vonWolfgang Koch 29.06.2018

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Vor drei Wochen wandte die Republik Österreich erstmals konsequent ihr Islamgesetz an, um sieben problematische Moscheen zu schliessen und aus dem Ausland finanzierte Imane auszuweisen. Keine einzige dieser Moscheen hat bis heute den Betrieb eingestellt, kein einziger der zehn ausser Landes gewiesenen Imane das Land verlassen.

Die Mitte-Rechts-Regierung unter Einschluss der FPÖ ist genausowenig in der Lage den Rechtsstaat konsequent durchzusetzen, wie es die Mitte-Links-Regierung davor war. Tag für Tag tanzen religiöse Fundamentalisten – unter dem Stichwort »Religionsfreiheit« – dem Staat auf der Nase herum.

Vor diesem aktuellen politischen Hintergrund müssten die Berichte des Ex-Botschafters Weinberger aus der tunesischen Gegenwart eigentlich die letzten Wegducker wachrütteln, aber die Kontoverse über das spannende Buch zeigt, dass es auch hier noch an begrifflicher Schärfe fehlt.

Gerhard Weinberger vertritt in seiner Streitschrift eine recht simple Vorstellung von Moderne. Sie gilt ihm als eine Art Fortsetzung von Reformation und Aufklärung, also jenes Erbe griechischer Kosmosspekulation, christlicher Heilserwartung und scholastischer Wissensverwaltung, welches tugendbewusst das von ihr überwachte bürgerliche Leben sorglich in ein Gehäuse aus Vernunft und Sicherheit einschliesst.

Ein »moderner Islamismus« ist für diesen Autor eine Contradictio in adiecto, ein Widerspruch in sich – so etwas kann es nicht geben. Doch dieses Urteil übersieht erstens, dass sich die Aufklärung nie eindeutig von der göttlichen Weltordnung verabschiedet hat, und zweitens, dass wir seit den Faschismusanalysen der Frankfurter Schule, spätestens aber seit den Studien des israelischen Soziologen Zeev Sternhell, das Bild einer »rationalistischen Moderne« besser wieder fallen lassen.

Was für die Faschismusanalysen gilt, gilt für ein Verständnis des Islamismus nicht minder. Bereits vor 20 Jahren zeichnete sich das Bild eines geschlossenen und weitgehend abstrakten Islam jenseits der vielfältigen nationalen Strömungen im Süden ab, der der weltlichen Sanftmut der Demokratie mit seinem theokratischen Fanatismus begegnet.

Der Islamismus versteht sich als radikale Alternative zur Demokratie und bietet den Unterklassen ein Rache-Ideal, er bietet die Würde des Kämpfers und ein zugleich jenseitiges und dieseitiges Ziel. Die Hoffnung unserer Politiker und Medien, damit nach dem Sturz des Kommunismus wieder einen gemeinsamen Feind zu haben, hat sich nicht erfüllt. Denn der Islamismus hat weder die erforderliche Universalität noch die notwendige Einheit, der demokratischen Massengesellschaft nachhaltig die Stirn zu bieten.

Gewiss, im religiöse motivierten Terror wird der Kampf auf Leben und Tod zu einer Todesrevolte verbogen, für die der Tod sinnstiftend Wahrheit, Grund und Ziel des Lebens in sich vereint. Die irreversible Gabe des eigenen Todes lügt das Opfer des Anderen um in den Tod des geopferten Selbst.

Diese schreckliche Ideologie hat 2001 zum Massenmord einer rätselhafte Suizidsekte geführt und dafür gewaltigen Applaus in der gesamten arabischen Welt eingefahren. Doch die Anschläge vom 11. September gelangen nur unter enormem finanziellem Aufwand aus geheimen Kanälen der Ölstaaten, in die alle möglichen Geheimdienste verstrickt sind.

Ein weiteres Mal hat es der islamistische Terror mit einer Guerillastrategie im Mittleren Osten versucht. Der Erfolg der dschihadistischen Karte in Syrien, Irak, Afganistan, Pakistan, Regionen des Magreb und der Sahara lag darin, den Ausgegrenzten und den religiösen Sinnsuchern aus Europa ein militärisches Ideal zu bieten.

Die Staaten des Nordens haben darauf militärisch geantwortet, und ihre Falken rüsten sich nun für den dritten Anlauf des Fanatismus unter der schwarz-weissen-Flagge der Salafisten. Die Tauben der demokratischen Gesellschaft ignorieren weiterhin das Versagen des Rechtsstaates gegenüber den salafistischen Umtrieben. Ganz in der liberalen Tradition verlassen sie sich auf das Scheitern der Revolte an ihrem inneren Dilemma: Die persönliche Entscheidungsfreiheit in der Demokratie gestatte es dem Islamismus ja einerseits, sich in den Hinterhofmoscheen und Familien auszubreiten, andererseits begrenzt sie seine Ausweitung.

Weinberger setzt den Aufstieg des Islam zur beleidigten Weltmacht mit der Demütigung der arabischen Welt durch Napoleon an. Seiner Ansicht nach haben wir es in der Kopftuchdebatte mit einer Longue durée des Kolonialismus zu tun.

Diese These lässt sich leicht zu widerlegen. Der heutige Aufschwung der islamischen Kultur setzte mit dem Ende der antagonistischen Blöcke in der nicht-islamischen Welt 1989 bzw. 1991 ein. Es waren der ideologische Sieg des Westens über den Staatskommunismus und, als zweite Zeitmarke, die Wirksamkeit der Digitale Revolution, die die Rückkehr des Religiösen als bestimmende Determinante des globalen Geschehens anzeigten.

Salafismus und Dschihadismus modernisierten den politischen Islam, indem sie a) die ethnische Ausrichtung der Umma aufgaben und die neuen extremistischen Moscheegemeinden multinational wie die globalisierte Gesellschaft selbst bildeten. Weiters b) fehlt dem Koran die Idee des Opfers. Der terroristische Islamismus übernahm – im 1. Golfkrieg und dann in Palästina – die an und für sich ganz unislamische Idee des Selbstopfers. Dabei spielen die Selbstverbrennungen von Dissidenten in Osteuropa und buddhistischen Mönchen im Vietnamkrieg eine echte Vorbildrolle.

Nein, ich sehe in der islamischen Herausforderung der demokratischen Ordnung eine durchaus moderne Entwicklung. Salafistische, wahabistisch und dschihadistische Strömungen sind in der islamischen Kultur gerade deshalb populär, weil diese Bewegungen in den Augen ihrer Anhänger gerade nicht in der Vergangenheit festsitzen, wie ihre Gegner und Kritiker unterstellen.

Weinberger interessiert sich weder für die Reinheitspraktiken des Schriftislam noch für das auffällige Motiv der Märtyrerhochzeit, ja überhaupt nicht für die ideologische Ausstattung der terroristischen Taten mit den kulturellen und religiösen Attributen des Märtyrertums. Für ihn verläuft der Graben simpel zwischen Angst- und Hoffungsmachern, zwischen heroischen Gewalttätern und dem Grundmodell der attischen Demokratie.

Die religiöse Unvernunft wird so zur spiegelverkehrten Reflexion der Vernunft in sich selber.

© Wolfgang Koch 2018

Foto: Ahrar_AlSham

Gerhard Weinberger: Mit dem Koran ist kein Staat zu machen. Die Krise des Islam hautnah erlebt. 163 Seiten, ISBN: 978-3-99070-718-0, Wien: myMorawa 2018, 18,- EUR, www.mymorawa.com

 

 

 

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