vonteamtazost 02.09.2019

taz ost

Hier bloggen die taz-Reporter*innen aus Dresden und Berlin zu den Landtagswahlen 2019 in Sachsen und Brandenburg. #tazost

Mehr über diesen Blog

Eigentlich wollten wir an diesem Abend in Grimma über etwas anderes reden. Über die Engagierten Menschen vor Ort, über Vielfalt, über Zivilgesellschaft – darüber wie gutes Zusammenleben funktionieren kann. Am Ende bleiben viele aufgewühlte Gefühle, konstruktiver Streit und vielleicht auch ein etwas differenzierter Blick auf die Kleinstadt im Südosten Leipzigs.

Im Konzertsaal des Soziokulturellen Zentrum Grimmas diskutierten am Donnerstagabend, den 29. August, der parteilose Oberbürgermeister Matthias Berger, Sozialarbeiter Tobias Burdukat und Sarah Schröder, die im Dorf der Jugend und bei der #WennWannNichtJetzt-Tour aktiv ist, gemeinsam mit rund 50 Besucher:innen über Zusammenhalt, Engagement und die Probleme der Region. Moderiert wurde die Veranstaltung von taz-Redakteur Jan Feddersen.

„Uns geht‘s eigentlich ganz gut“, steigt Berger ein. Zwar gäbe es auch Probleme in Grimma, doch insgesamt würde er die Situation positiv bewerten. Dass Schröder und Burdukat das anders sehen, wird deutlich, als sich die Diskussion direkt im Anschluss auf ein erst kurz zurückliegendes Ereignis konzentriert: Björn Höcke wurde vom Grimmaer Direktkandidat Jörg Dornau und seinem AfD-Kreisverband für einen Auftritt in den 19.000-Einwohner:innen-Ort eingeladen.

Nach Bekanntwerden der AfD-Wahlveranstaltung regte sich Unmut über die Genehmigung, die Veranstaltung ausgerechnet im Saal des prächtigen Renaissance-Rathauses stattfinden zu lassen. Darf man der AfD – besonders jedoch Björn Höcke – den Raum überlassen? Hätte die Stadt das nicht verhindern können?

Ein breites Bündnis aus Parteien und Organisationen hat gegen einen Wahlkampfauftritt Höckes protestiert. Foto: dpa

Andernorts, weist Burdukat hin, werde in Wahlkampfzeiten auf Neutralität geachtet, politische Diskussionen würden so prinzipiell – drei Monate vor den Wahlen – nicht stattfinden. Warum sei das keine Möglichkeit für Grimma gewesen? Der Oberbürgermeister weist die Kritik von sich. Man müsse die AfD nicht mögen, aber es sei auch eine gewählte Partei.

Besonders aber sorgte an diesem Abend ein Flugblatt der Stadt für Unmut. Auf diesem wurden Einwohner:innen und Ladenbesitzer:innen vor einer Gegendemonstration gewarnt, die gegen den Höcke-Auftritt protestierten. „Um eine Beschädigung ihrer Fahrzeuge … von vornherein auszuschließen, empfehlen wir das Entfernen ihrer Fahrzeuge“, heißt es dort.

„Damit schürt man Angst“, kritisiert Schröder. Auch Angst vor den Menschen, die ein Zeichen gegen rechts setzen wollen. Eine Frau aus dem Publikum bekräftigt und fügt hinzu, dass die gering besuchte Gegendemo auch deshalb so klein war, weil viele sich unwohl gefühlt hätten im Angesicht des großen Polizeiaufgebots vor dem Rathaus.

Ein Mann aus dem Publikum erzählt, dass er sich aus Neugier die Rede im Nachhinein im Internet angeschaut hätte. „Der Höcke war mir da letztendlich egal. Was mir Angst gemacht hat, war der Mob. Der Mob hat mir Angst gemacht.“ Mit dem Mob meint er das Publikum, das Höcke mit Rufen und Beifall laut Zustimmung demonstrierte. Auch Schröder erzählt, dass sich eine Art Fan-Kult um den AfD-Mann entwickelt habe. „Bei seiner Ankunft in Grimma wurde Höcke vom Publikum fast so gefeiert wie Britney Spears von Zehnjährigen,“ schildert sie.

Lässt sich feiern: Björn Höcke. Foto: dpa

Dass das Problem mit Rechts in Grimma größer ist, als es von außen scheint, erzählt auch ein Mann im Publikum. Auf dem Bau gäbe es viele Menschen, die wegen ihrer Äußerungen dem politischen Spektrum der AfD zuzuordnen seien. „Zum Glück sagen die aber auch oft, dass sie nicht wählen gehen. Da denke ich mir dann auch: ein Glück, dass DU nicht wählen gehst!“

Berger kritisiert seinerseits das Vorgehen der Antifa, die vor der Ankunft Höckes auf den Treppen des Rathauses Kot platzierte. „Mir ist das zu platt“, sagt er. „Ist das wirklich das richtige Mittel? Dieses Extreme verstehe ich einfach nicht.“

„Ich fand das auch nicht gut“, entgegnet Schröder. „Es zeigt aber, dass es scheinbar ein letztes Mittel ist, denn Reden allein hat wenig bewegt.“

In der Diskussion wird von allen Beteiligten immer wieder von „links“ und „rechts“ gesprochen, von Antifaschismus und Faschismus. Zwei Positionen, ein dazwischen, so scheint es manchmal, ist nicht möglich. Als der Oberbürgermeister über die Demonstration gegen Höcke spricht und die Teilnehmenden pauschal als „die Linken“ bezeichnet, ist ein Teil des Publikums empört: „Wir sind nicht die Linken!“

Die Besucher:innen an diesem Abend machen deutlich, dass man sich keinem der Begriffe zugehörig fühle. „Ich kann sagen: Ich bin Christ. Aber Antifaschist? Das kann ich nicht so sagen“, meint ein Mann, der sich auch politisch in Grimma engagiert. Andere sagen Dinge wie: „Wir sind normale Bürger“, „Wir sind nicht politisch“ oder „Wir sind einfach in der Mitte“.

Es brauche jemanden oder eine Partei, die diese Menschen auffängt – das ist ein Wunsch, der an diesem Abend mehrmals fällt.

Am Ende ist klar, dass die Grimmaer:innen vor einigen großen Problemen stehen. Wie umgehen mit rechts? Was tun, damit die Jugend nicht wegzieht? Wie wird die Stadt für alle Bewohner:innen lebenswert?

Die Engagierten der Region wirken erschöpft. Tobias Burdukat hat sich in der sächsischen Stadt lange als Mitglied im Stadtrat engagiert, vor allem aber leistete er in Grimma mit dem Projekt Dorf der Jugend wichtige Jugendarbeit, deren Kern Antirassismus und Antisexismus bilden. Doch in der Diskussion wird am Ende klar: auch er wird Grimma vermutlich verlassen. Zu lange hat er investiert, zu oft ist er mit Ideen und Projekten nicht voran gekommen.

Eine Zuschauerin forderte während der Diskussion einen Runden Tisch, der regelmäßig Engagierte der Region zusammenbringt, an dem Netzwerke aufgebaut werden können, wo Probleme vielleicht Lösungen finden können – losgelöst von Beiräten und politischen Rastern. Dieser Abend konnte dafür vielleicht ein erster Anreiz sein und den Grimmaer:innen Energie für die kommende Arbeit geben – damit die Stadt wieder für alle lebenswert wird.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/tazost/2019/09/02/zwischen-den-stuehlen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.