vonWolfgang Koch 19.05.2013

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Manfred Bockelmann: Josefine K., 11 Jahre / Foto: VBK Wien, F. Neumüller

»Zeichnen gegen das Vergessen« heißt die Hälfte einer neuen, im Wiener Leopold Museum gezeigte Serie von Manfred Bockelmann. Eines dieser Bilder zeigt die zweijährige Karolina Rigo, ein engelsgleicher Lockenkopf, der einem Kleinkind im deutschen Konzentrationslager Auschwitz gehört hat. Bockelmann portraitierte auch die lachende 12jährige Anna Cohen, und er zeichnete das schöne Renaissanceantlitz der 11jährigen Josefine K. – Zeile für Zeile, mit dem Kohlestift in Augenhöhe vor der Juteleinwand stehend, und nach fotografischen Frontalaufnahmen aus erhaltenen Aktenbeständen.

 

Er wolle mit der Serie gar keine Kunst machen, betont der Zeichner halb verlegen, er wolle einfach nur an ein schreckliches Schicksal erinnern, das Menschheitsverbrechen unvergesslich machen, ja, er wünsche sich von ganzen Herzen, sagt Bockelmann, dass die nächtlichen Partybesucher im Hof des Wiener des Museumsquartiers diese seine Zeugnisse des Grauens registrieren und fortan im Kopf behalten werden. Es gehe bei dieser Arbeit nie und nimmer um Kunst (als ob das etwas Anrüchiges wäre), sondern um Dokumente, die eine Wirkung unter den Nachgeborenen entfalten sollen, – und die nun, um zu wirken, vom Produzenten wie vom Aussteller als »Nichtkunst« maskiert werden.

 

Eine seltsam abdrehte Mimik ist das, die hier ein neuer Akteure der Auschwitz-Galaxy vor uns zeigt. Bockelmann spricht davon, dass er »Ähnlichkeiten« mit den inhaftierten Kindern abbilden will – doch Ähnlichkeiten wovon: von den Fotografierten mit den Ermordeten, von den Toten mit den Überlebenden, oder von den Opfern des Nationalsozialismus mit uns, den Nachfahren? Das sind drei völlig verschiedene Kategorien, die nicht vermischt werden sollten.

 

Unberücksichtigt bei dieser Erinnerungsarbeit bleibt weiters der Bildcharakters der historischen Vorlagen. Immerhin handelt es sich ja um Täterfotografie. Kann ein erkennungsdienstlich behandeltes Opfer überhaupt »verlebendigt« werden, wie das Bockelmann vorschwebt? Oder ist die »Wiedererweckung des Menschen« hinter den Fotos nicht vielmehr eine ästhetische Anmassung, ziemlich unpassend zum kühlen Pathos unserer Tage, in denen Präsident Obama sich mit Schuhen am Schreibtisch und Angela Merkel im Badedress ablichten lassen?

 

Bockelmann will mit seiner Serie unbedingt gegen das »vollkommene Auslöschen« agieren, und der Museumsvorstand und Kurator Diethard Leopold assistierte dem temporären Nichtkünstler, indem er ein weiteres Paradoxon in den Raum stellte: Als Künstler, so der Kurator, sei Bockelmann bisher nicht eben erfolgreich gewesen und relativ unbekannt geblieben. Seit er sich aber als Nichtkünstler thematisch der nationalsozialistischen Kindervernichtung angenommen habe, sei er plötzlich in aller Munde.

 

Nun darf man schon mal fragen, was Artefakte eines Nichtkünsters im Leopold Museum zu suchen haben, wenn das nach eigener Definition doch »eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen moderner österreichischen Kunst« beherbergt? Igendwie gesteht der Kurator mit seiner Begeisterung für Museumsfremdes ein, dass diese Ausstellung eben doch etwas mit der umstrittenen Restitutionspolitik seines Hauses zu tun hat. Zumindest macht sich die Institution verdächtig.

 

Direktor Peter Weinhäupl versuchte es offensiver und erklärte die Bockelmann-Präsentation zum »wichtigen Schritt einer ideelen Komponente der Restitutionspolitik«. Kann und darf man aber einen solchen moralischen Schritt in der Öffentlichkeit einem Mann der Hautevolee vom Wörtersee überlassen, der demonstrativ auf den Kunstdiskurs (das heißt auf die Bezüge seiner Arbeiten zu anderen Kunstwerken, anderen Künstlern und ästhetischen Theorien) pfeift und einzig und allein auf den Überwältigungseffekt setzt?

 

Die Kohlezeichnung von Josephine K. auf Jute (150 x 110 cm) mit der erkennungsdienstlichen Fotovorlage / Foto: VBK Wien, M. Bockelmann

Die Indifferenz der Museumsleute spiegelt auf seltsame Weise den Versuche der Bockelmann-Brüder, ihren NS-Vater als einen durch und durch kultivierten Mann darzustellen, der mehrere Sprachen sprach und mit der Nichte des Dadaisten Hans Arp das lustige Leben der Bohemé in einem Kärntner Bergschloss führte.

 

Udo Jürgens erinnerte mehrfach in Interviews und Büchern daran, dass der Vater wegen Desertionsverdacht kurz vor Kriegsende einige Wochen in Klagenfurt in Gestapo-Haft saß. Das ist nicht falsch. Doch es existieren eben auch ausreichend Hinweise darauf, dass das Familienoberhaupt kein hilfloses Opfer der Zeitumstände und der ideologischen Verblendung war, sondern dass die Bockelmanns vor und nach 1945 engen Kontakt mit Schlüsselfiguren des Nationalsozialismus und führenden Holocaust-Tätern in Kärnten hatten.

 

Zu diesem braunen Umfeld zählten die Familie Mohrenschildt (»Onkel Reinhold«), ein Nachbar der Bockelmanns und Duzfreud von Gauleiter Friedrich Rainer, sowie der SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik, der für zwei Millionen Ermordete verantwortlich gemacht wird. Udo Jürgens erster Auftritt als Musiker fand 1952 im Tanzlokal des nationalsozialistischen Klagenfurter Cafétiers Ernst Lerch statt, einem Kriegsverbrecher, der nach der Befreiung auf wundersame Weise unbehelligt geblieben war.

 

Mit diesen Hintergrundinformationen sehen uns Karolina, Anna und Josefine noch einmal anders an.

 

(Wird fortgesetzt)

 

© Wolfgang Koch 2013

 

http://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/51/manfred-bockelmann

 

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