vonWolfgang Koch 02.11.2018

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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»Frühvollendeter«, »schockierender Entblösser«, »Weltgeltung«, »grösster Zeichner des 20. Jahrhunderts«. Die Stimmen unserer Kulturinstitutionen und der Tourismus-Industrie überschlagen sich in ihrem Triumphalismus. Der Schiele rollt!  Doch im Merchandising dieses Genielebens bleibt die Kunst ohne Luft, leert sich das Gedächtnis und das Vergessen zugleich.

Wie Schnitzler und Klimt zeichnete Schiele auf, worüber vor einem Jahrhundert nicht gesprochen werden durfte. So wie seine beiden Zeitgenossen empfand er es als seine Aufgabe, den Schmerz einer Verdrängungsgesellschaft zu berühren. Und er blieb, jedenfalls als Künstler, unbeeindruckt von einer hysterischen Öffentlichkeit, die ihn einsperrte, wenn es darum ging, durch seine Augen seine Wahrheit zu gestalten.

Wie mit diesem seltsamen Erbe vergessener Kämpfe in unserer Zeit umgehen? Lieber anderes als in Paris, London und Wien. Alexander Nickl sucht in seinem dritten Künstlerbuch einen aufregend neuen Weg der Schiele-Rezeption. Er hat eine der Wissenschaft (Kunstgeschichte) und dem Städte-Tourismus verschlossene Form gefunden, sich der Schiele-Rezeption selbst zuzuwenden. Nickl kommentiert dabei den toten Künstlerkollegen nicht; sondern er erzählt auf höchst raffinierte Weise, was er gar nicht wissen kann.

Nickl thematisiert schlicht die Teilblindheit der Kunst in Bezug auf sich selbst. Also zunächst die Einsicht, dass der Künstler nicht jederzeit ganz der ist, der er zu sein glaubt: der leidenschaftlich Getriebene, und in einem zweiten, konsumverweigernden Schritt das Genie und den bürgerlichen Salon als Projektionsfläche der Massengesellschaft.

Mentagramme sind Nickls zuckergussfreie Gedankenzeichnungen, zum Verzweifeln unterkomplex, und auf der Suche nach dem verlorenen Glück in Prachtrahmen verkeilt. Mentagramm III, so der Buchtitel, um den es in diesem Text geht, bietet eine Ausstellung zum Hin- und Herblättern. Die dargebotene Schau eröffnet nach ein paar Klaviertakten mit dem Eintreffen Egon Schieles am Bahnhof von Altmünster, wo ihn sein Protege Arthur Roessler zwei Stunden und elf Minuten lang erwartet hat.

Zeitgleich mit der weitsichtigen, kommerziellen Verbindung dieser beiden Männer setzt sich am unteren Bildrand der Buchseite ein Lebenszüglein sanft in Bewegung und tuckert in der Folge durch neun Salons im Entre des sogenannten Neoprojektionstheaters, ein seit Nickls Lichtprojektionen in den Sofiensälen, auf der Fassade der Wiener Karlskirche, in einem Öltanklager und in einem Atomkraftwerk (2005/08) eingeführter Begriff, mit dem der Künstler das dynamische Verhältnis von Licht, Raum und Rezeption untersucht.

Im Blauen Salon zum Beispiel vollführen die Schiele-Doubles der Mentagramme einen heillosen Burlesque-Strip in Dita Von Teeses überdimensionalem Martiniglas. Im Kaminzimmer erwartet uns jene Orange am Sims, von der Schiele 1912 gesagt hat, sie wäre das einzige Licht im Gefängnis.

Das kleine Züglein verschwindet erst am Todestag auf Seite 167 wieder. Was dann bleibt, das finden wir, wie im richtigen Leben, im anschliessenden Bücher-Salon, wo nun Portraits, beleuchtet von Grabkerzen, zwischen Regalen mit bibliophile Werken oder Buchattrappen hängen. Die letzte Station vor dem Aufführungsaal: ein Shop, in dem es alle nicht von Nickls Kunstmaschine KD-L47 zertifizierten Werke als Schnäppchen zu kaufen gibt. Ein wahres Sammlerparadies.

Nickl ironisiert Schiele nicht mit geistlosen Feminismus-Phrasen, er stellt sich nicht in eine unangemessene Nachbarschaft zum Genie. Im Grund ist ja jede künstlerische Antwort auf das Werk, das nun mal von einer prononcierten Erotomanie getragen ist, absolut entbehrlich. Kunst ist kein Ort der sozialmoralischen Dispute, sondern des Phänomenalen, das wir zu akzeptieren haben.

In Mentagramm III datet der Gegenwartskünstler die Kunstgeschichte nicht up. Hier soll dem Betrachter kein Schmunzeln entfahren, werden keine Resonanzräume für Untertöne gebastelt. Hier erklingt kein generationenübergreifendes Duett von Jetztkunst und Gesternkunst wie bei den hypertransformen Skulpturen von Rudolf Polanszky, die derzeit im MQ zu sehen sind.

Beeinflusst von den Erkenntnistheoremen des Neurowissenschafters Eric Kandel fragt Nickl mit den Mitteln des Buchobjekts, was wir unter Raum und Bild zu verstehen haben. Ist ein Bild ohne Raum überhaupt vorstellbar? In welche Dimensionen führen uns die Neuen Medien hinein? Und was spielt das Frame in diesem Spiel für eine Rolle?

Wenn jede treffende Beobachtung über irgendein einzelnes Kunstwerk und seiner Wirkung zum Verständnis der gesamten Kunstausübung beizutragen vermag, dann ist Nickls Fusionismus das Schiele-Gen der Stunde. Seine fieberhafte Fantasie erschafft auf der Ebene der Zeichnung nichts, vielmehr ahmt sie nach, kombiniert, übertreibt, stellt Ähnlichkeiten fest.

»Die Mentagramme sind für mich existenziell«, sagt Nickl. »Ein Überleben ohne sie ist für mich nicht denkbar, sie pflastern den Weg zu meinem Point Zero. Ich denke, wenn es einen Stoffwechsel der Zellen gibt, den die Wissenschaft Metabolismus nennt, muss es auch einen psychophysischen Stoffwechsel geben, einen Stoffwechsel der Gedanken, den man Mentabolismus nennen könnte«.

In Nickls Installationen dampfmaschint es nicht mehr, wie zu Schieles Zeiten. Die Salonbilder-Bilder sind sichtbar gemachte Frequenzen aus Elektromyographen, die Körperspannungen aufzeichnen. Und im Lichtsalon (Station 6) lässt sich wahrnehmen, das da wohl noch weitere Schwingungen in der Luft präsent sind.

Nickl verbaut die Schiele-Rezeption klug in seiner Privatmythologie. Er überlagert das kollektive Geschehen, statt es zu kritisieren. Der deutsche Künstler bleibt sich selbst dabei undurchdringlich, er kontert die umfangreiche maltechnische Forschungsarbeiten am Jahrhundertwende-Genie mit seiner simplen Ja/Nein-Maschine, die der Documenta-Leitung im letzten Jahr so unheimlich war, dass sie das Enigma aus »Sicherheitsbedenken« von der internationalen Kunstschau fernhielt.

Alexander Nickl: Mentagramm III, Schiele, Eros und die Kunstmaschine KD-L47. Deutsch/ Englisch/ Japanisch, 200 Seiten mit rosa Wäschebändchen, ISBN 978-3-7356-0533-7, Bielefeld/ Berlin: Kerber Verlag 2018, EUR 28,-

Abbildungen: Neoprojektionstheater Wien

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