vontazlab 25.04.2021

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von David Zauner


Schon die Gruß- und Vorstellungsworte von Moderator Jan Feddersen machen deutlich, dass der Fokus des Gesprächs nicht im Politisch-Programmatischen liegen soll. Stattdessen geht es um die Person Susanne Hennig-Wellsow, seit bald zwei Monaten Parteivorsitzende der Linkspartei.

In der DDR geboren, war es vor allem die Wendezeit mit der Unsicherheit und Arbeitslosigkeit der Eltern, und den „hochpolitischen“ Diskussionen am Abendtisch, die Susanne Hennig-Wellsow politisierten.

Diese „orientierungslose Zeit“ bekommt die damals 12-Jährige durch die Brille ihrer Eltern mit. Zwar konnte der Vater seine Tätigkeit als Kriminalist auch nach der Wende fortsetzen und die Mutter fand nach kurzer Zeit wieder Arbeit, aber das Ende der DDR konnte vor allem ihr Vater nie vollends verkraften.

„Meine Eltern waren DDR-Gewinner“, erklärt Hennig-Wellsow. In der DDR hatten sie die Chance auf einen besseren Beruf, eine schöne Wohnung, einen Trabi. Auch sie beschreibt ihre Kindheit in der DDR als eine schöne, entspannte in einer solidarischen Klassengemeinschaft. „Die Verwerfung, den Druck, das Falsche an der DDR“ habe sie erst wesentlich später erkannt, so die Linken-Vorsitzende. Der Besuch der Gedenkstätte Buchenwald als Zehnjährige habe außerdem großen Einfluss auf sie gehabt und zu ihrer antifaschistischen Haltung geführt.

Freiheit der Anderen

Kurz nach der Wende habe sie sich wenig mit den äußeren und politischen Veränderungen befasst, sondern sich auf den Sport konzentriert. Bis 1999 war sie Eisschnellläuferin, betrieb Leistungssport. Doch manche Eindrücke der Konfrontation mit der „neuen Welt“ sind hängen geblieben.

So beschreibt sie ein Zusammentreffen mit einer Schulklasse aus Frankfurt am Main. Während eines Ringhockey-Spiels mit der anderen Klasse sei sie von ihrer Lehrerin dazu aufgefordert worden, nicht so viele Tore zu schießen. Schließlich wolle man sich hier benehmen.

Nach der Wende habe die PDS die Funktion erfüllt, ehemalige DDR-Bürger*innen zu stützen, über Sozialberatungen und ähnliche Angebote. So schloss sie sich mit Mitte 20 der PDS an, mit dem Ziel etwas zu verändern und tatsächlich umsetzen zu können. „Es ist ein Stück weit richtig, dass es uns [Linken] schwerfällt, über die eigene Vergangenheit zu reden“, allerdings hätten sich sehr viele Personen in der Partei und der DDR mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt.

Auf die Frage nach ihrem Bezug zur Freiheit antwortet die Politikerin: „Die Freiheit von uns allen können wir nur gewährleisten, wenn wir verstehen, dass wir alle für die Freiheit der Anderen verantwortlich sind“. Außerdem sei, so betont sie, das soziale Fundament, das Fundament der Freiheit der Einzelnen.

Gegen Ende möchte jemand aus dem Onlinechat wissen, welche Gedanken Hennig-Wellsow durch den Kopf gingen, als sie Thomas Kemmerich anlässlich seiner Wahl zum Ministerpräsidenten den Blumenstrauß vor die Füße geworfen hat. „Es war ein wildes Potpourri – aus Wut, aus Enttäuschung, aus Schock, aus Verachtung“, so Hennig-Wellsow.

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https://blogs.taz.de/tazlab/2021/04/25/politische-gesten-sagen-oft-mehr-als-tausend-analysen/

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kommentare

  • Meine Hochachtung für Frau H-W. Leistungssportlerin, ähnlich wie Frau Baerbock. Ich muss leider abkürzen, da der Autor einmal Hennig, ein ander Mal Henning schreibt, was ich als Unding empfinde.

  • „Es war ein wildes Potpourri aus Wut, aus Enttäuschung, aus Schock, aus Verachtung“ war eine Äußerung von Contenance, die, auch von mir mit Sympathie sehr begrüßt wurde. 🎩 ab!

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