vonKieran Thomas 07.10.2020

Utopiensucht

Alltagsbanalität trifft auf sprachliche Vielfalt. Und wie Achtsamkeit der Gegenwart die Socken auszieht.

Mehr über diesen Blog

Die Kronen der Buchen rascheln wie ein Fluss. Der Wind lässt auch die Planen über mir flattern. Und hin und wieder prasselt auf sie ein kleiner Regenschauer. Das Licht des Vollmonds, das durch die Wolken scheint, lässt die Nacht als Moment kurz vor dem Morgengrauen scheinen. Es ist kalt. Aber eigentlich frieren nur meine Ohren und meine Nase ein bisschen. Ich trage meine Mütze und meinen Rest hüllt ein dicker Schlafsack ein. Ich kann kaum schlafen, über mir der sanfte Sturm.

Ich bin etwas aufgeregt in der Nacht, was morgen sein wird. Aber das ist okay. Ich genieße es, dem Wald zuzuhören, während alle um mich herum schlafen. Naja, fast alle. Da stolpert noch jemand in unsere improvisierte Küche. Vielleicht holt er sich noch einen Snack, vielleicht schlafwandelt er auch. Mein neues Zuhause: „Drüben“ im Danni.

Ich kann kaum schlafen, aber das ist okay. Ich will mir keine Bequemlichkeit mehr leisten müssen. Ich bin kein König. Ich mag keine Hierarchien. Ich bin Teil des Waldes und der Meere und des ganzen Planeten.

Es wirkt wie schnulziges Hippie-Gelaber, aber es stimmt einfach. Was denkt der Mensch, sich über die anderen Lebewesen zu stellen? Der bequeme Mensch der Wohlstandsgesellschaft sucht ständig nach Liebe und findet nichts als sinnentleerte Kompromisse. Der bequeme Mensch isst und isst und isst und fährt dann schnell über die Autobahn in den Kurzurlaub, um die Leere zu füllen. Das funktioniert vielleicht kurzfristig. Man nennt das Ablenkung. Wovon eigentlich?

Ich hab schon ein paar Tage keinen Bildschirm mehr angeguckt. In meinem vollen Bauch schnurrt keine Schokolade, sondern Chili sin Carne und das bereichernde Gefühl, heute mit anderen Menschen etwas aufgebaut zu haben. Ich suche nicht mehr zwanghaft nach Liebe, und finde sie trotzdem in meiner Suche nach Sinn und Gemeinschaft.

Die Liebesgeschichte geht weiter, ganz anders als erwartet. Es brauchte gar keine  Auseinandersetzung mit meinen persönlichen Mythen der Vergangenheit. Es brauchte einfach die Bereitschaft, mich uneingeschränkt auf Neues einzulassen. Und ein bisschen Unbequemlichkeit zu akzeptieren.

Ich hab einfach ein Zugticket gebucht und bin am nächsten Tag ab in den Dannenröder Wald, noch 4 Tage vor der geplanten Groß-Demo letzten Sonntag. Und ich wusste nur, dass ich helfen wollte. Mit meinen Händen und meinen Ideen. Direkt hat man mich nach „Drüben“ vermittelt, dem nördlichsten der Baumhaus-Dörfer im Wald. Eher zufällig, weil da gerad wohl recht viel Fluktuation der BewohnerInnen geherrscht hatte.

Ich kam an zu einer entspannt wuselnden Gruppe in der offenen Wohnküche aus Planen und Sperrholz zwischen Rotbuchen. Ich musste nur „Hi“ sagen, und dass ich gerade erst angekommen bin. Ich wurde willkommen geheißen – und der Rest fügte sich dann in wundervoll improvisierter und spontaner Weise.

Nach und nach hab ich mich in den Wald verliebt.

Wir sitzen am Lagerfeuer und es können gefühlt alle mindestens ein bisschen Gitarre spielen. Du schaust in die Runde und die Runde schaut dir strahlend ins Gesicht, oder nachdenklich ins Feuer.

Das Feuer.

Es flackert vor sich hin. Oder wabert nur leicht in der Glut. Holz verbrennt so schön wie kein anderes Material. Es zieht all unsere Blicke auf sich, sobald es anfängt zu knistern. Die Augen weit geöffnet im Anblick der zitternden Kräfte.

Fragt man das Feuer nach Lösungen? Eher weniger. Der Mensch scheint sich einer simplen Demut zur Natur zu fügen. Ähnlich vielleicht wie ein Blick in den Sternenhimmel.

Beides macht unheimlich Eindruck auf mich. Der Sternenhimmel vermittelt mir immer ein Gefühl von beruhigender Unbedeutendheit. Alles halb so wild, ich bin kein Zentrum von Irgendwas.

Der Blick ins Feuer wiederum scheint vielmehr Stärke zu spenden. Oder zumindest Beistand. Auch wenn mich das Feuer verletzen könnte, berufe ich es immer wieder zu neuem Leben. Oder vielmehr entfache ich einfach das Potenzial von Luft und Holz. Das Feuer ist ja nichts Eigenes. Es ist reine Interaktion. Ein wechselseitiges Spiel zweier energiereicher Elemente.

Wieso bildet sich mein Hirn dann manchmal ein, abgetrennt zu sein von allem anderen, sogar zur Natur? Wo setzt es die Grenze? Zwischen Haut und Luft? Die Luft durchströmt und ernährt mich, wie sie auch das Feuer nährt. Welche Einbildung trennt Welten, die schon immer nichts Anderes konnten, als sich gegenseitig zu bedingen?

Das muss ja auch nicht unbedingt etwas Tolles sein. Feuer trägt dazu bei, dass sich lange angesammelte Energieformen wieder voneinander zu entfernen beginnen. Die Natur denkt nicht kurzfristig, nur langfristig. Jede menschengemachte Rodung ist ein folgenschwerer Eingriff in ein sensibles System, für das weder der Mensch noch die ganze Natur kurzfristige Lösungen finden kann.

Welche Arroganz hat Homo Sapiens dahin geführt, zu glauben, ganze Ökosysteme nach Belieben kontrollieren zu können? Hat Mensch mal die Tiere gefragt, was sie davon halten?

Sie würden wahrscheinlich sowieso nur lachen, würden sie unsere Sprache verstehen. Eben diese Frage „Und wer hat die Tiere gefragt?“ lässt sich auch auf einem der vielen großen Transparente im besetzten Danni lesen.

An meinem ersten Morgen in dem 300jährigen Wald fuhr ich schon kurz nach dem Aufwachen zu Sonnenaufgang mit dem Fahrrad einen der vielen Forstwege entlang. Neben mir knackte es im Gebüsch und ich sah direkt zwei aufgescheuchte Rehe aufspringen, um sich tiefer ins Grün zurückzuziehen. Ich vermute Mutter und Kind.

Wer hat die beiden gefragt, was sie von der Rodung ihres Zuhauses halten?

Ich fuhr dann weiter vorbei an etlichen Barrikaden aus warum-auch-immer-gefällten Baumstämmen und gefundenem Schrott.

Meine Lieblings-Transpi-Botschaft ist: „We are not defending nature. We are nature defending itself!“

Würde die den Wald zerstörende Seite diese Botschaft wirklich verstehen, würde sie wohl weniger ein weiteres selbstmörderisches Projekt wie den Ausbau einer weiteren Autobahn vorantreiben wollen.

Die zerstörerische Kraft des Menschen ähnelt hier sehr der des Feuers. Vereinzelt und zufällig ist sie kein Problem für ein System globaler Selbstheilung. Aber hier geraten offensichtlich doch jegliche Verhältnisse aus dem Blick. Die Baumfällarbeiten wurden am Montag in den angrenzenden Waldstücken begonnen, nach teilweise brutalen Räumungsaktionen der Polizei ab letztem Donnerstag.

Tag X sei gekommen, bekam ich als SMS, als ich gerade im Zug Richtung Mittelhessen saß. (Herzklopfen.)

Im Grunde jedes Lebewesen der Erdgeschichte musste täglich um sein Essen und Wohlergehen kämpfen. Ich vermute jetzt mal ins Blaue, dass die ersten übergewichtigen Wesen Clan-Führer bzw. Könige gewesen sind. Und heute speist und trinkt und unterhält sich der Großteil der Menschheit im Überfluss. Ich als „einfacher“ Mensch des Mittelstands esse wahrscheinlich sogar besser als die Könige des Mittelalters.

Nachdem ich also 5 Tage im Dannenröder Wald gewesen bin und mich sparsam von veganen Essensspenden ernährt habe, hab ich heute wieder einen Supermarkt betreten. Jetzt könnte man denken, ich fühlte mich wie im Schlaraffenland…

Die Perversion des Überflusses überfiel mich wie eine Flutwelle offensichtlicher, schrecklicher Erkenntnis. Und ließ mich den Laden sofort wieder verlassen. Wer schon mal containern war, weiß, wie viel von all dem schmuck verpackten Krams in bestem Zustand täglich einfach im Müll landet.

Einer der herrschaftlichen Industrien, die ihren Profit sogar ausschließlich aus dem Geschäft mit dem Überfluss schlagen, liegt die Zerstörung des Trinkwasserschutzgebiets im Danni für den Autobahn-Ausbau der A49 besonders stark am kalten Herzen: Ferrero.

An dem Tag, als ich die Rehe im Wald beobachten konnte, bin ich eher unsanft aus meinem Schlaf geweckt worden. Der über unser Baumhausdorf langsam herüberfliegende Polizei-Helikopter wurde erst Teil meines Alptraums, bevor ich ihn dann als Teil der wachen Welt erkannte. In meinem Traum war das Brummen und Schreien im Grunde überall und ich fiel unsanft aus meinem Zelt in der panischen Ungeschicktheit eines Menschen, der voller Angst und umringt von Polizei aufwacht. Ich kann mich noch an den Blick des Polizisten erinnern, wie er auf einer anderen Person kniete und dessen Kopf zu Boden drückte. Sein Blick war leer, aber glühend. Es war wie ein außer Kontrolle geratenes Feuer. Ich rannte weg und versuchte auf Bäume zu klettern, um doch wieder weiter zu sprinten. Alle um mich herum in gleicher Panik.

Bis ich einen überdachten, schlecht eingezäunten Ort erreichte, an dem plötzlich die Menschen nicht mehr rannten, aber zügig überallhin hetzten. Und sie sahen alle irgendwie verkleidet aus, klinisch reine Kostüme und Gesichter, als wären sie Puppen. Ich erkannte einen Freund, und bat ihn um Hilfe gegen die Polizei. Er zischte mir ins Gesicht, ich müsse doch wissen, dass er mit dem illegalen Zeug nichts zu tun haben wolle. Und er hetzte weiter zum Supermarkt.

Ich irrte verloren durch diesen Ort, bis ich herzklopfend aufwachte. Der Blick meines Freundes, er war nicht nur wütend, er war auch verzweifelt – und irgendwie blind. Er schien wie eingesperrt an diesem Ort zu sein, wo man der Polizei voller Angst gehorchen muss. Das hört sich ja eigentlich nach Knast an. Aber Handschellen trug er nicht. Zumindest keine sichtbaren. Und er schien auch schmerzlich um das Chaos vor den Toren zu wissen, und sich für die Kurzsichtigkeit entschieden zu haben.

Heute Morgen hörte ich wieder einen Hubschrauber, diesmal über dem Wohngebiet meiner Patchwork-Familie, fliegen. Und konnte nicht anders, als mich mulmig zu fühlen. Repression und Observation in unerreichbarer Höhe.

Ich kann kaum schlafen, wer weiß was morgen sein wird. Vielleicht wird innerhalb von ein paar Stunden ein Haufen Bäume, die hundert Jahre gewachsen sind, mithilfe des Polizei-Schutzes schon wieder gefällt.

Meine Haare riechen immer noch nach Lagerfeuer. Und ich will wieder zurück in den Danni – gleich morgen! Egal, wie wahrscheinlich es ist, dass das dortige Autobahn-Projekt noch gestoppt wird, es ist wahrscheinlich genug, dass da gerade einiges bewegt und erreicht wird in den Köpfen der Menschen. Das spürt man in Gesprächen mit irgendwelchen Leuten. Aber vor allem spüre ich die Bewegung, die Kraft in den Köpfen der Menschen im Danni, die dort leben – teilweise schon seit einem Jahr. Und schon nach 5 Tagen spüre ich es auch in meinem eigenen. Diese Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel füttert mich mit Sinn. Wald statt Asphalt.

Und dieser Wald lächelt zurück.

Die 5 Tage waren wie ein gefühlter Monat. Ich habe Barrikaden mitgebaut, Feuer gemacht, täglich dem Vogelzwitschern gelauscht, und Gespräche voller Aufbruch und Hoffnung geführt wie selten. Die Protestformen und vor allem die Protestierenden sind fern von Brutalität. Sie sind kreativ, liebevoll und lustig.

Am Freitag gab es wundervoll improvisiertes Clowns-Theater vor einer Wand an stundenlang stramm-stehenden PolizistInnen – vor den Baumfällarbeiten am angrenzenden Herrenwald. Wie sinnlos muss sich eine solche Arbeit anfühlen? Dürfen die überhaupt schmunzeln? Die meisten schafften es jedenfalls ziemlich gut, jegliche menschlichen Regungen zu unterdrücken. Der Polizei-Communicator verlor mehrere Male fasst die Nerven – die Clowns blieben fröhlich.

Aber immer wieder brannte dann doch die Trauer bei ein paar Demonstranten durch. Immer wieder schrie jemand: „Der arme Wald!“ in Richtung der Baumfäller. Es knackte und krachte weiter im Hintergrund.

Bei Sonnenuntergang stieg ich dann auf mein Fahrrad und bin wieder nach „Drüben“ gefahren. Das Lagerfeuer brannte schon. Es wurde gekocht. Die Nacht blieb diesmal ruhig.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/utopiensucht/2020/10/07/lagerfeuer-und-widerstand/

aktuell auf taz.de

kommentare