vonErnst Volland 17.03.2026

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Teil 2
Nach der Veröffentlichung meines künstlerischen Gesamtwerkes, einem 600 Seiten und 3 Kilo schweren Buches zu Beginn des Jahres 2018 traf ich mich mit dem Schweizer Fotografen Beat Presser zum Frühstück an einem der schönsten Orte in Berlin, dem Viktoria Luise Platz.

Abb. 5 Ernst Volland. Eingebrannte Bilder , Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes Dokumente.
Hirnkost. Berlin 2018

Presser sah mein Buch, lobte es überschwänglich und bot sofort seine sehr guten Kontakte zu den Goethe-Instituten an und fragte mich ganz direkt „In welches Land möchtest du?“ Ich war verblüfft, wusste aber, dass er seit dreißig Jahren Ausstellungen und Workshops in etlichen Ländern der Welt mit Goethe realisiert hatte und antwortete spontan, sehr gern, nach Vietnam und falls möglich, Brasilien und Chile. Vietnam nannte ich aus persönlichen politischen Gründen, da mich der Vietnamkrieg zur Zeit der Studentenrevolte stark geprägt hatte und ich den Krieg künstlerisch thematisiert hatte; Brasilien wegen der damaligen unverständlichen Ablehnung aus der Münchner Zentrale noch unter der Militärdiktatur, aber auch wegen der faschistischen Sprüche des soeben gewählten Präsidenten Bolsonaro. Chile, wegen meinen Sympathien für den 1973 ermordeten Sozialisten Salvador Allende.
„Vietnam macht Wilfried“, meinte Presser und kündigte mich dort mit einer E-mail an. Einen Monat später flog ich auf eigene Kosten in das vorher noch nie besuchte Land. Ich beschränke meine neuntägige Reise nur auf Hanoi. Ich hatte Glück und fand im Zentrum für 20 Dollar inkl Frühstück ein gutes kleines Hotel mit nur freundlichen Menschen. Am ersten Tag besuchte ich bei 30 Grad schwüler Luft Wilfried, den Leiter des Goethe Instituts. Er trug eine gelbe Fliege und ein rotes Hemd. Es war bereits Mittagszeit, ich hatte mich verspätet, dennoch schenkte Wilfried mir eine halbe Stunde. Ich stellte Buch und das Projekt vor. Wilfried war nach einiger Überlegung von der Sache überzeugt und sagte zu. Wir einigten uns auf einen Eröffnungstermin am 2. September 2019, dem 50ten Todestag von Hoh Shi Minh.

Abb. 6 Ernst Volland, VIE10, Fotografie , 1997. 100 x 140 cm

 

Abb. 7 Ernst Volland, VIE11, Fotografie, 1997. 100 x 140 cm

Abb. 8 Ernst Volland, Myl1, Fotografie, 2007. 100 x 140 cm

Hanoi überraschte mich, besonders das geschickte Fahren im Verkehr mit tausenden leichten Motorrädern, aber auch die vielfältige einfache Küche. Ich recherchierte für meine Ausstellung in verschiedenen zeitgenössischen Museen, die alle den Vietnamkrieg thematisierten, aber auch die französische Kolonisierung, sprach mit interessanten Menschen. Zuerst besuchte einen der bekanntesten Designer, der in Halle studiert hatte und zwölf Jahre in der DDR lebte, am nächsten Tag führte mich die Vize-Direktorin des Hanoi Kunstmuseum durch die Sammlung. Ich kam in Kontakt mit einem humorvollen Professor der Kunsthochschule, der mich einlud, an seiner Hochschule beim nächsten Besuch einen Vortrag zu halten.
Schließlich fand ich auch eine junge Historikerin, die mein Projekt bei Goethe mit begleiten wollte und reiste zurück nach Berlin.
Ich schrieb ein generelles Konzept für mein Projekt, das die spezifischen landestypischen Eigenheiten kurz berücksichtigte und schickte es nach einigen Monaten Wilfried. Es waren noch neun Monate Zeit bis zur Eröffnung. Postwendend kam die ablehnende Antwort von Wilfried, dem Leiter des Goethe Institutes Hanaoi, ich sei schlecht vorbereitet, hätte keinen Kurator vor Ort und zu teuer. Keine Fragen. Auf Wiedersehen.

Im Juni des gleichen Jahres nahm ich während eines Aufenthaltes in Lissabon die Gelegenheit wahr und bekam einen Gesprächstermin mit der neuen Leiterin des Goethe-Institutes. Schon nach wenigen Minuten sprachen wir über mein letztes Buch, das Konzept Eingebrannte Bilder und wie man es in Portugal präsentieren könnte. Die Leiterin schlug vor, zuerst einmal zwei bis drei Eingebrannte Bilder im Original zu zeigen und dann in einem Vortrag über Erinnerung, Fotografie und Kunst zu diskutieren. Eine gute Idee. Seit vierzig Jahren besuche ich regelmäßig Portugal. Es ist für mich und meine Familie zu einer zweiten Heimat geworden. Die Liebe fing im Jahr 1976 an, als ich in Lissabon Künstler besuchte, die spontan auf die Nelkenrevolution im April 1974 reagiert hatten und ihre Bilder in einer umfangreichen Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg zeigen konnte. Nach dem Treffen ging ich beschwingt aus dem Goethe-Institut, das direkt neben der deutschen Botschaft liegt. Beschwingt, weil Vorstellungsgespräche dieser Art nie einfach sind. Ich habe seitdem nie wieder etwas von der Leiterin des Goethe-Institutes gehört.
Im Sommer besuchte ich das Jahresfest der Goethe Institute im Hamburger Bahnhof, Berlin. Die Sonne schien, die Stimmung war ausgelassen, ein herrliches Fest. Viele Länderchefs waren angereist, man konnte Kontakte machen. Der Chef aller, Herr Lehmann hielt eine bemerkenswerte Rede. „Vergessen Sie nicht, wir sind eine Demokratie und der verlängerte Arm des Außenministeriums. Wir können dort kulturell mehr bewirken, wohin der Arm der Politik nicht reicht.“ Ich fühlte mich angesprochen.
Mit diesem Wind im Rücken fuhr ich mit dem Zug und 35 Grad Hitze nach Warschau zu Herrn Bertram, den ich auf dem Goethe Fest getroffen hatte. Mein Besuch war angekündigt. Herr Bertram nahm mein Buch, den Katalog meiner Ausstellung in Israel, legte beides auf einen großen Stapel Bücher mit der Bemerkung, er ziehe gerade um, viel Arbeit. Wir sprachen über meine Intentionen, gerade in Polen auszustellen (Auschwitz). Herr Bertram lehnte ab, weil die Zusammenarbeit mit der polnischen Seite sehr schwierig sei und er für dieses Projekt keinen geeigneten Raum finden könnte.

 

Teil 3 folgt

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