vontazpanterstiftung 29.11.2019

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Als ich mich zum ersten Mal aufmachte, um Berlin zu besuchen, tauchten in meinen Gedanken viele Bilder auf. Szenen aus einem Film von Wim Wenders zogen wie durch ein Prisma des Begriffs „Dasein“ vorüber – zu Trompetenklängen der Musik von „Einstürzende Neubauten“ und der Rede von Ronald Reagan an der Berliner Mauer. Es war schon irgendwie paradox, aber als alle diese Bilder, die mich einst als Jugendliche so tief in Erstaunen versetzt hatten und die ich sorgsam in meinem Bewusstsein aufbewahrt hatte, plötzlich so nahe kamen, bekam ich Angst …

Dasselbe Empfinden hatte ich, als ich meine erste Seminararbeit verteidigte – eine Studentin der Geisteswissenschaften, noch ganz grün hinter den Ohren, allein mit Professoren. Wie dem auch sei: Um meine Nichtübereinstimmung mit dem kulturellen Code der Stadt zu markieren, erinnerte ich mich an den Satz: „Ich bin Ausländer“.

Das Flugzeug setzte zum Landeanflug auf dem Flughafen in Schönefeld an. Ich stieg vom „Himmel über Berlin“ hinab. Am Boden war alles so wie immer: eine Standard-Kontrolle, ein angenehm übersichtlicher Flughafen und es war komischerweise ganz leicht einen Fahrschein am Automaten zu kaufen. Um erste Eindrücke zu sammeln, schmiegte ich mich auf dem Weg zum Hotel an das Fenster des Busses: Häuser, Dörfer, Menschen. In so einem Haus lebe auch ich – 1000 Kilometer entfernt von hier, im weißrussischen Bobruisk. Dort umgeben mich genau solche Menschen, genau solche Dörfer. Und doch fehlt etwas…

Ich verspürte eine erstaunliche Befriedigung und, so scheint es, verstand was das ist – Dasein. Das ist, wenn alle Angst von Dir wie Ballast abfällt und du beginnst, dich mit Liebe auf jeden Moment einzulassen, den dir das Leben schenkt. Danke Berlin, dass du mich nicht von oben herab, von der Höhe deiner Geschichte bewertet, sondern mich als deinesgleichen empfangen hast. Ich werde diese Erinnerungen an den Geist der Freiheit sorgsam einpacken, den du mit mir geteilt hast und mitnehmen – nach Weißrussland.

Alexandrina Glagoljewa, Weißrussland

Aus dem Russischen Barbara Oertel

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