vontaz-panter-stiftung 03.12.2018

taz Panter Stiftung

Die taz Panter Stiftung fördert seit ihrer Gründung 2008 kritische Nachwuchsjournalist*innen, ehrenamtliches Engagement und die Pressefreiheit weltweit.

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Den Organisatoren der taz Panter Stiftung ist etwas gelungen, was die Gründer der Sowjetunion nicht geschafft haben: unterschiedliche Völker zu vereinen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Es gibt doch nichts Großartigeres, als wenn sich ein Ukrainer mit einem Bewohner der Krim ein Zimmer teilt und Armenier Aserbaidschanern helfen. Wir brauchten nur ein paar Tage, um zu einer professionellen Mannschaft zusammen zu wachsen – eine Truppe, die, ungeachtet unterschiedlicher politischer Ansichten, zusammen arbeitet und einander hilft.


von Olga Rodionova aus Minsk (Weißrussland)

Am Mittwoch haben die Teilnehmer des Seminars die Redaktion der unabhängigen Zeitung HVG besucht, die sehr populär ist. Dort arbeiten ungefähr 60 Journalisten, die versuchen wahrheitsgetreu über Themen zu berichten, die die Ungarn umtreiben. Das sind zuallerst Korruption, aber auch Fragen, die die Wirtschaft und das Gesundheitssystem betreffen. Dank unterschiedlicher, parallel existierender, Geschäftsmodelle, ist es bisher gelungen, sowohl die Print- als auch auch die Onlineausgabe dieses Mediums aufrecht zu erhalten und dabei vor allem auf politische Anzeigen zu verzichten. Das trägt dazu bei, objektiv und unabhängig und dabei immer noch für die Leser interessant zu bleiben.

Foto: Olga Rodionova

Am gleichen Tag hatten wir die Möglichkeit, das „Haus des Terrors“ zu besuchen. Das ist ein Museum, das sich im ehemaligen Gebäude der Leitung des ungarischen Geheimdienstes befindet und den schrecklichen Perioden der totalitären Geschichte Ungarns gewidmet ist, als abertausende Menschen Opfer von Repressionen wurden. Die Ausstellung ist so interaktiv angelegt, dass der Besucher, ob er will oder nicht, in die Geschehnisse einbezogen wird und sich sehr gut in die Rolle eines Ermittlers oder Verhörten hinein versetzen kann.

Den stärksten Eindruck hinterlässt ein Fahrstuhl, der ganz langsam in das Untergeschoss des Gebäudes fährt. Auf einem Monitor ist ein alter Mann zu sehen, der davon erzählt, wie er gefoltert wurde. Sobald sich die Türen des Fahrstuhls öffnen, verstehst Du eins: Du bist im Gefängnis angekommen. Ein enger Korridor. Links und rechts Gefängniszellen. Die Türen stehen offen. Eine Zelle für aggressive Gefangene, deren Wände mit weichen Matratzen gepolstert sind, damit sie sich nicht etwas antun. Eine andere Zelle, deren Boden von Wasser bedeckt ist. Ein Karzer, in dem man nur stehen kann. Wir sind dort hinein gegangen und haben versucht, uns in die Lage eines Menschen zu versetzen, der dort festgehalten wurde. Das war schrecklich. An den Wänden der Zellen hängen Fotos von den Opfern des Terrors. Anstelle eines Sterbedatums steht bei einigen ein Fragezeichen. Das bedeutet: Sie sind in dieses Gebäude hinein gegangen und von dort nicht mehr zurück gekehrt. Der schrecklichste Raum: Brennende Kerzen und Kreuze mit Vor- und Nachnamen, die eine Stimme verliest.

Ich komme aus Weißrussland. Dort wird gerade die Sache „Belta“ verhandelt. Einige Journalisten wurden für mehrere Tage aufgrund von erfundenen Anschuldigungen festgenommen. Ihnen drohen harte Strafen, sie dürfen das Land nicht verlassen, dem Chefredakteur des unabhängigen Nachrichtenportals droht eine Haftstrafe. Es ist schwer, unter Bedingungen eines derartigen Drucks zu arbeiten. Wenn wir jedoch nicht versuchen, die Wahrheit zu sagen, werden wir nicht bemerken, dass die Welt um uns herum sich Schritt für Schritt in ein großes Gefängnis verwandelt. Genau das ist, ehrlich gesagt, grauenhaft.

In dieser Woche sind zum nunmehr einundzwanzigsten Mal Journalisten aus Osteuropa Gäste der taz Panter Stiftung, um sich kennen zu lernen, ihre Erfahrungen auszutauschen, Neues über Journalismus unter demokratischen und nicht mehr so demokratischen Bedingungen zu lernen. Weil es dieses Mal speziell um das Thema „Bedrohte Pressefreiheit“ geht, schauen die KollegInnen sich zunächst fünf Tage um in Budapest und kommen dann nach Berlin. In einem täglichen Blog berichten sie von dem Workshop, der auch aus Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert wird.

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