vonWolfgang Koch 09.11.2018

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Das Ei der Roten Armee Fraktion war ein Onsen-Tamago, gegart in der heissen Quelle der kommunistischen Revolutionsrhetorik, und kaum war der mörderische Metropolenguerillero im Land der aufgehenden Sonne aus der Schale geschlüpft, brieten auch schon Linksradikale in Westberlin und Mailand an seinem Fortkommen.

Zur Erinnerung: Ende August 1969 gründete sich die RAF-Japan, ein Monat später warfen ihre Mitglieder Molotow-Cocktails auf Polizeistationen und am 31. März 1970 entführte ihr erfolgreichstes Kommando eine Boing 727 nach Nordkorea.

Nur 16 Tage später, und elf Tage nach dem Ende des Dramas in Pjöngjang, erschien am 16. April die Nr. 56 der Westberliner Anarcho-Postille Agit 883 mit einem ausführlichen Bericht zu den Heldentaten der Japaner, weiters eine Selbstdarstellung der RAF-Japan und ein paar moderat-kritisch Zeilen zum neuen Ideologiegebäu aus dem Fernen Osten.

Anonyme Autoren berichteten im Untergrundblatt über die japanischen Studentengewerkschaften, die offenen und demonstrativen Widerstand leisteten gegen die Verlängerung des japanische-amerikanischen Sicherheitspaktes und sie kritisierten die fehlende Massenverankerung der selbsternannten Rotarmisten. In ihrer Selbstdarstellung behauptete die RAF-Japan grossmäulig, sie bestehe bereits aus 2.000 Kadern (Berufsrevolutionären) und 6.000 Milizionären.

Ein Monat später, am 14. Mai 1970, wurde der mit dem Vietkong solidarische Warenhaus-Brandstifter Andreas Baader in Berlin von einer vierköpfigen Gruppe aus der Justizhaft befreit. In der Nr. 62 von Agit 883 vom 8. Juni meldeten sich die ultralinken Befreier mit einer euphorischen Erklärung unter dem programmatischen Titel »Die Rote Armee aufbauen« zu Wort. Dieser Text gilt heute als Gründungsdokument der deutschen RAF.

Schauplatz Mailand. In der ersten Erklärung der Brigate Rosse im Oktober 1970 hiess es unmissverständlich: »Wer keine militärische Macht hat, hat auch keine politische Macht«. Der erster Anschlag der Italiener: ein Brandsatz am Wagen eines Siemens-Managers.

Im April 1971 distanzierte sich die deutsche RAF von ihrer im Jahr davor ausgestellten Geburtsurkunde wieder. »Der Brief an 883 vom Mai 70 war zu allgemein«. Nun schwärmten die Untergrundkämpfer mit Worten des chinesischen Potentaten Mao Zedong vom bewaffneten Kampf als »der höchsten Form des Marxismus-Leninismus«, ohne den es keinen antiimperialistischen Aufstand in den Metropolen geben könne.

In derselben Verlautbarung benutzte die RAF ein Argument, das von Theoretikern des Guerillakrieges zu allen Zeiten angeführt wird: »Sowenig wie der Staat in der Lage ist, hinter jeden Arbeiter einen Gendarmen zu stellen, so wenig ist er in der Lage, jeden einzelnen Kapitalisten, Regierungsbeamten, Richter, Offizier usw. mit einem bewaffneten Posten zu schützen«.

Doch aus der Dislozierung der Macht konnten die Linksterroristen im urbanen Raum nirgendwo einen Vorteil ziehen. Dasselbe Argument benutzten übrigens auch die gerade aktuellen gewordenen Theoretikern der Sozialen Verteidigung für den Fall eines gewaltfreien Massenprotestes. Und die strapazierten den Gedanken mit weit höherer Berechtigung.

Das gewaltfreie Handeln hatte ja die Zeitgeschichte auf seiner Seite. Die Dislozierung der Kräfte war der Reichsarmee im Kapp-Putsch 1920, war 1923 den Okkupatoren im Ruhrkampf und 1968 dem Sowjet-Aggressor in der ČSSR tatsächlich auf den Kopf gefallen. Jeder einzelne Soldat und jeder Kollaborateur konnte von friedlichen Demonstranten moralisch in die Enge trieben werden, wenn nur eine erkennbare Mehrheit hinter den Protesten stand, wenn das Kollektiv standhaft blieb und Verhandlungen konsequent ablehnte.

Eine ohne Gewaltmittel geführte Defensive hatte sich in Prag acht Monate lang als den gegnerischen Kräften des Panzerkommunismus überlegen herausgestellt. Erst die ausbleibende internationale Solidarität und eine harte Spitzel- und Repressionswelle hatte dem »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« in der ČSSR den Garaus gemacht und bei der Neuen Linken im Westen das Vertrauen in die Aktionsmittel der Zivilgesellschaft erschüttert.

Boykott und Besetzung, Blockade und selbst Sabotageakte können von der Öffentlichkeit ebenso als »gewaltfreien Widerstand« wie als »bewaffneten Insurrektion« gedeutet werden. Die Crux von politischer Opposition liegt viel häufiger in der Selbstzuschreibung, das heisst in der Rhetorik der Akteure, als die Organisationsmechaniker von Parteien und Gruppen glauben machen wollen.

William Andrews, Autor der neuen RAF-Studie bei bahoe books, vermag nicht besonders scharf zwischen Radikalen, Militanten und Terroristen zu unterscheiden. Alle drei Lager der äusseren Linken stimmen im Glauben an die Notwendigkeit der Revolution überein, oder genauer: im Wunsch den Umsturzgedanken in die Menge zu tragen, um die geltenden sozialökonomischen Regeln zugunsten der unteren Schichten auszuhebeln.

Wo das nicht Kraft des besseren Arguments gelingt, also innerhalb der demokratischen Debattenkultur, da tritt die Agitation der Aktion an, um Aufmerksamkeit, Sympathie oder Schadenfreude in der Öffentlichkeit zu gerieren. Alle drei Positionen – Radikalismus, Militanz und Terror – stehen für eine entschlossene bis fanatische Umsturzideologie, sie behaupten den historischen Determinismus der Gesellschaftstransformation, um entweder eine marxistische »Diktatur des Proletariats« oder die postmoderne »Partizipative Governance« zu errichten.

Dass es bei dem Radikalen (der Begriff Extremist ist für die Rechte reserviert) nicht unbedingt um soziale Gerechtigkeitsfragen gehen muss, zeigen #MeToo-Feminismus, Klimaaktivist*innen und Selbstbestimmungskämpfe indigener Natur.

Der Radikale

Der klassische Linksradikale mythisierte die ArbeiterInnenklasse; sein autonomer Nachfolger in den 1970er-Jahren aber gleich mal sich selber. Der wollte nun »Politik in der ersten Person« machen. Horizont der Selbstermächtigung: die Multitude. Als Kapitalismus- oder Gobalsierungskritiker unterwandert der Radikale liberale Mainstream-Parteien (Entrismus) oder findet in transnationalen sozialen Bewegungen und Teilen der Zivilgesellschaft sein Zuhause. Symbole: Pride Flag, Stern, Rose, Tomate, geballte Faust.

Der Linksradikalismus der Post-1968er-Generation war ein Theoriegebräu, in dem sich protestierende Studierende selbst revolutionär missverstanden. Durch übervereinfachte Bilder von Kapital und Ausbeutung gelangte man zu den seltsamsten Thesen. Es herrschte damals ein heute kaum mehr nachvollziehbares Vertrauen in die Wirkmacht von Theorie, das sich u.a. auf die Lektüre von Linkshegelianern stützte.

Man schenkte einander nichts in den studentischen Denkzirkeln. In den Augen der Roten Zellen/ Arbeitskonferenz München, ein Vorläufer der Marxistischen Gruppe (MG), zum Beispiel führte das Sozialistische Büro in Offenbach einen »Kampf der verrückten Reformisten um die revisionistische Linke«. Akteptieren oder Rausfliegen aus der Bewegung war die Alternative.

Militante und RAF-Linke waren gegenüber solchen Stürmen im Wasserglas offen theoriefeindlich. »Die revolutionäre Theorie ist keine akademische Betrachtung, sondern in erster Linie eine Anleitung zum revolutionären Handeln«, verkündete die deutsche RAF im Mai 1971.

Es kann kein Zufall sein, dass eine der beliebtesten Metaphern dieser Jahre die des Sprengens war, eine Metapher, die durch die Erfahrung der Enge der bestehenden Verhältnisse nahegelegt wurde. Jede Explosion suggeriert bei Jugendlichen die vage Absicht zu schaden, zu erschrecken, zu zerstören. Das Blow-up bezeichnet den verdrängten Willen zur Macht, die anarchische Tendenz, die Dinge zu beherrschen, um das Leben zu unterdrücken.

Für die RAF-Linken wäre es schlicht absurd gewesen, die Abrechnung mit ihren Feinden (etwas mit Linken, die sich den »bürgerlichen Wissenschaften« anbiedern) dadurch zurückzunehmen, indem man sich verständlich zu machen versucht. Man wollte bewusst unverständlich sein.

Der Militante

Militante sind mehr oder minder gewaltbereite Bewegungslinke: Strassenkämpfer, Fabriks-, Haus- und Waldbesetzer, Tierbefreier, Jagdsaboteure; im Japan der 1970er waren es vor allem sich durch repressive Polizeimassnahmen in die Defensive gedrängte Demonstranten an den Universitäten. Die Militanz bildet eher einen innerlinken Habitus, und damit ein Milieu, als eine Ideologie. In der Punk-Ära legten sich die Militanten ein Selbstverständnis als »Autonome« und »Antifa« zu, das sich gleichermassen gegen den Staat und operaistische Organsiationsmodelle richtet.

Die Krawalle beim G20-Gipfel in Hamburg 2017 verursachten hunderte Verletzte und zwölf Millionen Euro Schaden an zerstörten Autos. Machtpolitisch ist dadurch kein einziger Stuhl ins Wanken geraten. Im Gegenteil: die Gesamtlinke wurde von den Tätern in der Ohnmacht vorgeführt, sich glaubwürdig von ihren kaltschnäuzigen Rändern abzugrenzen. Die Distanz der Bevölkerung zur Linken insgesamt wuchs.

Verfassung? Rechtsstaat? Repräsentative Demokratie? Der Militanten-Sprecher Gay Fawkes sieht darin bloss »lästige Bereinigungskrisen«; er grenzt sich nur gegen die moderate, gewaltfreie und legalistische Opposition ab, in Richtung Terror verzeiht er praktisch alles. Symbole: Hoodie, Vermummung, Steinwurf, Helm, Barrikade, Farbbeutel, Molotowcocktail, V wie Vendetta.

Der Terrorist

Als Terrorrist*innen bezeichnen wir jene Revolutionisten, die sich auf Grund ihrer Klassenanalyse zu einem Untergrundkampf mit paramilitärischen und kriminellen Mitteln gegen den Staat entschlossen haben. Zu Chaos mit höheren Zielen. Der kriegerische Ansatz ist auch der politische. Dabei besetzt die Guerilla, der Volksaufstand, den Raum, der Terrorist aber das Denken. Symbol: World Red Army, P 38, AK 47.

Unter Terror verstehen wir vorsätzliche Akte physischer Gewalt mit dem Ziel psychischer Wirkung auf andere. Genügt das als Definition? Muss der Terrorist nicht auch eine Ideologie haben? Müssen seine Taten systematisch erfolgen?

In den 1970er-Jahren hätten Sicherheitsexperten diese Frage mit Ja beantwortet, und sie hätten bestimmt auch noch eine politischen Theorie als handlungsanleitenden Rahmen für den Terror verlangt. Dass ein so enger Begriff den Staatsterrorismus nicht fassen kann, schien lange niemanden zu stören. Die Praxis des islamistischen Suizidterrors zwang die Forschung, das Kriterium einer systematischen Planung in der Terrordefinition zu verwerfen.

So nennen wir Terrorismus nun einfach jene Zerstörungen von menschlichem Leben, mit denen subnationale Gruppen und Einzeltäter illusionäre Ziele verfolgen. Der Nachteil dieser Definition: Sie sagt nichts über die innere Dynamik des Terrors aus.

Der bekennende Antibolschewik Boris Sawinkow beschreibt in seinem Roman Was nie geschah (1912) Aktivisten, die sich reihum in den Terror verlieben. Ihr Antrieb ist ein Gefühl. Das Ziel lautet zunächst soziale Gerechtigkeit, die durch eine Revolution erreicht werden muss. Bald wird das Ziel selbst zur Revolution, was wiederum Terror erfordert. Und schliesslich wird Terror selbst zum Ziel. »Ein Sozialrevolutionär ohne Bombe ist kein Sozialrevolutionär mehr«.

Der Gewaltforscher Uwe Steinhoff verfolgte 2007 den Ansatz, Terrorismus als Methode zu definieren. Demnach geht es bei den Anschlägen weniger um den Feind als um die Anhängerschaft. Terroristen wollen mögliche Fans beeindrucken – und dabei ist die Wiederholbarkeit ihrer Vorgehensweise ausschlaggebend. Dass man die Gewalttat theoretisch selbst nachahmen kann, zieht Sympathisanten in den Bann der Täter.

In Japans Medien setzte sich erst Ende der 1980er-Jahre der Sprachgebrauch durch, Mitglieder der JRA, einer von drei U-Gruppen, »Terroristen« und nicht mehr kagekiha, Radikale, zu nennen. Das ist durchaus erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Begriff in Europa seit dem 19. Jahrhundert im Gebrauch war; das FBI sprach 1974 im Fall der Patricia Hearst selbstverständlich von »Terroristen«.

Globalisierung

Die RAF-Deutschland sah sich solidarisch mit den Befreiungsbewegungen der sogenannten Dritten Welt. Ihnen wollte man mit der Metropolenguerilla den Rücken stärken und durch die Eröffnung einer zweiten Front die Kräfte des Imperialismus in Westeuropa binden.

Das Unternehmen stand stets unter einem finsteren Stern. Die Guerilla konnte sich weder auf ein revolutionäres Bewusstsein der Arbeiterschaft stützen, noch war sie aus einer Verbindung von Arbeiter- und Studentenbewegung erwachsen.

In der als Vorbild dienenden RAF-Japan dachte zunächst niemand an die praktische Vorbereitung auf den Bürgerkrieg. Das Bergversteck war eine reine Notlösung. Anders als in Italien, wo die Partisanenaktionsgruppen (GAP) unter der Leitung des Verlegers Giangiacomo Feltrinelli mit dem Gang aufs Land ein bestimmtes Konzept verfolgten.

Unter dem Eindruck von Staatsstreichgerüchten in Italien wollte man offensiv kleine militärische Zellen bilden, um dann, ausgehend von den Guerilla-Basen in den Bergen, einen bewaffneten Kampf zu führen, der nach und nach die ganze Bevölkerung erfassen sollte.

Das war aber die Ausnahme in der Terrorszene, geschuldet den ResistenzaErfahrung der Italiener im Weltkrieg. Das Novum des RAF-Terrors lag in seiner Deterritorialisierung. Japaner überfielen die französische Botschaft in Den Haag, Palästinenser schleuderten eine Handgranate in eine überfüllte Pariser Drogerie, usw. Der Argentinier Guevara hatte es in Kuba, im Kongo, in Peru und in Bolivien vorgemacht – ein globalisierter Comandante könnte überall auftauchen.

Das Niemandsland der Globalität schien sich immer dann aufzuheben, wenn ein Attentäter seine Waffen aus der Tasche kramte. Barbara Sichtermann und Peter Brückner formulierten dieses Paradox in den Schwarzen Protokollen 1975 folgendermassen:

»Wer im globalen Niemandsland der Transnationalität den globalen Terrorzusammenhang des Weltimperialismus unmittelbar angreifen will, wer in solcher Absicht tatsächlich losschlägt, findet sich dann doch irgendwann auf einem von lokalen Bedingungen bestimmten, in nationale Schranken begrenzten Boden wieder, er entdeckt die eigene Abhängigkeit von diesen Bedingungen und die Tatsache, dass er auf sie einwirkt. Wenn er dann immer noch glaubt, es sei die Globalität, die er am Wickel hat, sozusagen in kosmischer Verkleidung, dann beginnt das Wahnsystem«.

Gewaltmythos

Für die selbsternannten Rotarmisten war die Revolution das absolut Gute. Ihr psychologisches Profil unterschied sich nicht von dem der Rechtsextremisten: sie befriedigten ihr Bedürfnis nach umfassenden und definitiven Antworten, ihr Bedürfnis nach ruppiger Ablehnung jedes Zweifels. Terror hiess rabiate Entscheidungen statt mühseliger demokratischer Entscheidungsfindung. Kurzer Prozess statt Dauerpalaver!

Die Kritik der Waffen sollte laut Andreas Baader das Scheidewasser der »Identifizierung« sein. Klaus Hartung erkannte in solchen Äusserungen einen weiteren »eigentümlichen Moment der antiautoritären Revolutionstheorie«, nämlich der Identität von Gewaltdebatte und Revolution.

In der Gewaltdebatte reflektiert die Linke bekanntlich ihre eigenen Möglichkeiten: den öffentlichen Spielraum eines Sich-Wehrens. Für die RAF diktierte der Staat den Handlungen eine Bedeutung zu, auf die sie von selbst gar nicht gekommen wären. Dabei erschienen die Waffen gegen die Gewalt der verinnerlichten Zwänge noch notwendiger als gegen die Staatsgewalt. Die subjektive Energie des einzelnen sollte im kollektiven Standhalten gegenüber der Staatsgewalt zu ihrem Recht gelangen.

Man wagte die Parole »Sieg oder Tod« neu zu formulieren. Und dieser Dezessionismus hatte den RAF-Mitgliedern auf vertrackte Weise wieder genau das zu bieten, was auch in der friedlichen Gesellschaft an individuellem Glück zu haben war: Sozialprestige (in der klandestinen Gruppe), Beweglichkeit (im Untergrund), Konsum (erbarmungslos an sich selbst bekämpft). Die gegenseitige Kritik der RAF-Leute war schneidend, schonungslos bis hin zur mordenden Kälte.

Es gibt einen SDS-Text, formuliert vom Springer-Arbeitskreises der Kritischen Universität (KU) in Berlin, der unter dem Titel »Der Untergang der Bild-Zeitung« am 16. Juni 1968 als Broschüre erschienen ist. Darin wird behauptet, die subjektive Energie des einzelnen gelange überhaupt erst durch den Waffengebrauch zur ihrer wahren Gestalt. Die verdrängte Erfahrung von unmittelbarer Bedrohung werde nämlich durch Identifikation mit der Gewalt veränderbar.

In dieser Perspektive behauptet sich ein emphatischer Begriff von Vernunft: Aufhebung der Selbstunterdrückung, Entlarvung des demokratischen Scheins. Der Griff nach der Waffe erschien den terroristischen Globalisten als endgültige Befreiung von der bürgerlichen Herkunft. Er wurde ebenso zum Gruppendogma wie die Theoriefeindlichkeit und die Welt ohne Grenzen.

Warum sollen uns diese linken Interna der 1970er-Jahre heute noch interessieren? Ich meine, aus den Gründen der Wirkungsgeschichte des Terrors. Eine weltweite »anti-imperialistische Revolution« stand nie vor der Tür, statt dessen hatte die bewaffnete Verwirrung der Post-1968er überall die gleichen fatalen Folgen:

Der Terror von links war in Japan der entscheidende Auslöser für den Niedergang des studentischen Aktivismus und damit eine Ursache der lang andauernde Stagnation in Politik und Gesellschaft. Im Nahen Osten dominierten in den 1960er- bis 1990er-Jahren nationalistisch-sozialistische Gruppen, fast immer mit scharf antisemitischem Einschlag und terroristischen Ablegern – der Schwarze September als Teil der PLO, die Volksfront zur Befreiung Palästinas.

Ein halbes Jahrhundert Terror hat kein einziges der Probleme in dieser Weltregion auch nur ansatzweise gelöst, sondern jeden Aufbau von Rechtsstaatlichkeit verhindert. In den zwei wichtigsten Ländern des Nahen Ostens, Syrien und Irak, ist durch Terror und Krieg ein riesiger Rückzugsraum entstanden, von dem aus der Terror heute weltweit orchestriert wird. 

Migrantenrevolution

Die Kritik ultralinker Illusionen lässt sich heute auch an der Migrationenrevolution aktualisieren. In den 1970- und 1980er-Jahren war der »transnationale Raum« der Terroristen die Provinzialität des kommunikationsarmen Untergrunds oder des Gefängnisses. Also der Ort einer kleinen, isolierten Minderheit, die durch ihre Verbrechen die gesamte Linke in Misskredit brachte und um Jahrzehnte zurückwarf.

Heute ist der »transnationale Raum« der Flüchtlingsströme eine Projektion der zukünftigen Weltordnung, getragen von der Mitte der Dienstleistungsgesellschaft, vom Weltbürgertum als westlichem Lebensstil. Grosse Teile der gesamten Linken belächelt bereits die Prinzipien der völkerrechtlichen Souveränität und die sozialen und sicherheitspolitischen Errungenschaften im Rahmen des Nationalstaates.

Ökonomische Streitfragen, die Frage nach dem besten Staat und der besten Verfassung – das ist in den Hintergrund gerückt. Die moralisierende Linke einigt sich mit dem Liberalismus auf die bequeme Phrase, dass der Klimawandel die globale Fluchtursache sei und Zuwanderung ein unteilbares Menschenrecht.

Die Provinzialität dieser Abstraktionen wird zwar nicht erzeugt, aber doch vorangetrieben von der No-Border-Bewegung, die gleisnerische NGO-Aktivitäten auf Rettungsschiffen und betrügerische Asylpraktiken in den Kopiershops entfaltet.

Hier haben wir wieder das Bild der 1970er-Jahre: eine politische Linke, öffentlich marginalisiert durch Militante und verwirrte Idealisten – NGOs, Menschenschmuggler, Dokumentenfälscher –, der Homo politicus im harten Ringen um Mehrheiten für den demokratischen Systemwandel durch den linken Fundamentalismus jeder Glaubwürdigkeit beraubt.

© Wolfgang Koch 2018

William Andrews: Die Japanische Rote Armee Fraktion. Vorwort von Gregor Wakounig. Wien, Tokio: bahoe books 2018, ISBN 978-3-903022-77-5, 150 Seiten, EUR 15,-

Bild: Flughafen-Attentäter Okamoto Kōzō 1972, bahoe books

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