vonErnst Volland 05.08.2022

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Aus dem Leben eines gescheiten Gescheiterten- von der Liebe zur Kunst und zurück.

Durch das angelehnte Fenster dringt nur wenig Licht in mein Zimmer, frische Luft breitet sich aus über einen Berg von Wäsche, Decken, Bücher. Ich schaue auf die Uhr, die neben dem aufgeschlagenen Lukas Cranach Katalog steht. Mit beiden Händen schiebe ich die geblümte Bettwäsche zurück, drehe mich zur Seite und setze tastend einen Fuß auf den Boden, der erste Versuch, aufzustehen. Dabei stoße ich eine halbvolle Flasche Spätburgunder um. Der Inhalt breitet sich auf meinem hellblauen Flokatiebettvorleger aus in Form der Bundesrepublik vor dem Mauerfall. Mit einem Ruck richte ich mich auf, stütze die Ellenbogen auf die Knie und vergrabe mein Gesicht in beide Hände. Eine Fußsohle drückt sich in den nassen Bettvorleger. Ich blicke durch meine Finger auf den dunklen Fleck, der meinen linken Fuß umrandet. Beim Gang ins Bad hinterlässt der weinrote nasse Fuß einen immer dünner werdenden Abdruck. Im Bad bleiben die Umrisse von Bayern. Beim Anblick meines Gesichtes fröstelt es mich, jedoch nicht wegen der Kälte im Badezimmer. Mein Gesicht ist mir fremd. Wangen und Mund verzerren sich grimmassiv. Die Zuckungen in meinem Gesicht wiederholen sich, ich stülpe die Lippen zu dicken Wülsten, drehe den Kopf nach rechts, dann nach links, kratze mich unvermittelt mit einer Hand am Kinn und murmele, „Wieder ganz schön spät geworden, gestern. Verdammt, wo habe ich denn den letzten Absacker getrunken?“

Mit zittriger Hand drücke ich Zahnpasta mit rot-weißen Streifen auf die Spitzen der Borsten einer Zahnbürste. Dabei registriere ich für Bruchteile von Sekunden, wie ich beim Beobachten des Vorganges im Zeitlupentempo die Zahnpasta mit einem Dejá Vù noch einmal auf die Spitzen der Zahnbürste streiche. Ich halte inne, betrachte die Zahnbürste in der Senkrechten, schüttele sie ein wenig hin und her, bestaune die Konsistenz der Creme und schiebe sie mir in den Mund.

Vor einigen Monaten bin ich noch mit dem Lied „ Corrina, Corrina,“ unter die Dusche gehüpft, habe mich über den beginnenden Tag gefreut, und strahlte über die Frische des Nassrasierens im Gegensatz zum Trockenrasierer. “Ist ja auch viel männlicher, mit Schaum um das Kinn“, dachte ich und sah mich selbst als Modell für eine Gilette Reklame.

Doch seit einigen Wochen ist alles anders. Ich fühle mich wie auf einem fernen Planeten: ausgesetzt, allein, einsam und verlassen.

Eine Frau hat mich verlassen, nicht irgendeine, nein, meine jahrelange, genau, fünf Jahre, elf Monate, drei Tage und drei Stunden lange Beziehung Und ich kann einfach nicht verstehen, warum ich wegen dieser Trennung so leiden muss. Es ist nicht meine erste Trennung. Zugegeben, sie ist eine außergewöhnliche Frau, jedenfalls für mich, mit unglaublich großen Lippen, langen Beinen und einer Pfirsichhaut, nach meiner Meinung eine Kreuzung aus Kim Basinger und Uma Thurmann, eine schon sehr seltene Mischung. Dem hätte auch Mendel zugestimmt.

Aber nicht nur ihr Äußeres kann sich sehen lassen. Diese Frau hat auch etwas zu sagen und, sie sagt es auch-nicht oft, aber oft im richtigen Moment.

Die etwas molligere Version ist manchmal durchaus zickig, allerdings mit einem weichen Kern, und ich war es, der ins Innerste des Kerns vordringen konnte, zu meiner eigenen Verblüffung.

Trotzdem, verdammt, warum hat mich der Trennungsvirus befallen ? Warum habe ich bisher noch kein Gegenmittel gefunden, verdammte Scheiße. Und außerdem, sie kommt zurück, dessen bin ich sicher, sie kommt zurück. Aber, warum fühle ich mich so saumäßig schlecht, warum?

Mit den letzten, sehr laut zwischen den Lippen heraus gepressten Worten, nähere ich mich auf wenige Zentimeter meinem Spiegelbild und mein Atem vernebelt mein Gesicht in der Scheibe. Im gleichen Augenblick spüre ich, wie mir unaufhaltsam Tränen aus meinen Augen hervortreten, an den Wangen herunter gleiten, abtropfen und im Waschbecken verschwinden.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal geweint habe. Doch, ja, als Kind in der Schule. Nach den Schlägen meines Vaters mit einer Luftpumpe, die er spontan vom Tisch griff, der mich nicht schlagen wollte, jedoch den Auftrag von meiner Mutter bekam, als ich mit acht Jahren zwei D-Mark aus ihrem Geldbeutel gestohlen hatte, um damit auf der Kirmes Zuckerwatte zu kaufen und Geisterbahn zu fahren. Die Luftpumpe zeigte Wirkung. Sie verletzte mich nicht schwer, erzeugte ein paar Schrammen, die bald verheilten. Mehr Eindruck als der körperliche Schmerz machte auf mich das Ritual der Strafe. Es bestand im demonstrativen Separieren meiner Züchtigung von den anderen Geschwistern, die im Nebenzimmer der Wohnung schweigend lauschten, und in der Moralpredigt, die meine Mutter im Takt der Schläge des Vaters in scharfen Worten auf mich herab schleuderte, während ich die Arme über den Kopf kreuzte, und mich rückwärts kriechend in eine Ecke des Zimmers verzog. Meine Mutter war eine tief religiöse Frau, ihre liturgischen Kenntnisse bestanden in mehr als einem Vater Unser und den Zehn Geboten.

Weißt du nicht, dass stehlen eine Sünde ist, eine große Sünde, sogar eine Todsünde, mein Freundchen, und der liebe Gott alles sieht? Weißt du das nicht? Antworte!“

Mein Vater versuchte nach zwei, drei Schlägen eine Pause zu machen. Er wollte mich nicht schlagen, das merkte ich. Ihm war es sehr Recht, dass die Gesamtaufmerksamkeit mehr auf der Aktion meiner Mutter lag, die direkt vor mir gebeugt stand und mich anschrie. „ Hast du das gehört, Roman. Ich spreche mit dir. Hast du das gehört und wirst nie wieder von irgend jemandem Geld stehlen, sonst landest du im Fegefeuer?“ Ich wimmerte: „Nein, nie wieder, ich verspreche, nie wieder, aua, nie.“ Meine Mutter trat einen Schritt zurück, mein Vater einen Schritt vor und ein letzter Schlag mit der Luftpumpe sauste auf mich herab. „Auaaa…“.

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