Tammentrilogie III
Bisher schrieb ich über den Schriftsteller Johann P. Tammen und über seine Mutter Lucie Tammen, die am 23. Dezember 2025 Hundert Jahre alt geworden wäre. In diesem Beitrag geht es um den Bruder von Johann P. Tammen, Werner Tammen.
Irgendwann im Sommer, Mitte der 70er Jahre, organisierten wir (meine ehemalige Frau Hilke und ich) den Umzug von Werner Tammen aus dem verträumten Rüstersiel, einem Vorort von Wilhelmshaven, nach Berlin.
Viel brauchte Werner nicht, einen Koffer, eine Matratze und als Wegzehrung von seiner Mutter Lucie, zwanzig Dosen Mockturtle.(1)
Unser VW war ohne Gepäckträger ausgerüstet. Wohin mit der dicken Matratze? Ganz einfach, längs aufs nackte Dach und mit einem Seil festgebunden, das durch den Innenraum führte, die Fenster blieben links und rechts einen Spalt offen. Es ging durch die damalige DDR, auch Zone genannt, nach Neukölln in die Weserstrasse, einem verschlafenen Arbeiterbezirk im Süden von West- Berlin.
Eines Tages heuerte Werner bei mir an und fuhr mit mir und Achim, einem gemeinsamen Wilhelmshavener Freund, gelegentlich durch die Bundesrepublik. Wir stellten uns bei politischen Festivals oder bei Großveranstaltungen der Gewerkschaften mit einem Tapetentisch aufs Gelände und verkauften meine Plakate, Postkarten, Aufkleber und Bücher. Nichts gegen Achim, aber einen besseren Mitarbeiter als Werner konnte ich nicht finden.
Auf den Festivals waren wir nicht allein, es gab viele Stände von unterschiedlichen Gruppen der Jusos, Amnesty International, DKP, diversen Jugendgruppen und kirchlichen Einrichtungen. Die Verkaufsfläche war meistens parzelliert, auf maximal drei Meter in der Länge. Werner zog die Strippen, im wahrtsen Sinne des Wortes. Er verband unseren Stand mit einem Laternenpfahl und hängte dort Plakate auf. Das war der Auftakt zu einer geschickten Vergrößerung unseres Standes und somit auch besseren Umsatzes.
Die gelegentlichen Festivalbesuche reichten weder Achim noch Werner zum Lebensunterhalt. Sie suchten sich neue Felder. Achim übernahm den Vertrieb eines politischen Plattenlabels, Pläne records und Werner versuchte sein Studium der Betriebswirtschaft abzuschließen. Nebenbei konzentrierten sich beide auf einen Kommunikations und Ausstellungsraum, eine ehemalige Bäckerei mit Verkaufsraum, den Achim am Chamissoplatz anmietete. Werner übernahm die Rolle des Kurators.
Zuerst wurden Kreuzberger Künstler ausgestellt, dann war der Ort gut für bekannte Künstler wie Horst Janssen, Franz Radziwill, Alfred Hrdlicka, Hanefi Yeter, Serpil und Akba Behkalam.
1982 konnte ich Werner übezeugen, in der Galerie einen Kunstfake zu lancieren, bei dem ich den Künstler erfinde – Blaise Vincent – und dessen Bilder in kürzester Zeit male. Der Fake gelang, Blaise Vincent wurde durch unsere fingierte Promotion rasch bekannt und es gelang der Galerie am Chamissoplatz sogar, der Neuen Nationalgalerie ein Bild des Künstlers zu vermitteln, das sich noch heute im Besitz der Nationalgalerie befindet. (2)
Blaise Vincent „La duce nuit a Kreuzberg, 1983. Neue Nationalgalerie. Berlin.

Blaise Vincent „La duce nuit a Kreuzberg, 1983. 140 x 100 cm. Neue Nationalgalerie. Berlin.
Werner änderte nach der Blaise Vincent Aktion die Ausrichtung der Galerie und favorisierte das Komische.
Die Galerie am Chamissoplatz wurde in den folgenden Jahren rasch eines der Zentren in Deutschland für Humor und Satire. Die Liste der ausstellenden Künstler ist lang. Ralph Steadman, F.W. Bernststein, Hans Traxler, Michael Sowa, Ernst Kahl, Gerhard Haderer, Manfred Deix, und unmittelbar nach der Wende die Gruppe PGH Glühende Zukunft mit Anke Feuchtenberger und Beck.
Die vielfältige, kritische Berliner Zeichnerszene wurde unter dem Label „Schnell im Biss, Berliner Comix und Karikaturen” gebündelt und zeigte Namen wie Gerhard Seyfried, Erich Rauschenbach, Hogli, Harald, Meisterstein, Hachfeld, Wössner und Bunk.
Als der Zeichner Brösel alias Rötger Feldmann („Werner Oder-was?“) ausstellte, platzte die Galerie aus allen Nähten. Brösels Ausstellung, gekoppelt mit einem spektakulären Motorradrennen, war einer der Höhepunkte in der Geschichte der Galerie am Chamissoplatz.
Werner hatte neue Pläne. Nach der Wende zeigte er neben Cartoons und Karikaturen auch verstärkt wieder freischaffende Künstler, vorwiegend Malerinnen und Maler. Schließlich verlagerte er den Ausstellungsort und zog mit Malern wie Rainer Fetting in spektakuläre Räume im Besitz von Kurt Mühlenhaupt, zwei Straßen weiter. Hier blieb er einige Jahre, dann zog es ihn direkt an den Checkpoint Charlie. Die Ausstellungsräume wechselten mit samt des kompletten Wohnblocks den Besitzer, Werner zog in die Hedemannstrasse um, Ecke Friedrichstraße, direkt gegenüber dem neuen TAZ-Gebäude. Dort residiert er seit über zehn Jahren. Werner hat sich nie zum Haifisch Galeristen entwickelt, war doch diesbezüglich nach der Wende 1989 in Berlin alles möglich.
2019 zeigte er in der Hedemannstrasse in einer Einzelausstellung einen Überblick über mein gesamtes künstlerisches Schaffen. Grundlage war der 600 Seiten Katalog des Hirnkost Verlages mit dem Titel: Ernst Volland – Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes, Dokumente.
Werner Tammen ist Mitbegründer der Art Karlsruhe. Von der SPD bekam er den Auftrag, die neu gebaute SPD Zentrale mit Kunst auszustatten. Außerdem ist Werner seit Jahren erster Vorsitzender der Berliner Galeristen. Diese Funktion füllt er ehrenamtlich mit Engagement und feinem Humor aus. Seine Tätigkeit wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geadelt.
Werner, gerade 73 jahre alt geworden, kann auf eine reiche Erfahrung als Galerist und Kurator zurückblicken. Er ist nicht nur versiert in künstlerischen Diskussionen, sondern auch in politischen Auseinandersetzungen. Warum hat die SPD in Berlin Werner Tammen nie das Angebot gemacht, Berliner Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt zu werden? Nein, man kann noch weiter fragen. Warum hat die Bundes-SPD Werner Tammen nie ins Gespräch gebracht, für die Stelle des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland?
(1) Mockturtle, auch bekannt als „falsche Schildkrötensuppe“ (Mock Turtle Soup), ist eine
herzhafte, dunkle Suppenspezialität, die hauptsächlich im Ammerland und Oldenburg (Niedersachsen) beheimatet ist. Als preiswerter Ersatz für echte Schildkrötensuppe entwickelt, enthält sie traditionell Rindfleisch, Schweineherzen, Schweinezunge und kleine Fleischklößchen in einer würzigen Sauce.
(2) Die Geschichte von Blaise Vincent – Ernst Volland. Katalog der Galerie am Chamissoplatz mit einer Dokumentation über Idee und Ausführung der Fake
-Aktion Blaise Vincent, 1983