vonannette hauschild 09.06.2020

Sauerländische Erzählungen.

Annette Hauschild berichtet Interessantes und Wissenswertes über Strafverfahren sowie Weiteres aus dem Feld der inneren und äußeren Sicherheit.

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Die ferngezündete Bombe war in einer Tasche auf einem Fahrrad, das an das Schaufenster des Friseursalons Kuaför Özcan in der Keupstrasse, die als Zentrum des türkischen Geschäftslebens bekannt ist, gelehnt war. Der Friseursalon, vor dem die Bombe explodierte, wurde von der Explosion und einem Feuer verwüstet, mehrere weitere Ladenlokale und zahlreiche parkende Autos durch die Explosion und herumfliegende Nägel erheblich beschädigt. Zweiundzwanzig Menschen wurden Verletzt, darunter vier schwer. Die Bauart des Zünders läßt darauf schließen, dass die Täter in unmittelbarer Nähe gewesen sein müssen.

Die Polizei ermittelte zunächst jahrelang in Richtung Drogenkriminalität, rivalisierender Rauschgiftbanden,Schutzgelderpressung und PKK, Anwohner und Verwandte der Anschlagsopfer wurden jahrelang verdächtigt, die Bombe gelegt zu haben. Bis 2011 durch die Mordserie des nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ein Zusammenhang mit rechtsradikalem Terror erkennbar wurde.

Zwar hatte der Verfassungsschutz schon kurz nach dem Attentat eine Expertise erstellt, dass es eine rechtsterroristische Tat gewesen sei, weil sie ähnlich wie ein Combat 18-Anschlag in London ausgeführt worden sei, aber dieser Auffassung wurde von der Polizei nicht weiter nachgegangen.

Wikipedia schreibt zu dem Tatkomplex Keupstrasse:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nagelbombenanschlag_in_K%C3%B6ln

„Erste Ermittlungserfolge erbrachten die Aufzeichnungen einer Überwachungskamera. Diese war am Gelände des ums Eck liegenden Fernsehsenders Viva angebracht und hatte einen Mann gefilmt, der kurz vor dem Anschlag mit einem Fahrrad an der Zentrale vorbeilief. Zeugen bestätigten, dass es sich um den Mann handelte, der das Fahrrad in der Keupstraße abgestellt hatte. Das Bild zeigte einen etwa 30-jährigen Mann, vermutlich mitteleuropäischer Herkunft, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe. Er konnte nicht identifiziert werden. Allerdings wurden im Juni 2005, nach dem Mord an İsmail Yaşar, dem fünften Opfer der NSU-Mordserie, in Nürnberg Phantombilder von Verdächtigen angefertigt und die Ähnlichkeit eines Mannes mit dem hiesigen Bild festgestellt. Als weitere Gemeinsamkeit wurde die Benutzung von Fahrrädern gewertet.[4]

Clemens Binninger, CDU-Obmann im ersten Bundestags-NSU-Untersuchungsausschuss, bezeichnete es als „fast schon skandalös“, dass zwei Polizisten, die in unmittelbarer Nähe des Anschlags auf Streife waren, erst neun Jahre später vernommen wurden.[5]

Im Juli 2013 teilte Rechtsanwalt Yavuz Selim Narin, der die Familie des 2005 getöteten Theodoros Boulgarides im Prozess gegen Beate Zschäpe u. a. vertritt, folgendes mit: Mehrere Videoaufnahmen zeigen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beim Platzieren der Nagelbombe in der Kölner Keupstraße 2004. Aber das Videomaterial wurde nur lückenhaft beachtet, es muss in Gänze betrachtet werden. Beim stundenlangen Sichten hat Narin beim Bundeskriminalamt die vollständigen Videoaufzeichnungen entdeckt. Dort in den Akten liegt deutlich mehr Bildmaterial von Überwachungskameras des Musiksenders, als die eine bisher mitgeteilte Sequenz eines radschiebenden einzelnen Mannes. Auf sechs Videokassetten sollen nach Narin Täter-Aktivitäten am 9. Juni zu sehen sein, zusätzlich auf sieben Festplatten. Narin kritisiert, dass das Bildmaterial bis 2013 nicht vollständig ausgewertet worden sei. Insgesamt wurden Mundlos und Böhnhardt an diesem Tag fünfmal von zwei verschiedenen Kameras des Senders aufgenommen. Ein Video zeigt das Vorgehen der Täter sogar im Detail: Ab 14:18 Uhr sind die beiden in den Aufnahmen zu sehen. Um 15:10 Uhr passiert Mundlos, ein Damenrad schiebend, den Eingang von Viva Richtung Keupstraße. Auf dem Gepäckträger befindet sich ein Hartschalenkoffer, in dem sich die Nagelbombe befindet. Das ist das bisher bekannte Bild. Vor dem Friseursalon Özcan stellte Mundlos dieses Fahrrad ab. Zuvor ist Böhnhardt zu sehen, wie er zwei Mountainbikes durch die Straße schiebt; es sind die Fahrräder, mit denen beide Männer sich nach der Bombenzündung entfernen. Gegen 15:50 Uhr sind beide Täter samt Rädern wieder auf der Straße zu sehen. Sechs Minuten später zünden sie die mit mindestens 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und über 700 Zimmermannsnägeln bestückte Bombe per Fernsteuerung. Um 15:57 Uhr ist einer der beiden erneut zu sehen. Er passiert den Eingang des Musiksenders Viva und fährt dann schnell weg.[6]

Hintergründe

Über das Motiv gab es zahlreiche Vermutungen – so wurde über einen Racheakt, ein Streit im Drogen- oder Rotlichtmilieu, Schutzgelderpressung oder ein Anschlag der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) spekuliert – die jedoch bald wieder verworfen wurden.[7] Wenige Tage nach dem Anschlag gab es jedoch eine Expertise der Abteilung Rechtsterrorismus im Bundesamt für Verfassungsschutz, welches Parallelen zwischen den Combat 18 zugerechneten Bombenanschlägen in London 1999 und dem Anschlag in der Keupstraße gezogen hat. Dieser Ermittlungspfad wurde aber nicht weiter verfolgt.[8] Bundesinnenminister Otto Schily erklärte im Rahmen einer Pressekonferenz mit seinem französischen Amtskollegen de Villepin in Kehl: „„Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu, aber die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, sodass ich eine abschließende Beurteilung dieser Ereignisse jetzt nicht vornehmen kann.“ Im Weiteren versuchten die Ermittlungsbehörden in ihrer Öffentlichkeitsarbeit glaubhaft zu machen, dass keine fremdenfeindliche Motivation bestand und dass es sich nicht um einen terroristischen Akt aus dem Umfeld des islamistischen Terrorismus gehandelt habe.[9] Anwohner und Betroffene vermuteten hinter der Tat rechtsextremistische Motive, was jedoch als Mutmaßung und Spekulation abgetan wurde.[10]

Im November 2011 konnte der Anschlag durch ein mutmaßlich von Beate Zschäpe versandtes Bekennervideo der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ zugeordnet werden.“ (Hervorhebungen und Links im Original).

 

Anschläge in Köln vor dem Nagelbombenattentat

Die Bundestagsfraktin „Die Linke“ hat in der vergangenen Wahlperiode die Bundesregierung zu polizeilichen Ermittlungen in Hinblick auf mögliche Unterstützer  und Neonazis in Köln gefragt: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/021/1802193.pdf

Drei Jahre zuvor hatte es in einem Lebensmittelladen in der Probsteigasse einen Sprengstoffanschlag auf die Familie des Inhabers gegeben. Diesmal war die Bombe in einer Dose für Christstollen versteckt. Ein blonder Mann ließ die Dose zurück, und als nach ein paar Wochen die Tochter des Inhabers die Dose öffnete, ging der Sprengsatz hoch und das die junge Frau wurde schwer verletzt.

Im März 1993 war eine Bombe in einem Autostaubsauger explodiert, der auf dem Sperrmüll vor einem Wohnhaus abgelegt worden war. Ein ausländischer Arbeiter hatte den Staubsauger gefunden und mitgenommen. Die Bombe explodierte, als er das Kabel des Staubsaugers in die Zigarettenanzünderbuchse seines Wagens steckte. Der Mann wurde dabei schwer verletzt.

Im Februar 1993 ging eine Bombe hoch, die in einem Winkelschleifer versteckt war. Das Opfer hatte das am Strassenrand abgestellte Werkzeug gefunden und mit nach Hause genommen. Als der Mann das Kabel in die Steckdose steckte, um den fund zu testen, ging die Bombe hoch und verletzte ihn schwer.

Diese Vorkommnisse lassen Opfer, Angehörige und Unterstützer vermuten, dass es in Köln eine Szene gab und vielleicht noch gibt, die den NSU unterstützte.

Aber polizeiliche Ermittlungen in dieser Richtung sind mir nicht bekannt.

 

Birlikte- Zusammenstehen, -reden und -leben

Köln hat eine sehr lebendige Musikerszene und eine sehr aktive Zivilgesellschaft gegen Rassismus und Faschi´smus.

Am 9.  Juni 2014 veranstaltete der von Kölner Künstlern und Musikern 1992 gegründete Verein „Arsch huh, Zäng ussenander“ (auf Hochdeutsch heißt das etwa „aufstehen, macht den Mund auf“), die Initiative Keupstrasse, die Stadt Köln, der Westdeutsche Rundfunk das Fest und die Kundgebung gegen rechte Gewalt „Birlikte“- Zusammenstehen“ in dem Viertel um die Keupstrasse. Es war ein großes Solidaritätsfest mit Auftritten von über 100 Künstlern, das leider aufgrund eines schweres Unwetters, das im Köln, Düsseldorf und im Ruhrgebiet schwere Schäden anrichtete.  abgebrochen werden mußte. die Anwesenden waren trotzdem begeistert. Einen besonderen Applaus bekam die  Gebärdendolmetscherin für ihre Arbeit. sie übersetzte die Songs der Bands in Gebärdensprache, und  ihre Hände flogen nur so durch die Luft.

Hier ist ein eingehender Bericht eines FantaVierFans über dieses Fest:  https://traditionsfan.wordpress.com/2014/06/14/birlikte-zusammenstehen-09-06-2014-koln/

2015 und 2016 folgten die Festivals „Birlikte – Zusammenleben“ und „Birlikte- Zusammenreden“, mit Debatten  Reden und Diskussionen, Lesungen in der ganzen Stadt. Das alles bestimmende Thema diesmal war der Prozess gegen den NSU bzw Beate Zschäpe. Dieses letzte Festiaval 2016 wurde überschattet von einem Eklat. Ein AfD-Mann war zu einer Diskussionsrunde eingeladen worden, etwa 100 Linke besetzten daraufhin das Podium. Dieses letzte Birlikte-Fest wurde aber schließlich auch wieder wegen eines drohenden Unwetters vorzeitig beendet.

 

Im vergangenen Jahr gab es am 9. Juni ein „Picknick“, eine lange Tafel, zu der die Initiative Keupstrasse geladen hatte.

Im Vorfeld dieses Tages hatte eine amerikanische Neonaziorganisation, die sich „Atomwaffendivision Deutschland“ nannte, in dem Schanzenviertel Flugblätter in Briefkästen geworfen, auf denen Muslime zur Auswanderung aufgefordert wurden und ihnen unverhohlen gedroht wurde:  https://www.dw.com/de/drohungen-gegen-muslime-in-der-keupstra%C3%9Fe-in-k%C3%B6ln/a-49109856

Die Polizei war zwar anwesend und hatte im Eingang zur Keupstrasse einen Einsatzwagen quergestellt, schien aber recht entspannt zu sein.

 

Das Denkmal: der Kampf um das Erinnern

Dieses Gefühl haben jedenfalls die Anwohner der Keupstrasse, und die Interessengemeinschaft Keupstrasse sowie der Verein „Keupstrasse ist überall“. Sie fühlen sich – berechtigterweise – in ihren Ängsten, Nöten, Traumata und Wünschen –  nicht von der Mehrheitsgesellschaft sowie von der Politik und ihren Institutionen ernstgenommen.

Sie wollen ein Denkmal für die Opfer des Neonazianschlags an der Stelle, an der 2004 die Bombe ferngezündet wurde, errichten. Dies gestaltete sich jedoch als schwieriger Prozess, weil der Grund Privatleuten gehört, die angeblich nichts von den Denkmalplänen wußten und die evtl das Grundstück verkaufen wollen. http://keupstrasse-ist-ueberall.de/offener-brief-an-die-koelner-oberbuergermeisterin-henriette-reker-und-die-mitglieder-des-koelner-stadtrates/

 

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https://blogs.taz.de/terrorismusblog/2020/06/09/9-juni-2004-nagelbombenanschlag-in-koeln-jaehrt-sich-zum-16-mal/

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