vonKieran Thomas 29.09.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

Mehr über diesen Blog

Heute war ich seit Langem mal wieder im Grünen spazieren. Zum ersten Mal seit der Quarantäne nehme ich mir Zeit für Langsamkeit. Ich schlendere durch eine auenlandhafte Gegend, ziehe mir im ungemähten Gras Schuhe und Socken aus. In einem Naturschutzgebiet direkt um die Ecke in Duisburg, das ich aus Faulheit oder Unwissenheit noch nie betreten hatte.

Heute ist Herbstanfang. Das steht so in keinem Kalender, aber ich nenne es so.

Es hat die ganze Nacht geregnet. Und die Blätter sind jetzt zur Hälfte schon etwas gelb. Die Jahreszeiten existieren noch. Wie mich das erleichtert! Ich dachte schon, der Sommer und die Dürre hören niemals auf. Ich war ja auch ab Januar 5 Monate auf der Südhalbkugel und hatte also zweimal Sommer dieses Jahr. Vielleicht merkt mein Körper das schon. Ich bin irgendwie erschöpft.

Dieses Jahr ist schon ziemlich anders als sonst. Offensichtlich.

Aber die Probleme sind immer noch irgendwie die gleichen. Auch Pandemien sind ja nichts wirklich Neues. Die Schwierigkeiten haben zwar ihre Eigenarten, aber vor allem unterscheidet sich doch der Umgang mit ihnen. Die Problematiken sind gerne übertragbar, mindestens vergleichbar. Zumindest in Worten, die ja sowieso nichts Anderes machen, als zu vereinfachen und zu verallgemeinern.

Alles ist anders.

Nichts ist mehr dasselbe.

Wo sind die Grenzen?

Hab ich mich verlaufen? Hier war ich noch nie. Aber die Apfelbäume kommen mir bekannt vor.

Immer öfter sehe ich im Alltag wie im Gesamtbild: Kleine Strukturen hängen mit größeren zusammen. Des Apfelbaums Krone ist rund wie der Apfel, die des Birnenbaums ist birnenförmig. Aber wer kam zuerst auf die Idee? Sicher weder die Birne noch die Krone. Das Mikro-Makro-Verhältnis ökologischer wie auch sozialer Strukturen kennt keine Einseitigkeit, alles interagiert wechselseitig. Der Baum existiert nur in Verhältnissen. Eigentlich gibt es das also gar nicht: den Baum. Nur: den Wald. Er ist da, und Menschen protestieren wieder weltweit für seinen Verbleib. Vom kohle-infizierten Rheinland über den autobahn-bedrohten Dannenröder Forst bis zum dauergestressten Amazonas: Der Baum und seine anderen bedrohten Verwandten treten wieder vermehrt in den Fokus. Ihr heutiger Kampf blickt zurück auf eine lange Geschichte.

Ich blicke genauso immer mehr auf meine persönlichen Probleme. Alltagsschwierigkeiten sowie omnipräsente Problematiken, die ich schon mein halbes oder ganzes Leben mit mir rumtrage, offenbaren in ruhiger Reflexion ihre Verbindung.

Fundamental wie eine innere Schwerkraft schleppe ich seit den Anfängen meiner Selbstreflexion mit 12 meine Einsamkeit mit mir herum. Oder vielleicht ist sie doch eher etwas unerträglich Leichtes, würde wohl Milan Kundera jetzt sinnieren. Sie wird beruhigt von Umarmungen und sanften Stimmen, die mir Geschichten erzählen oder mir summend zuhören. Das fing mit den Elternstimmen an, und wurde dann ersetzt durch tägliches Hörspiellauschen.

Alltagsproblem ist gerade, dass ich jemanden zu vermissen scheine. Besonders dessen Stimme. Vor zwei Monaten, bevor diese Person wieder unerwartet mein Leben betrat, fehlte mir noch eine andere Person. Wie unoriginell, wie zufällig. Wie individuell sind Gefühle wirklich?

Vor zwei Monaten also, als ich wieder mal in Berlin herumschwirrte, traf ich zufällig eine amerikanische Freundin, die mir wiederum sagte, dass ihre britische Freundin auch wieder in town sei. Sofort begann mein Herz schneller zu schlagen. Ihr Name, ihr Körper, ihre Stimme, plötzlich wieder in direkter Nähe. Ich ließ es mir nicht anmerken. Ich wusste, ich kann das ja auch (theoretisch) selbst regeln. Ich hab ja ihre Nummer – die der Freundin der Freundin, der Britin aus Oxford, die ich seit genau einem Jahr nicht mehr gesehen hatte.

Ich schrieb ihr noch am selben Abend eine Nachricht. Musste mich herzhämmernd zwingen, sie auch abzuschicken. Oft schreibe ich mittlerweile versuchsweise schon mal einen Text, um zu testen, wie sich der fertige Text anfühlt. Aber wenn es so weit kommt, weiß ein anderer Teil von mir eigentlich schon, dass ich die Nachricht sowieso abschicken will. Und so trickse ich mich im Grunde selbst aus. Ich muss mich dann nur noch aufraffen, wirklich auf Senden zu klicken. Und das mache ich auch mittlerweile (fast) immer.

Eine mögliche Peinlichkeit zu begehen, löst zwar immer noch Herzklopfen aus, aber sie hält mich kaum mehr zurück. Scham und seine Synonyme sind quasi aus meinem persönlichen Vokabular getilgt, ihr Bedeutungshorizont verschoben. Sie sind jetzt nur noch Herzklopfen, Herausforderungen, Türen, die ich aufstoße. Und immer weniger hab ich Schiss, anderen Menschen mögliche Türen anzubieten. Und dann können sie selbst entscheiden, ob sie sie aufmachen.

Jetzt nur noch auf Senden drücken. (Herzklopfen.) Der Text wurde nicht zu lang, nicht zu bedeutungsschwanger. Wir kennen uns ja nur flüchtig, wenn es auch flüchtig herzklopfend für uns beide gewesen ist, wie ich von mir weiß – und von ihrer Freundin. Es ist ziemlich genau ein Jahr her, und ich habe ihre Gesichtszüge kaum mehr vor Augen. Wir haben im Dunklen angefangen miteinander zu reden. Ihr Oxford-Englisch machte meine Ohren Teil von einem modernen Märchen. Der Skatepark als lautstark belebte Kulisse.

Als wir zum Späti liefen, gingen wir ein Stückchen näher nebeneinander als Kumpel und Kumpeline es tun würden. Es ist nur ein kleines Stückchen. Ein paar Zentimeter Neugier, die uns trennen und doch verbinden.

Ich weiß noch, wie sie ihr dunkles Haar mit einem gelben Band zu einem Zopf zusammenlegte, kurz bevor der Abschied anstand. Ich wusste kaum, was ich noch sagen sollte. Ich war mir ziemlich sicher, wir würden uns nie wiedersehen. Das Treffen war zu kurz, dass eine nächste Verabredung natürlich Thema sein könnte. Und sie wird nach London zurückkehren, in zwei Tagen.

Ich habe Berlin dann für ein Jahr verlassen. Nein, nicht wegen ihr.

Jetzt bin ich wieder da. Der vergessene Traum kehrt unerwartet wieder. Und ich kenne mich mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass auch diese lebende Erzählung, diese erzählerische Art zu leben, für mich nichts Neues ist. Sie ist keine Wiederholung, aber meine Reaktion ist es bis zu einem gewissen Grad. Leicht verknüpfe ich zwei Male Herzklopfen mit einem Jahr Pause.

Sie antwortet mir am nächsten Tag auf meine Nachricht. Und wir treffen uns in einem Café. Sie strahlt eine schüchterne Kraft aus bei unserer Begrüßung. Sie trägt diesmal eine Brille, ovale Gläser, keine Schminke. Sie erzählt nicht sofort, sondern gibt mir direkt Raum, mein Jahr zwischen uns ihr darzulegen. Und am stärksten trifft mich direkt ihre Stimme, ihr Akzent. Ihr Bilderbuch-Englisch wie ein Bach, der zwischen Hügeln und geschichte-sprechenden Ruinen durch Felder und Backsteindörfer bis nach London fließt.

Und nun sitzen wir uns plötzlich wieder in Berlin gegenüber. Sie trägt ihre Haare die ganze Zeit offen und ich würde sie gerne fragen, ob sie das gelbe Band noch besitzt – oder sogar dabei hat. Aber ich tue es nicht. Wir schauen uns an und schauen selten weg. Wie 23 Stunden Sonne und eine Stunde Nacht, um kurz Luft zu holen. Und sitzen später wieder vor dem Späti und diesmal, bis es sich kaum mehr lohnt zu schlafen und ich wirklich nicht mehr schlafen kann, weil mein Zug in drei Stunden schon fährt.

Und sie verlässt auch schon bald die Stadt. Schon wieder.

Ihre Stimme verlässt mich wieder manchmal, seit wir uns jetzt zwei Monate nicht mehr gesehen haben. Und da ich mich kenne und ich gerade sonst fast nur von einem Ort zum nächsten renne, mach ich mir nicht die Mühe, mir eine neue Liebesgeschichte zu suchen.

Ich bleibe erstmal, ein Meer entfernt, bei ihr – mit ihrem Akzent, der ziemlich nach Emma Watson klingt, die ebenfalls aus Oxford kommt. Und während ich weiterrenne und die Sorgen um die Zukunft meine Allgegenwart prägen, höre ich jetzt täglich Podcasts aus UK, The Guardian oder The Economist from London. Manchmal hat eine Journalistin oder Wissenschaftlerin fast ihre Stimme. Und ich weiß wieder genau, wie sie klingt. Und es passt auch noch, da wir fast nur über Politik und Wissenschaft philosophiert haben.

Ich bemerke, dass die Liebesgeschichten meines Lebens, die da wieder an die Oberflächen drängen, nie weg gewesen sind. Wenn ich ihnen keinen Raum gegeben habe, waren die Träume umso intensiver. Öfters denke ich mich nach London. Corona liefert mir den größten Grund (neben permanenter Geldknappheit), gerade nicht nach UK abzuhauen. Und der Brexit wird es eh fast unmöglich machen, auf der schwierigen Insel auf Dauer leben zu können.

Auch in den Jahren ohne neue Bilder war die Liebe in meinem Leben durchweg Thema. Und ich habe sie immer wieder nach kurzem Aufflammen in den Hintergrund verbannt. Und so fleißig meine Träume gefüttert, um morgens dann unregelmäßig mit schlafbetrunkener Sentimentalität fertig werden zu müssen.

Jetzt warte ich nicht mehr, wenn ich auf die Bahn warte, sondern höre einfach Podcasts und tagträume etwas – ein Kompromiss emotionaler Teilhabe. Manchmal schweife ich ab. Eigentlich sogar ziemlich oft, und muss dann zurückspulen. Ich denke oft voraus, noch öfter zurück.

Und da frage ich mich ernsthaft noch, warum die Sentimentalität so vieles Denken durchzieht. Sie ist dabei mehr als Vergangenheit, und das muss ich auch, immer wieder neu, akzeptieren.

Sorgen um fehlende Lösungen von altbekannten Problemen, sie bleiben. Meine Einsamkeit wird mich wohl einfach nie ganz verlassen. Immer wieder neue Lösungen zu finden, wird Antrieb bleiben. Die Artenvielfalt leidet schon seit zig Jahrtausenden unter den Menschen. Alte Lösungen werden sie aber nicht retten. Sorgen um die Natur und um ein erneutes Artensterben scheinen aktuell wie nie. Und das hätten sie auch schon vor 50 Tausend Jahren sein müssen, als der Mensch Australien begann zu bevölkern und dann dessen gesamte Megafauna auslöschte.

Das Wissen um komplexe Verbindungen und Wechselwirkungen von Ökosystemen sowie sozialen Systemen hat sich immerhin deutlich erweitert. Denkweisen und Geschichten von ursprünglicher, indigener Idylle werden eben nicht allen Realitäten gerecht. Schottland denkt gerade darüber nach, sein Grasland wieder in Wald zu verwandeln, wie es vor der Viehwirtschaft noch normal war. Einige traditionelle (?!) Bauern protestieren, und das sicher mit einzelner Berechtigung. Aber da fehlt dennoch schmerzhaft offensichtlich der Blick für das Ganze. Was kann man machen, als bestmöglich die Potenziale der Gegenwart zu nutzen, wenn das Ganze sich immer mehr zu vereinzeln droht? Die Probleme werden bleiben. Und sich ohne Kehrtwende unserer Lebensweisen weiter vervielfachen. Was kann man tun, als alltäglich ein bisschen zu helfen, dass sie sich nicht unnötig mehren?

Nachdem ich dann vorhin im Wald spazieren war, weiß ich wieder, was mir eigentlich und überhaupt am meisten hilft. Grün vor Augen und Ohren, und unter den blanken Sohlen. Lebendiges Vogelgezwitscher bei einer alten Eiche an einem bedeckten Herbstsonntag. Letzte Nacht hatte es wie aus Eimern geregnet. Gerade jetzt, wo die Präsenz im Dannenröder Forst zunimmt und die Aktivistis von Ende Gelände Kohlekraftwerke blockiert haben und deswegen auch größtenteils gezeltet wird.

Naja, ich mach gerad Pause. Ich versuche mich nicht zu verurteilen, aber zu reflektieren. Bei meinem Barfuß-Spaziergang lausche ich therapeutischen Stimmen, ob von Blaumeisen oder britischen JournalistInnen. So hab ich meine persönlichen Lösungen, um wieder überpersönliche Probleme anzugehen. Auch die Liebesgeschichte zwischen Mensch und Natur muss am Leben erhalten bleiben. Die Zusammenhänge zwischen meinen alltäglichen Bedürfnissen und meiner lebenslangen Sinnsuche machen langsam Sinn.

Ich laufe an Weiden vorbei und finde Eichhörnchen, Teichhühner und Graureiher friedlich nebeneinander lebend. Es kommen mir Menschen mit Hunden entgegen und es ist so offensichtlich Sonntag, so entspannt wie auch sie spazieren. Ich grüße: „Guten Tag“, und das kommt auch zurück und man lächelt. Werde ich für meine Barfüßigkeit belächelt? Denkt manchjemand: „Scheiße, die Hippies sind wieder da!“? Und dann erinnern sie sich vielleicht, dass sie selbst mal gerne barfuß waren. Oder auch mal ohne Hund spazieren gegangen sind.

Vielleicht wurde die Welt zur Gewohnheit. Nicht erfüllte Träume geflickt mit Alltagsphrasen, dessen Wortlaut irgendwann leer wurde.

Was mir fehlt, ist das Neue. Und dabei hilft mir auch manchmal das Alte.

Ich freue mich irgendwie über den Herbst. Frischer Wind und Regen. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, nicht selbst Kohlekraftwerke blockiert zu haben. Dann gehe ich aber jetzt in den besetzten Dannenröder Forst, und beteilige mich an dem Protest für das akut bedrohte Naturschutzgebiet – gegen die Durchsetzung 40 Jahre alter Autobahn-Pläne.

Ein Wald und Trinkwasserreservoir. Vogelgezwitscher im Hintergrund. Und Polizei-Großaufgebote im Anmarsch.

In Zeiten allgegenwärtiger Krisen werden alltägliche, kleine Rettungen immer wichtiger. Aktivismus kann das sich einsam fühlende Herz wieder mit Sinn füttern – man ist nicht allein.

Und nicht nur, weil es Sonntag ist, spaziere ich, sondern weil ich mich mittlerweile ganz gut kenne und weiß, wann ich diese Ruhe brauche. Auch im Danni soll es nächsten Sonntag wieder einen gemeinschaftlichen Waldspaziergang geben – wenn es bis dahin nicht schon zu spät dafür ist. Der Räumungsbescheid ist bereits in Kraft getreten. Es gilt jetzt, die eigene Stimme zu nutzen, egal wie.

Als ich schließlich wieder im niedlichen Wohngebiet ankomme, krame ich den geliehenen Hausschlüssel aus meiner Hosentasche. Ich bekomme eine Umarmung, als ich wieder bei meiner Familie ankomme. Und die Welt fühlt sich für den Moment immerhin ein bisschen gerettet an.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/utopiensucht/2020/09/29/podcasts-aktivismus-und-waldspaziergaenge/

aktuell auf taz.de

kommentare