

In Sophie Passmanns Buch „Alte weiße Männer, ein Schlichtungsversuch“ wird die Autorin im Gespräch mit Kai Diekmann belehrt, dass Frauen einfach schlechter netzwerken als Männer. Die Feministin stimmt dem ehemaligen Bild-Chef in dem Punkt zu, dass es bei Männern verblüffend einfach zu sein scheint: Sie quatschen nach einem Meeting beim Feierabendbier, verstehen sich und sind ab sofort Verbündete im Joballtag.

Schade für Frauen also, denn die einfache Wahrheit scheint zu lauten: Männer können netzwerken, Frauen nicht. Auf dem taz lab stellt ein Podium mit dem Titel „Behind the Scenes – Feministische Netzwerke in Europa“ zum Glück nicht die generelle Fähigkeit von Frauen, Allianzen zu schließen, infrage. Die vier diskutierenden Frauen sind sich allerdings alle einig, dass netzwerken unter Frauen häufig ganz anders abläuft als bei Männern – strukturierter, lösungsorientierter, dadurch aber vielleicht auch anstrengender.

Unter der Moderation der stellvertretenden taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk diskutieren die beiden Politikerinnen Terry Reintke, Europaabegeordnete der Grünen, und Cansel Kiziltepe, stellvertretende Kreisvorsitzende der SPD Friedrichshain-Kreuzberg, mit Emilia Roig. Roig hat 2017 in Berlin das Center for Intersectional Justice (CIJ) gegründet, das sich für Gleichstellung und Gerechtigkeit für alle Menschen einsetzt und strukturelle, intersektionale Diskriminierung bekämpfen will.

Einfach mal entspannt feministisch austauschen

Emilia Roig erzählt, dass sie es häufig erlebe, dass netzwerken unter Frauen oft mit einem starken Effizienzgedanken passiere. Wo Männer Bier trinken, schreiben Frauen Protokolle und To-Do-Listen: „Ich habe das Gefühl, dass wir nicht das Privileg haben, einfach da zu sein, die Zeit zu genießen und zu wissen, dass es reicht wir selbst zu sein. Es gibt bei Frauen den Druck produktiv zu sein, einen Plan zu haben.“ Sie versuche inzwischen häufiger sich davon zu lösen und sich informell-aktivistisch mit Frauen gegenseitig zu empowern. Einfach mal entspannt in den feministischen Austausch kommen.

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Dass es ein großes Interesse an einem echten Austausch gibt, merkt man beim reinen Frauenpanel sofort: alle Podiumsteilnehmerinnen lassen sich gegenseitig ausreden, beantworten gewissenhaft Gottschalks Fragen, hören sich aufmerksam zu und gehen tatsächlich auf das Gesagte der anderen ein. Niemand möchte hier nur stur den eigenen Standpunkt vertreten – ein Verhalten, das sich in männlich-dominierten Podiumsdiskussionen zum Teil beobachten lässt.

„Wie kommen interessierte Frauen in ein feministisches Netzwerk?“, fragt Gottschalk in die Runde und Kiziltepe antwortet schlüssig: „Wenn man ein Netzwerk gründet, ist es zunächst natürlich ein engerer Kreis, der sich aber ausweitet, wenn sie weitere Frauen fragen, die gut da reinpassen.“ Die SPD-Politikerin kritisiert allerdings, dass es Frauen durch die bestehenden Strukturen häufig schwer gemacht werde, Beruf, Familie und Engagement zeitlich zu schaffen. „Ich denke auch Orte wie das taz lab können eine Möglichkeit sein, um sich zu vernetzen“, ergänzt Terry Reintke und schaut motivierend in das größtenteils weibliche Publikum.

Ausreichend Gesprächstoff, auch nach dem lab

Terry Reintke wurde 2017 von Time-Magazine gemeinsam mit den anderen Frauen der #MeToo-Bewegung zur „Person of the year“ gekürt. Reintke, die im EU-Parlament unter anderem Mitglied im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter ist, hatte in einer Rede im September 2017 einen persönlichen sexuellen Übergriff thematisiert und damit eine Debatte angeregt – auch über sexuelle Belästigung im Europaparlament: „Ich fand die Reaktionen unglaublich empowernd, es sind viele Frauen danach auf mich zugekommen“, erzählt sie.

Als die Diskussion um Harvey Weinstein im Oktober 2017 los ging, hatten die Frauen nach Reintkes Rede und den sich daran anschließenden Gesprächen bereits überfraktionell ein feministisches Netzwerk gebildet. Als es infrage gestellt wurde, wie wichtig das Thema denn wirklich sei, konnten sie sich gemeinsam stark dafür machen, dass die Sexismusdebatte sofort und mit Nachdruck geführt wurde.

In ihrem Joballtag erlebe Reintke immer wieder, dass ein großes Problem für Frauen die bestehenden sexistischen Strukturen sind: „In Parteien und Parlamenten gibt es zum Teil immer noch ein inakzeptables Verhalten gegenüber Frauen.“ Die Politikerin sag, dass sich da jede Partei nochmal auf die eigenen Finger schauen muss und sieht auch in ihrer eigenen Partei, trotz ausgeglichenem Geschlechterverhältnis, Verbesserungsbedarf: „Ich sage das jetzt mal einfach so ketzerisch: Auch bei den Grünen, obwohl sie sich gerne als durch und durch feministische Partei präsentieren, gibt es immer noch ein Mackertum, das Frauen einschüchtert und sie davon abhält für Parteiämter zu kandidieren.“ Sie habe leider das Gefühl, dass viele Männer immer noch dem Irrglauben erliegen, dass es nicht ihre Aufgabe sei, sich über Sexismus Gedanken zu machen.

Kluge Gedanken, etwa über den Gender Pay Gap im Zusammenhang mit Mieten, unbezahlte Pflegejobs und die Ausbeutung vieler Frauen mit Migrationshintergrund machen sich die Teilnehmerinnen des feministischen Podiums einige. Zu viele, um sie alle nachzuerzählen, aber auch aufgrund der begrenzten Diskussionszeit wenig genug, um für ausreichend Gesprächsstoff im Anschluss zu sorgen.

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