Teil 3
Ich flog im Oktober nach Stockholm um einen Freund aus der Schulzeit zu treffen, der eine schwedische Frau geheiratet hatte und seitdem in Schweden lebt. Wolfgang Menzel, Fotograf, Schriftsteller und Künstler. Wir gingen gemeinsam ins Goethe- Institut Stockholm und stellten mein Projekt „Eingebrannte Bilder“ vor. Es wurde ein munteres Gespräch mit dem Leiter und einer Mitarbeiterin. Wir plauderten zwei Stunden. Beide waren vom Projekt sehr angetan und wollten sich dafür stark machen. Von beiden Personen des Goethe-Institutes habe ich nichts mehr gehört.
Auf dem Goethe Sommerjahres Fest lernte ich auch flüchtig Frau Rucktäschel-Katte kennen, die Bereichsleiterin für ganz Südamerika. Ich rief sie ein paar Wochen später an und erklärte ihr mein Projekt für Goethe, mit dem Wunsch, in Chile und Brasilien auszustellen. Sie wechselte gerade ihre Position von Sao Paulo nach London und versprach mir den Verantwortlichen in Chile und Sao Paulo Empfehlungen zu schicken. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung las ich einen aufrüttelnden Text von ihr über die massive kulturelle Einschränkung unter dem neuen Präsidenten Bolsonaro. Eine engagierte Frau.
Anfang Dezember flog ich wieder auf eigene Kosten nach Santiago de Chile, um dem Goethe-Institut vor Ort einen Besuch abzustatten und um über eine Ausstellung mit meinen Eingebrannten Bildern zu sprechen. Außerdem besuchte ich in Hanoi kennen gelernte chilenische Freunde, die ich durch Zufall in Hanoi getroffen hatte. Enzo und Sylvia.
Sie lebten dreißig Jahre in London im Exil. Enzo wurde unter Pinochet gefoltert und verbrachte zwei Jahre in Haft auf Grund seiner sozialistischen Einstellung. Inzwischen arbeiteten sie wieder in Chile. Sylvia schreibt Bücher über Schamanismus, Heilpflanzen und Fen Chui. Sie halten sich regelmäßig in China auf und Enzo spricht fließend chinesisch. Wir kochten und lachten zusammen und sie luden interessante Freunde ein. Täglich diskutierten wir stundenlang wie junge Studenten. Als Enzo eines Morgens ganz unvermittelt allein mit mir über seine Haftzeit und die Folter sprach, bei der sie ihm einen Kartoffelsack über den Kopf stülpten, konnte er die Tränen nicht unterdrücken. „“Ich weine, wegen meiner Freunde, die umgebracht worden sind und ich habe überlebt“.
Ich machte mich täglich auf und folgte den Spuren von Salvador Allende in der Stadt. Eines Tages ging ich in das Goethe-Institut.
Herr B., der Leiter des Goethe Instituts, empfing mich in der hauseigenen kleinen Cafeteria. „Sie können sich auf meine Kosten einen Kaffee an der Theke holen.“ Ich gehorchte. Er schlug mein Buch auf, sah ein Plakat aus den 70er Jahren mit dem Politiker Strauß. „Sind Sie der kleine Klaus Staeck?“ Ich erwiderte trocken, „Nein, ich bin der große Ernst Volland.“ Herr B. blätterte im Buch. „Wissen Sie, wie Sie mir hier in Chile vorkommen? Wie ein Ägypter, der nach Deutschland kommen will und dort Plakate über Strauß machen möchte.“ Ich antworte nichts, mir wurde etwas übel. Ich sagte, ich habe in Israel ein Projekt mit Fotografie und Erinnerung ausgestellt, das auf andere Länder übertragbar ist, auch auf Chile, deshalb bin ich hier. Es geht um das Konzept meiner „Eingebrannten Bilder“, um Ikonen. Allende ist nicht nur in Chile eine Ikone. Herr B. blätterte. „Von Gerhard Richter würde ich gern eine Ausstellung machen, der hat eine interessante Biografie“. Herr B. stand auf. Die Kaffeepause war beendet. „Sie haben ja gar keine Ahnung von Chile, auf Wiedersehen.“ Ich ging in die Bücherei und schenkte dem Haus mein Buch. Der freundliche Bibliothekar nahm es dankend entgegen. Er sagte, er würde mich gern zum Essen einladen, sei aber an seinen Arbeitsplatz gebunden, für einen Kaffee könnte es reichen. Es wurde ein munteres, interessantes Gespräch, nicht nur über Chile. „ Ich mag ihr Projekt, mal sehen, was ich machen kann.“ 20 Stunden Flug für zwei Kaffees.

Abb. 8 Ernst Volland – Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes, Dokumente. Hirnkost Verlag 2018
Nach zehn Tagen flog ich nach Sao Paulo ins brasilianische Goethe-Institut. Freunde hat mir eine brasilianische Hochschullehrerin vermittelt, die perfekt deutsch sprach und sehr charmant war. Sie zeigte mir nicht nur die Stadt, sie begleitete mich auch in das Goethe-Institut, zum Gespräch mit Herrn Fuchs. Er nahm sich viel Zeit, lud zu einem Essen ein und ich konnte mein Projekt in Ruhe darstellen, das ihn sehr interessierte. Ich schickte ihm später mein Konzept zur Vorlage für ein Treffen aller Leiter der elf südamerikanischen Institute im März, das er ihnen vorstellen wollte.
Das Konzept wurde für ganz Südamerika abgelehnt, auch in Sao Paulo.
Inzwischen sind sechs Jahre vergangen. In diesen sechs Jahren gibt es keinen weiteren Kontakt zu einem der vielen Goethe-Institute weltweit.
Schade. Fuck you Goethe, meine Version.