vonWolfgang Koch 22.10.2007

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Der Wienerische Geist trägt jetzt Frack und Monokel. Es wächst eine Architektur, die im Jugendstil eine dynamische Fortsetzung findet und dank ihrer Repräsentanz den Monumentalismus der Gründerzeit abzuwehren vermag.

Lässt sich die Wiener Moderne tatsächlich als verspätetes Aufglühen des europäischen Humanismus und der Aufklärung verstehen? Derselbe Sigmund FREUD, dessen Traumdeutung 1900 erscheint und der einmal bekennt: »Meine ganze Libido gehört Österreich-Ungarn«, derselbe Freud nimmt zu Beginn seiner Arbeiten an, dass man durch die Aufklärung moralischer Mechanismen einer Verdrängung der Triebe entgegenwirken kann. Freud bekennt aber auch: »An keinem Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich spürbar wie in Wien.«

Das Wien um 1900 ist multikulturell: Es ist die grösste tschechische Stadt des Erdkreises und hat noch im Ersten Weltkrieg etwa so viele jüdische Einwohner wie heute die Stadt Haifa in Israel.

Das Wien um 1900 ist intellektuell: Es treibt so viele sprachkritische und antimetaphysische Denker hervor, dass ihre Dichte heute noch zu erstaunen vermag: den Physiker und Mathematiker Ernst MACH (1838-1916), den Gesellschaftstechniker Josef POPPER-LYNKEUS (1838-1921), den Logiker Adolf STÖHR (1855-1921), den nihilistischen Physiologen Richard WAHLE (1857-1935), den Begründer der Psychoanalyse Sigmund FREUD (1866-1939), die Geschlechterforscherin Rosa MAYREDER (1858-1938), den Historiker Ludo Moritz HARTMANN (1865-1924), den Kulturphilosophen Heinrich GOMPERZ (1873-1942), den originellen Freud-Schüler Otto RANK (1884-1939) und schliesslich den kongenialen Wissenschaftssoziologen Edgar ZILSEL (1891-1944), um nur die wichtigsten zu nennen.

Sollte es Ihrem Denken an Festigkeit und Rationalität mangelt, so machen Sie Machs Analyse der Empfindungen (1886) oder Zisels Anwendungsproblem (1916) zu Ihrer Lektüre. – Schwierige Fachliteratur der Erkenntnistheorie und der Logik, das stimmt. Aber seit diesen Edelsteinen wissenschaftlicher Denkarbeit ist auf Wiener Boden nichts mehr von dieser Luzidität gewachsen.

Die beiden Schriften liefern eine klare Fundierung und Begründung der empirischen Wissenschaften – und die Arbeitsteilung zwischen Physik, Philosophie, Psychologie, Physiologie und Biologie wird dabei auf das Schönste vernachlässigt.

Freud und seine begabten Zeitgenossen, sie verhelfen der analytischen Weltsicht in Österreich-Ungarn mit einer Wucht zum Durchbruch, als gelte es all die verlorenen Jahrhunderte mit einem einzigen Schlag nachzuholen.

Freilich gibt es genügend Hinweise auf die gleichzeitige Existenz von zwei oder drei Kulturen der Moderne: auf eine, die von Postulaten der Reinheit und der Selbstbeherrschung ausgeht und auf dem Subjekt beruht. Und auf eine andere, die von den Systemen und ihrer Ausdifferenzierung her denkt und die allgemein gebildete Persönlichkeit auf den Sockel einer Wissenskultur stellt.

Wir entdecken die Affirmation der romantisch-idealistischen Dekadenz kraft einer Mystik der Nerven; daneben und dem widersprechend: die modernistisch-materialistische Haltung eines Positivismus, mitsamt seiner euphorischen Antimetaphysik. Nicht genug damit: Es existiert auch noch eine Art tragischer Humanismus bzw. eine Klassik ex negativo.

Im Geist ist Wien gross. Erst im Jahrzehnt 1910 bis 1920 beginnt sich der Mittelpunkt schöpferischer Leistungen von Wien nach Berlin zu verlegen.

© Wolfgang Koch 2007
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