vontazpanterstiftung 24.06.2020

taz Panter Stiftung

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In der Coronakrise kommen ausbeuterische Arbeitsmodelle an ihre Grenzen. Die Bedingungen für migrantische Arbeiter*innen sind schon lange prekär, jetzt werden sie sichtbarer. Bei der jüngsten Ansteckungswelle im Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wurden mehr als 1.000 Menschen mit Covid-19 infiziert. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) möchte Werkverträge in der Fleischindustrie verbieten. Vier weitere Perspektiven auf Verbesserungen.

Die Beraterin

„Sie müssen ihre Rechte kennen“

„Ich berate seit zwei Jahren rumänischsprachige Arbeit­neh­mer*innen in den sozialen Medien zu Arbeits- und Sozialrecht. Die Beratung findet etwa in der Baubranche, Landwirtschaft oder der Fleischindustrie statt. Wir versuchen die Personen dort zu erreichen, wo sie sich bewegen. Wenn sie Fragen auf Facebook stellen, dann beantworten wir diese dort.

Es geht auch um Empowerment. Die Leute müssen wissen, dass sie die gleichen Rechte wie deutsche Angestellte haben, obwohl sie nicht so gut Deutsch sprechen. Nur so können sie um ihre Rechte kämpfen.

In den sozialen Medien mobilisieren sich die Leute, um sich gegenseitig zu helfen oder sich einfach zu informieren, um ihre Probleme zu lösen. Wir bekommen jetzt deutlich mehr Fragen, uns erreichen vier bis fünf Mal mehr Menschen als vor der Coronakrise. Als Studentin habe ich in der Gastronomie gearbeitet, vermittelt von einer Leiharbeitsfirma. Ich war enttäuscht darüber, wie wenig Respekt der Arbeitgeber zeigte. Das hat mich motiviert, mich mit den Rechten von Menschen aus dem EU-Ausland zu beschäftigen.“

Nicoleta Bădulescu, 28, arbeitet bei „Minor“ im Projekt „MB 4.0“, das von der EU-Gleichbehandlungsstelle gefördert wird

Der Aktivist

„Biografien, die gelingen wollen“

„Die Schwere der Arbeit, die Arbeitszeiten und auch die Bezahlung in der Fleischindustrie sind ausbeuterisch. Die Arbeiter*innen leben in Sammelunterkünften, in Bruchbuden, die wegen der prekären Situation der Sanitäranlagen schon vor Corona gesundheitsgefährdend waren. Es gibt in der Lebensmittelbranche aber auch Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und auf Leiharbeit und Werkverträge verzichten.

Denn diese Menschen sind mehr als nur wichtige Arbeitskräfte. Es sind Biografien, die gelingen wollen. Ich neige nicht zur Brutalität, aber ich muss manchmal gucken, wie ich mit Hassgefühlen umgehe, wenn ich etwa den Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück sehe. In diesem Ausmaß hätte ich mir das nicht vorstellen können. Leider glaube ich, dass das nicht der letzte Ausbruch gewesen sein wird. Es wird möglicherweise Leben kosten und die Bevölkerung wird unter den notwendigen Beschränkungen leiden. Das sind Schäden, die vermeidbar gewesen wären. Da spüre ich manchmal eine ohnmächtige Wut.“

Peter Kossen, 52, Pfarrer in Lengerich und Aktivist, Gründer des Vereins „Aktion Würde und Gerechtigkeit“

Die ehemalige Leiharbeiterin

„Wir müssen darüber sprechen“

„Fünf Euro Stundenlohn, das habe ich als Leiharbeiterin in Deutschland bekommen. Das Problem ist überall dasselbe: Demütigung. Als ich anfing, hatte ich keine Krankenversicherung und wir haben willkürliche Geldstrafen von rumänischen Vorgesetzten bekommen. Ich wurde mit vielen Problemen konfrontiert und das war auf eine bestimmte Weise auch gut: So habe ich gelernt, Lösungen zu finden. Jetzt kann ich mit dieser Erfahrung anderen helfen.

Viele Betroffene verstehen nicht, dass Sachen nur dann geändert werden können, wenn sie darüber sprechen. Von uns bekommen Arbeitsmigrant*innen Hilfe, aber sie müssen dafür die Initiative ergreifen und zu uns kommen. Wir wollen, dass die Arbeitsmigrant*innen unter normalen Bedingungen arbeiten. Ihre Reaktion? Sie können kaum glauben, dass sie Unterstützung bekommen, ohne etwas dafür zurückgeben zu müssen. Viele bleiben in Verbindung mit uns und melden sich auch aus ihrer Heimat. Ich will meinen Namen nicht in der Zeitung lesen, denn ich will nicht, dass meine ehrenamtliche Aktivität mein persönliches Leben beeinflusst.“

Ehemalige Leiharbeiterin, 37, engagiert sich für Arbeitsmigrant*innen

Der Vermittler

Deutschland braucht diese Mitarbeiter“

„Die Großunternehmen, darunter alle Ketten, benötigen sehr dringend Mitarbeiter. Der Staat unterschätzt die Situation, auch in der Fleischindustrie. Die Branche lebt davon, dass dort Werkverträge und Leiharbeit angeboten werden, damit sie überhaupt Mitarbeiter finden kann.

Es hilft keinem, wenn der Staat diese Praxis verbietet.  Die Unternehmen würden die benötigten Mitarbeiter in Deutschland dann nicht finden, da es sich um Betriebe handelt in ländlichen Umgebungen oder an Stadträndern von Ballungsgebieten.

Die Regierung sollte mit den Gewerkschaften und mit Arbeitgebern in den Dialog treten. Wir müssen Regeln schaffen, die für die Arbeitnehmer gut sind: Der Mindestlohn könnte höher sein und die Bedingungen in den Unterkünften besser. Der Staat sollte die Kontrollmaßnahmen optimieren und nicht einfach sagen: Wir verbieten. Gerade in der Pandemie ist es notwendig, alle Betriebsabläufe aufrechtzuerhalten. Das geht nur mit Arbeitskräften aus der EU-Region. Aber egal woher ein Angestellter kommt, er sollte immer gleich und fair behandelt werden.“

Enrico Kautz, 50, CEO  von HR Xperience Group, Unternehmen für Personaldienstleistungen

Protokolle Irina Chevtaeva, Aida Ivan, Helena Kaufmann


Dieser Text entstand im Sommer-Workshop 2020 der taz Panter Stiftung mit den Neuen Deutschen Medienmacher*innen. Alle Texte des Workshops finden Sie hier.


 

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kommentare

  • Vielleicht sollten sich die Vermittler und Effizienzsteigerungsfanatiker mal selbst ans Band stellen, anstatt im Büro zu sitzen, dann bräuchten Sie auch keine Arbeitssklaven, aber dafür sind sich die Damen und Herren wohl zu fein…anstatt Anweisungen und Sanktionierungen zu erteilen, könnten Sie ja mal zeigen wie es geht. Auch Politiker*innen, die im großen Stile Gelder veruntreuen und dann sagen, die Renten wären zu teuer können sich gerne dazugesellen und dann die Erhöhung des Renteneintrittsalters fordern, von der Sie ja dann selbst betroffen wären.
    Vielleicht könnten die Verantwortlichen ja mal darüber nachdenken auf Festverträge mit solidem Gehalt umzustellen, dann würden sich genügend Freiwillige melden.
    Darunter würde dann zwar ihre Marge leiden, aber ganz ehrlich, wer seine Mitarbeiter mit Mindestlohn abspeist, der soll sich nicht über Gewinneinbußen beklagen, das ist Jammern auf hohem Niveau! Die Verantwortlichen sollen sich mal lieber selbst Mindestlohn zahlen, damit Sie Empathisch werden mit ihren Mitarbeitern, wie einst Enzo Rossi, der daraufhin allen Mitarbeitern eine 200€ Gehaltserhöhung zahlte!
    Ich werde aus Prinzip in keiner Leihfirma mehr arbeiten, denn diese Strukturen sollten von der Arbeiterbasis trockengelegt werden!
    unbefristete Werkverträge müssen wieder die Regel werden, alles andere ist Klassenkampf von oben!

  • War mir klar dass der der vom vermitteln lebt gegen zu viele Einschränkungen ist.
    Dass die Menschen gebraucht werden ist unstrittig. Aber Sklaven Haltung ist nicht erlaubt.
    Faire Löhne und Lebensbedingungen verdient jeder.

    • Alle deutschen Eltern wollen das ihre Kinder studieren und einen tollen Job bekommen,aber nicht den Schweinen den Bauch aufschneiden.Das sollen doch andere machen ,dummschwätzen können alle schlauen Journalisten.Wie wäre es mal mit arbeiten im Handwerk o.ä.

  • Leider werden die Menschen immer noch ausgebeutet , obwohl die Unternehmen sie brauchen, ich gebürtiger Portugiese , seit 1974 als Arbeiter hier in Deutschland , deutscher Staatsbürger , muss leider von Arbeitskollegen immer wieder hören , dass nach ihre Meinung , wir das “ Land “ keine Ausländische Arbeitnehmer braucht . Sie blenden Tatsachen komplett aus .Besonders Muslim werden immer wieder schlecht gemacht und gehasst, traurig ist das, ihre Leistungen werden ignoriert.
    Diese Menschen kann keiner mehr erreichen , blind vor Neid und Hass.

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