vontazpanterstiftung 24.06.2020

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Über das Leben von Schwarzen Menschen in Deutschland gibt es bisher kaum Zahlen. Der „Afrozensus“ soll diese Daten nun statistisch erfassen.

In Deutschland wird noch darüber diskutiert, ob Rassismus für die Gesamtgesellschaft überhaupt ein Problem ist. Ob er existiert und ob über ihn gesprochen werden sollte. In diesem Jahr hätten Hanau und Celle bereits Grund genug sein müssen, um über Rassismus in Deutschland zu sprechen. Aber erst der brutale Fall um Georg Floyd in Minneapolis, im Bundesstaat Minnesota, USA, hat hier die Massen auf die Straßen bewegt und die Diskussion so weit in die Gesamtgesellschaft gebracht, dass über Begriffe wie “Rasse“ im Grundgesetz diskutiert und ein Antidiskriminierungsgesetz in Berlin begrüßt werden.

Für Deutschland mag das ein erster Erfolg sein. Es ist ein Zeichen, dass sich die Debatte von wiederholenden, retraumatisierenden Erzählungen über Rassismuserfahrungen wegbewegen kann. Trotzdem bleibt eine Frage offen: Wie geht es mit der Antirassismusdebatte weiter – auch außerhalb von Krisenzeiten?

Daten zu Schwarzen Lebensrealitäten

Für Schwarze Menschen in Deutschland ist längst klar, dass es Anti-Schwarzen Rassismus gibt. Über eine Millionen Menschen afrikanischer Herkunft leben laut Schätzungen und Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Das ist die einzige Information, die wir über das Leben Schwarzer Menschen hier haben: Sie existieren. Wie Schwarze Menschen wohnen, arbeiten, welche Probleme oder Hoffnungen sie haben, das taucht bisher aus fehlendem Interesse in keiner deutschen Statistik auf. Dieses Versäumnis des Staates will die Community nun durch den Afrozensus beheben. Diesen Sommer werden zum ersten Mal Daten zu Schwarzen Lebensrealitäten erfasst.

Entwickelt wurde die Onlinebefragung von Each One Teach One e. V. und Citizens for Europe. Bei der Studie werden vor allem quantitative Daten erhoben, durch qualitative Befragungen allerdings ergänzt. Die Ergebnisse sollen das Leben Schwarzer Menschen und die Herausforderungen, die sie sich in einer rassistischen Gesellschaft stellen müssen, sichtbarer machen. Durch diese konkreten Zahlen könnten erstmals konkrete Forderungen gestellt werden: auf dem Arbeitsmarkt, auf staatlicher Ebene, im Gesundheits- oder im Bildungswesen.

Das Aufzeigen von strukturellem und institutionellem Rassismus könnte offiziell durch Gesetze und unabhängige Beschwerdestellen legitimiert werden. Im Alltag bedeutet das etwa die Bekämpfung von Rassismus auf dem Arbeitsmarkt. Schwarze Menschen werden bei gleicher Qualifikation wie die ihrer Mitbewerber*innen nach wie vor oft nicht berücksichtigt. Anonymisierte Bewerbungsverfahren könnten dabei helfen.

Antirassismustrainings im Dienst

Gegen verdachtsunabhängige Kontrollen von Polizisten, die aufgrund von Vorurteilen auf Schwarze Menschen abzielen, könnten kontinuierliche Antirassismustrainings im Dienst stattfinden. Die bloße Chance, für eine Wohnungsbesichtigung infrage zu kommen, könnte zu vielfältigen Wohngegenden führen. Gettoisierungen und Gentrifizierungen könnten gleichermaßen vorgebeugt werden.

Aber der Afrozensus kann auch weitere Lebensbereiche verbessern. Oft werden Schwarze beim Arztbesuch nicht ernst genommen und müssen ihre Schmerzen mit Nachdruck rechtfertigen. Daten könnten das Problem einer von Vorurteilen beeinflussten medizinischen Versorgung sichtbarer machen. Die Notwendigkeit von Therapieplätzen für Schwarze Menschen, die aufgrund von rassistischen Traumata vor allem mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen haben, könnte aufgezeigt werden. Die Zahlen können die Weiterbildung und Sensibilisierung von Therapeut*innen bekräftigen.

Um die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland für die Gesamtgesellschaft greifbarer und sichtbarer zu machen, braucht es Schwarze Professor*innen, Schwarze Geschichte in Geschichtsbüchern und die Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte.

Rassismus benennen kann jede einzelne Person

Aber reicht das, um das Leben Schwarzer Menschen nachhaltig zu verändern? Es geht nicht nur um Gerechtigkeit und eine rassismusfreie Behandlung. Jeder Schritt, Rassismus anzusprechen oder sich für seine Rechte einzusetzen, muss gut überlegt sein. Eine Beschwerde am Arbeitsplatz, an der Uni oder Schule wirft immer auch die Frage auf: Wird es einen ausreichenden Schutz vor möglichen Konsequenzen geben, vor einer  Kündigung, schlechten Noten, einem Rauswurf?

Institutionell kann vieles geändert werden. Gesellschaftliche Zwänge werden aber weiterhin bestehen. Rassismus zu benennen und Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen, das kann jede einzelne Person. Sei es in der Bahn, auf der Arbeit oder am eigenen Küchentisch. Jede*r kann aus seiner privilegierten Position etwas verändern.

Von Nadia Aboulwafi und Sina Zecarias


Dieser Text entstand im Sommer-Workshop 2020 der taz Panter Stiftung mit den Neuen Deutschen Medienmacher*innen. Alle Texte des Workshops finden Sie hier.


 

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kommentare

  • Hallo,

    ich finde es super, dass der Artikel damit endet, dass zur Zivilcourage aufgerufen wird. Platt, aber stimmt: Jeder einzelne von uns gestaltet die Gesellschaft in der wir leben.
    Sehr wichtig finde ich bei solchen Sachen aber auch zu betonen, dass man seine Wertschätzung den Menschen aussprechen sollte, die gerade Zivilcourage gezeigt haben. Denn das erfordert viel, viel Mut und Überwindung und wenn einem dann jemand sagt: Das hast du richtig gemacht, war echt gut dass du das angesprochen hast! Das tut so gut und ist unbedingt nötig um solches positives Verhalten und Unterstützen anderer zu belohnen. Wenn man Bestätigung von außen bekommt, dass das gerade voll gut war dann ist es eher wahrscheinlich dass man beim nächsten Mal auch die Klappe aufmacht. Lange Rede, kurzer Sinn: Selbst wenn ihr nicht den Mut habt Zivilcourage zu zeigen, gebt den Leute die sie haben ein positives Feedback. Oder den Leuten denen etwas angetan wird ein freundliches Lächeln danach, das gibt ihnen wenigstens das Gefühl dass nicht alle Menschen schlecht sind. Jeder kann etwas tun, auch nicht Mutige.

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