vonteamtazost 27.08.2019

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Hier bloggen die taz-Reporter*innen aus Dresden und Berlin zu den Landtagswahlen 2019 in Sachsen und Brandenburg. #tazost

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Wenn die taz zur großen Sachsen-Gala lädt, ist die Gästeliste fast so breit aufgestellt wie die Zivilgesellschaft im Osten: Schriftsteller_innen, Autor_innen, Journalist_innen und Engagierte der Region kamen in Dresden zusammen, um zu zeigen, dass die Stadr nicht nur Pegida ist. Die stellvertretende taz-Chefredakteurin Barbara Junge, taz-Redakteur Christian Jakob und taz-Inlandskorrespondent Michael Bartsch führten durch den Abend.

Es ist Donnerstag, der 22. August 2019 um 20 Uhr. Die Stühle der Motorenhalle in Dresden-Friedrichstadt sind noch unbesetzt. Bekannte begrüßen sich im Hof, niemand will sich die letzten Sonnenstrahlen entgehen lassen. Als die Brassband Banda Internationale zu spielen beginnt, begeben sich die Gäste, vom schönen Wetter verabschiedend, ins Halbdunkle der Motorenhalle.

Nachzüglinge müssen die ersten Stuhlreihen anbauen. Die rund 130 Gäste klatschen für die Gruppe, in der Dresdner Musiker und Geflüchtete gemeinsam die Blasinstrumente klingen lassen – wenn nicht hier, dann auf Demonstrationen, in Geflüchtetenunterkünften und Schulen des Freistaats.

Seit vier Wochen ist die taz in Sachsen und Brandenburg unterwegs, trifft Menschen, spricht mit Politiker_innen und Engagierten aus der Zivilgesellschaft und berichtet über die kommenden Landtagswahlen. Die Sachsen-Gala ist Teil dieses Projekts. Die zentrale Frage des Abends: Was heißt es, im Osten Haltung zu zeigen?

Bedrohungen werden realer

Darauf antwortet zum Beispiel Annalena Schmidt. Die Aktivistin und grüne Kommunalpolitikerin lebt als Zugezogene in Bautzen. Hier brannte im Februar 2016 unter Applaus der Anwohner_innen eine für Geflüchtete vorgesehene Unterkunft, im September gleichen Jahres wurden Geflüchtete von Nazis über den Marktplatz gejagt. Als „Botschafterin für Toleranz und Demokratie“, ausgezeichnet von der Bundesregierung, hat Schmidt sich in der ostsächsischen Kreisstadt einen Namen gemacht. Über Bautzen hinaus ist sie bekannt, seitdem sie bei einem Bürgerforum im Februar 2019 für das Zitieren des Grundgesetzes ausgebuht wurde.

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Auf der Sachsen-Gala spricht das Stadtratsmitglied über die Morddrohungen, die sie regelmäßig erhält. Seit dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hinterlassen diese tiefere Spuren bei ihr. Die Bedrohung sei dadurch viel realer geworden. Auch, weil Drohanrufe aus Telefonzellen ihrer Nachbarschaft ausgingen, erzählt sie. Aufgeben sei trotzdem keine Option.

Das sieht auch Axel Steier so. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender der Dresdner NGO Mission Lifeline, die Menschen im Mittelmeer aus Seenot rettet. Im Alltag merke man schon, dass nicht alle dieser Arbeit positiv gegenüberstehen. Deswegen gibt es Schutzmaßnahmen: Die Büroadresse ist geheim, auch weil der Briefkasten der Postadresse schon öfter von Farbanschlägen getroffen wurde. Abends und nachts nimmt Steier das Auto statt der Bahn. Umso mehr spornen Erfolge wie die von ihm kürzlich erwirkte einstweilige Verfügung gegen Italiens Innenminister Matteo Salvini zum Weitermachen an.

Über die sächsische Landtagswahl spricht Andreas Püttmann. Der Politologe und Publizist ist Katholik und Christdemokrat ohne Parteibuch und Parteidisziplin, wie er selbst auf Twitter schreibt. In seinem Text „Die Nashörner kommen“ von 2016 beschreibt Püttmann, wie eine liberale Gesellschaft „überraschend schnell und aggressiv in ein totalitäres Regime verwandelt“ werden kann. Die Nashörner, in der Parabel Sinnbild für die Faschisten, breiten sich nicht zuletzt aus, weil Konservative keine Position beziehen.

Mit Satire gegen rechte Hetze

Eben das fordert Püttmann von der CDU, der er sich trotz Parteiaustritt zugehörig fühlt. Als kritische konservative Stimme der Vernunft wünscht er sich, dass die Union eine Koalition mit der AfD kategorisch ausschließt. Dann zeige sie wirklich Haltung.

Dass Haltung-Zeigen auch mit Humor funktioniert, zeigen die taz-Wahrheits-Autor_innen auf der Bühne der Motorenhalle. Warum sich Rassist_innen eigentlich über schlechte Deutschkenntnisse Zugezogener beschweren würden, fragt Nicht-Muttersprachlerin Jacinta Nandi das Publikum. Schließlich bezeichnen ja sie selbst Tomaten als Gemüse – dabei seien das doch Früchte.

Auch Heiko Werning begegnet rechter Hetze mit Satire. Nicht um Pflanzen, dafür aber um Tiere, genauer gesagt um den bösen Wolf, geht es in seinem Text. Mit Anekdoten über die sächsische „Umwolfungspolitik“, abstruse AfD-Zitate und reißerische „Bild“-Überschriften bringt er die Motorenhalle zum Lachen.

Eines wird auf der Sachsen-Gala schmerzlich bewusst: Egal ob als Kommunalpolitikerin wie Annalena Schmidt oder als Aktivist der Zivilgesellschaft wie Axel Steier – politisches Engagement geht gerade in Sachsen an die Substanz. Und trotzdem machen alle weiter, zeigen jeden Tag auf unterschiedliche Weise Haltung. Das ist das Zweite, was auf der Sachsen-Gala deutlich wird.

Und das tut gut.

Von HANNE TIJMAN, taz-Redakteurin

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