vonteamtazost 09.09.2019

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Hier bloggen die taz-Reporter*innen aus Dresden und Berlin zu den Landtagswahlen 2019 in Sachsen und Brandenburg. #tazost

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Von Julia Boek

„Was macht ihr als Westberliner Zeitung in Dresden?“, wurden unsere RedakteurInnen in den ersten Tagen nach ihrem Einzug in die Sachsen-WG des Öfteren von ihren InterviewparterInnen gefragt. Kaum als Vorbehalt gemeint, reagierten einige DresdnerInnen überrascht auf unser Redaktionsbüro mit den über 30 RedakteurInnen und ReporterInnen, die seit Mitte Juli in wechselnder Besetzung aus Sachsen, Brandenburg und Thüringen berichteten.

Einigermaßen erstaunt waren wir allerdings auch. Wurde die taz fast dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung und mehr als 40 Jahre nach ihrem Gründungsimpuls beim Tunix-Kongress tatsächlich noch als Westberliner Zeitung wahrgenommen? Erzeugte die tageszeitung, die ab Februar 1990 vorübergehend eine DDR-Ausgabe produziert hatte, die später als sogenannte taz Ost in der Mutterzeitung aufging, wirklich Aufmerksamkeit, weil sie in Ostdeutschland aufkreuzte? Und waren wir nicht extra aus Berlin angereist, um gemeinsam mit Korrespondent Michael Bartsch, vor den Landtagswahlen unseren Blick auf den Politikbetrieb, zivilgesellschaftliche Akteure, Stadt und Land zu vertiefen?

Waren wir. Und doch verhält es sich wohl so wie bei Reisen, bei denen man sich auf fremde Küchen und ungewohntes Klima einlässt. Oder wie bei Wochenendausflügen in die „öde“ Provinz jenseits der urbanen Wohlfühlblase. Läuft es gut, kommt man an einen Punkt, an dem man die eigenen Gewissheiten und das eigene Narrativ hinterfragt. Wie also steht es um unsere Perspektiven auf Ostdeutschland? Berichten wir genug? Welche Themen setzen wir? Und was sagen unsere LeserInnen dazu?

Keine ideologischen Überschneidungen

Stefan Kleie, gebürtiger Dresdener, liest mehrere überregionale Tageszeitungen, darunter die taz am Wochenende. Gut gefallen, sagt er, habe ihm in den letzten Wochen die Vielseitigkeit der Berichterstattung über Ostdeutschland. Neben Reportagen über die rechte Szene im Stadtrat von Wurzen insbesondere der „naive Ansatz für die große Sachsentour“. Ende August waren sieben RedakteurInnen der taz am Wochenende acht Tage lang durch das Bundesland gereist, wobei sich die Route zufällig ergab. „Dass die Redakteure dabei auf Menschen trafen, mit denen sie möglicherweise keine ideologischen Überschneidungen haben, fand ich erfrischend“, sagt Kleie. „Das ist eben keine linke Bescheidwisserei“.

Weitaus kritischer sieht dagegen Anita Weiß, Leserin und Leserbriefschreiberin aus Leipzig, die Berichterstattung der Sachsen-WG. Zwar seien die vielen Berichte und Reportagen über die Arbeit der Engagierten, die sonst kaum Widerhall in den Medien findet, bereichernd gewesen, so die Rentnerin. Jedoch hätte sie bei der Lektüre so manches Mal „die politischen Hintergründe und recherchebasierten Analysen vermisst, die über die vor Ort beschriebenen Stimmungen und Verhältnisse hinausgingen“. Zum wirklichen Verstehen der Situation Ost hätte die Berichterstattung wenig beigetragen.

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10 Wochen die digitale taz und am Samstag die gedruckte taz am Wochenende lesen und dazu den Atlas der Globalisierung erhalten.

Jetzt, da nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg große Ratlosigkeit herrsche, müsse die taz diese mit sachlichen Debatten und Analysen aufbrechen. Anita Weiß liest die taz auch, so sagt sie, „weil man die Medien in Sachsen mit ihren Beiträgen aus Redaktionsnetzwerken voll vergessen kann.“ Als Westberliner Zeitung begreife sie das Blatt aber nicht, eher als eine westdeutsche Zeitung, was sie auch an machen Leserbriefen merke, aus denen eine „Unkenntnis über die Verhältnisse im Osten“ spreche.

Thomas Benkert, taz.de-Leser aus der ehemaligen Bergbaustadt Freiberg, findet diese Ost-West-Zuschreibungen „grundsätzlich problematisch“. Die taz, so sagt er, sei fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung vor allem eine Zeitung, die von Berlin aus arbeite. Dass nun vor den Wahlen verstärkt aus Dresden berichtet wurde, sei „wichtige Feldarbeit, jenseits der häufig von den Medien kolportierten oberflächlichen Betrachtungsweisen über Ostdeutschland“.

Die Relevanz des ostdeutschen Backgrounds

Nach Schätzungen kommen von derzeit rund 160 MitarbeiterInnen in der Redaktion – mitgerechnet wurden die taz Nord, Bremen, nicht aber die Verlagsmitarbeiter – 30 KollegInnen aus dem Gebiet der DDR. Eine spontane Befragung unter einigen von ihnen ergibt, dass die taz auch von RedakteurInnen als Westberliner oder westdeutsche Zeitung wahrgenommen wird. Daniél Kretschmar, Redakteur für digitale Gesellschaftsthemen, sieht in der taz hingegen eine Kreuzberger Zeitung, „irgendwo zwischen den alten Postzustellbezirken 36 und 61 und dem Regierungsviertel changierend.“ Von Orten wie dem Saarland, dem ländlichen Bayern oder aus Rheinland-Pfalz lese er genauso wenig wie aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern.

Die Relevanz seines ostdeutschen Backgrounds für die Berichterstattung und Debattenkultur der taz schätzt Daniel Schulz, Reporter und Leiter des Reportage- und Recherche-Ressorts, hoch ein, „Diversität hat in der taz eine Bedeutung“, sagt er. Andere RedakteurInnen wie Erik Peter, Redakteur für außerparlamentarische Politik und soziale Bewegungen im Berlin-Ressort, meinen wiederum, dass ihre ostdeutsche Herkunft in der taz so gut wie kein Gewicht habe und „nicht auf besonderes Interesse stößt“.

Bleibt die Frage, ob es Ossi-Witze gibt

Auf die Frage, inwieweit er beim Setzen von Themen aus und über Ostdeutschland in der Konferenz durchdringe, schreibt Daniel Schulz: „Wesentlich leichter als (post)migrantische Perspektiven. Da wir ein paar Ostdeutsche in der Redaktion haben, eine stellvertretende Chefin, die aus Dresden kommt und einen Chefredakteur, der in Leipzig studiert hat, funktioniert das im Zweifel“. Manuela Heim, Redakteurin für Soziales im Berlin-Ressort, findet das „Ost-Labeling“ hingegen fragwürdig, für sie sind sogenannte Ostthemen dann relevant, wenn sie auch ohne das Label „Ost“ bedeutsam sind.

Bleibt die Frage, ob es in der Redaktion Zonen-Kommentare gibt und ob Ossi-Witze gerissen werden. „Zum Glück trauen sich noch einige“, sagt Daniél Kretschmar, ernsthaft herabwürdigende Kommentare habe er in der taz aber nie gehört. Manuela Heim aber schreibt: „Bedauerlicherweise verfallen einzelne KollegInnen, wenn sie besonders kumpelhaft oder lustig sein wollen, im Gespräch immer mal wieder in einen Singsang, den sie tatsächlich für sächsisch halten. Lasst euch gesagt sein: Es ist oberpeinlich, wenn man es nicht kann!“

Alle Infos zur taz Ost finden Sie auf taz.de/ost.

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