vondieverantwortlichen 29.10.2019

Die Verantwortlichen

Roland Schaeffer fragt sich, warum vieles schief läuft und manches gut. Und wer dafür verantwortlich ist.

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Erst berichteten die Medien über eine Atomkatastrophe in der Ukraine, dann wanderten Daten über die Windrichtung in die Fernsehberichterstattung ein. Die Radioaktivität kam aber in diesem Frühjahr 1986 zuerst über die Straße nach Westdeutschland. Bei Trucks aus Osteuropa waren am deutsch-deutschen Grenzübergang im nordhessischen Herleshausen hohe Kontaminationen gemessen worden. Die Zuständigkeit: unklar. Der Landrat lässt die Freiwillige Feuerwehr antreten, die die Fahrzeuge abspritzt, damit sie weiterfahren können. Die Strahlung verteilt sich   in die örtlichen Gewässer.

In Wiesbaden war der erste Grüne Minister seit wenigen Monaten im Amt. Die Katastrophe im Büro zu erwarten, kam nicht in Frage, also setzten sich Minister, Büroleiter, Pressesprecher und persönlicher Referent an diesem strahlend sonnigen 1. Mai in den Dienstwagen. Vor Ort hatte der  Feuerwehrhauptmann für den Ministerbesuch die  Ausgehuniform angezogen.  Dann sprachen die Nachrichten von steigenden Werten auch in Deutschland, man musste schleunigst den Rückweg antreten.  Am Nachmittag klingelte das Satellitentelefon, am Apparat war Michael Sailer, beim Öko-Institut in Darmstadt für Reaktorsicherheit zuständig und schon damals so etwas wie die wissenschaftliche Stimme der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Tschernobyl-Wolke sei angekommen, die Radioaktivität in Südhessen derart hoch, dass sie Menschen bleibend belasten könne, besonders Kinder seien gefährdet. Minister Joschka Fischer solle über die Medien warnen, die Menschen auffordern, in ihre Wohnungen zu gehen, Kinder sorgfältig zu duschen und getragene Kleider zu waschen.

Eigentlich wäre der Sozialminister zuständig gewesen, dem aber der Schritt in die Öffentlichkeit politisch zu riskant erschien.  Also alarmierte, nach ausführlicher Telefonberatung mit einem extrem hartnäckigen Michael Sailer, der Umweltminister die Medien. Das atomare Risiko hatte Deutschland, für jede und jeden spürbar, erreicht.

Die hessische Warnung ist in die Umweltgeschichte der Bundesrepublik eingegangen, sie strahlte auf den Rest der Republik und auf Europa aus. Niemand war vorbereitet, es gab weder staatliche Messstellen noch eindeutige  Grenzwerte oder Verhaltensmaßregeln für die Bevölkerung. Also unterhielt der hessische Krisenstab, auf dem Umweg über die grüne Ministeriumsspitze, eine Standleitung nach Darmstadt, wo Michel Sailer, Lothar Hahn, Christian Küppers und Bernhard Fischer fieberhaft rechneten, um aus Daten über die Folgen verschiedenster Atomversuche und Unfälle vernünftige Grenzwerte zu entwickeln. Hunderte Menschen belagerten die Telefone des Öko-Instituts, weil sie den offiziellen Informationen nicht trauten, oder machten sich selbst auf den Weg nach Darmstadt, während in Läden die Dosennahrung oder Trockenmilch aus der Zeit vor dem Unglück knapp wurden. Der von der Hessischen Landesregierung empfohlene Grenzwert für Milch lag in den folgenden Wochen dann bei 20 Bequerel pro Liter, während die Bundesregierung 500 Bequerel für vertretbar hielt. Die  Kantine des Deutschen Bundstages in Bonn machte den Unterschied sichtbar:  Sie ließ  Abgeordnete und Bedienstete zwischen Milch oder Salat gemäß Hessischen und Bundes-Grenzwerten wählen.

Woher aber hatte Michael Sailer an jenem 1. Mai seine Informationen? Wie konnte er seiner Sache so sicher sein? Erzählt hat er das erst 33 Jahre später,  bei seiner Verabschiedung von der Spitze des Öko-Institutes in der letzten Woche. Die Bediensteten von drei deutschen Atomkraftwerken hatten ihn damals unabhängig voneinander telefonisch alarmiert, weil die von ihnen gemessenen Strahlenwerte in der Umgebung der Anlagen dramatisch in die Höhe gingen. Sie hatten sich also  nicht nur an ihre Vorgesetzten gewandt, sondern auch an die atomkritischen Experten. Eine Entscheidung, die viel aussagt über persönliche Haltung und Verantwortungsbereitschaft,  aber auch über die Fragwürdigkeit der Feindbilder, die sich in der Anti-AKW-Bewegung damals entwickelt hatten. Und über Michael Sailer selbst und das Öko-Institut. Man traute dem Menschen und der Institution zu, ihr Wissen  so weiter zu geben, dass die Politiker handelten  – und dabei diejenigen zu schützen, die sie informiert hatten.

Eine wilde Geschichte aus fernen Tagen? Vielleicht. Seither wurden, um nur dieses Beispiel zu nennen, ganze Fahrzeugflotten von staatlichen Behörden zugelassen, die sehr viel mehr gesundheitsschädliche Schadstoffe emittieren als zulässig. In der Öffentlichkeit aber haben die beteiligten Beamten ebenso wie die Ingenieure der Autobauer, also hunderte von Menschen, die es wissen mussten, darüber jahrelang  geschwiegen.

Auch die Politik war risikobereit. Gewiss, es gab eine private Seite: drei der vier Mitfahrer im Dienstwagen hatten selbst kleine Kinder, die den Tag über draußen gespielt hatten.  Aber auch politisch wurde mit hohem Einsatz gehandelt.  Hätte sich die Warnung als Irrtum herausgestellt, wäre am nächsten Tag nicht nur die Koalition zu Ende gewesen. Man folgte dem Rat eines 33-jährigen Diplomchemikers, Reaktorexperten und Umweltaktivisten, weil man von ihm wusste, dass er seine wissenschaftlichen Ergebnisse nicht verbog.   Es ging um  Vertrauen – und um die Art Verantwortung, die man nicht weiterschieben kann.

Für die deutsche Umweltforschung ist Michael Sailers Verrentung mehr als eine Wachablösung. Eine neue Generation hat längst übernommen, gut ausgebildet, klug, flexibel, kosmopolitisch. Das Öko-Institut hat Stellen und Umsatz vervielfacht, andere Institute sind entstanden, die Universitäten haben mit tausenden Stellen nachgezogen. Wissensbestände und Expertise haben sich, ebenso wie die Zahl der Umweltinstitutionen, der Ministerien, Ämter,  Räte, vervielfacht. Entstanden ist dabei aber auch ein schwer durchschaubarer Dschungel an Politiken und Strategien. Dass ein Institut seine Erkenntnisse derart eindeutig formuliert, dass es den Mut und die Fähigkeit hat, sie politisch klar zu adressieren und dass die politisch Verantwortlichen sie unmittelbar umsetzen, ist selten der Fall. Die  deutsche Umweltpolitik steht ohnhin seit vielen Jahren still, sie ist nicht mitgewachsen.  Wer freitags auf die Straßen schaut, könnte denken: Dort wächst sie.

 

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