vonWolfgang Koch 17.09.2020

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Viktor Rogy, der Enigmatiker unter Österreichs Kunstextremisten, hätte dieses Buch abhorresziert, denn er wollte mit Gewalt als der große Unverstandene dastehen. Im letzten Drittel seines Lebens erlaubte er niemanden, ihn einfach zu fotografieren, er gab keine Interviews, sondern interviewte sich lieber selbst, er zensierte Kurator*innen bis hin zur Vernichtung eines Textes in der Druckmaschine. Nach Rogys fundamentalistischer Vorstellung sollte im Grunde – außer ihm selbst – niemand über ihn sprechen dürfen.

Der Bann wirkte so stark, dass erst 15 Jahre nach seinem Tod dieser erste Versuch einer Biographie unternommen wird. Rogys Rigidität im Umgang mit sich und mit anderen gewährt mir heute großzügig Freiraum zur Einfühlung und Reflexion, sein Verwirrspiel verlangt aber auch eine besondere Verantwortung gegenüber den Kollaborateur*innen dieses Mannes und gegenüber seinen nicht wenigen Opfern.

Ich rechne mich eher zu den Lädierten, ohne dass ich je aufgehört hätte, das Einzigartige an seiner Kunst zu studieren. Rogys kleinem Freundeskreis erschien stets sein Privatleben als sein Meisterwerk. Doch noch heute ist mir seine verletzende Art, mit anderen umzuspringen, stärker in Erinnerung als die schönen Stunden gemeinsamer Gartenarbeit, wo wir uns direkt mit Erde, Stein und Holz auseinandersetzten und nur zwischendurch Laute von uns gaben.

Man musste ein eingefleischter Masochist sein, um Rogys Wirtshausreden, die alles ihm Unverständliche herabwürdigten, länger als ein paar Minuten zu ertragen. Man musste einen Lustgewinn ziehen aus der eigenen Hingabe, Wehrlosigkeit und der freiwilligen Unterwerfung, wie das ab etwa 1975 der engste Kreis um den Künstler im Dunst von Alkohol und Zigaretten nahezu allabendlich tat.

Bereits zu Lebzeiten schieden sich die Geister an dem kompromisslosen Selbstdarsteller, Bildermacher und Liebhaber. Hat sich Rogy um Dinge gekümmert, auf die es wirklich ankommt? Ging es ihm um kunstimmanente Fragen, entwickelte er gar, wie das Universitätskulturzentrum Klagenfurt meint, kulturelle Widerstandsformen schlechthin?

Es ist ja durchaus etwas Notwendiges im Misstrauen der Menschen vor dem Erscheinen der Kunst. Oft genug gerät ihr Auftritt nur zur eitlen Anspielung, zum gebrechlichen Anspruch. Für Rogy musste Kunst etwas die Routine Bedrohendes bewirken, musste festgefahrene Haltungen erschüttern, Hohn über das Meinunghaben ausgießen.

Um sein Werk in einem größeren Bild wahrzunehmen, ist es daher notwendig, ein paar Schritte zurück zu treten. Dann er- scheint es im Ganzen als eine Art Selbstporträt, fast kubistisch in seiner Komplexität, dominiert von Späßen, Schatten und Widersprüchen. Rogy stellte sich vor, dass er bestimmt dafür sei, handwerkliche Tradition und männliche Eleganz zu verteidigen, das religiöse Empfinden zu poëtisieren und den Kult der Kunst zu erneuern.

Es stellte sich jedoch heraus, dass sein größtes Geschenk darin bestand, seine eigene Persönlichkeit in Bilder zu übersetzen. Sein Freunde hatten recht: sein Hauptwerk war das ständig missratende, in Vorwürfe und Beleidigungen mündende halböffentliche Privatleben.

Präsentation der Viktor-Rogy-Biografie mit dem Autor am Freitag, 18.9. 19:30, im Perinetkeller, 1200 Wien. Gezeigt wird an dem Abend eine Tanzperformance Rogys in der 17minütigen Filmdokumentation »Hallo Hallo, hier Radio OM« von Gerhard Roth.

Abbildungen: Rogy portraitiert Barbara A. im Garten der Lassnig-Villa für sein Künstlerbuch „genie 84“ Foto © Heinz W. Schmid 1984. Minisierter Plastikkübel, Foto Franz Dreier 1988, © Archiv Ban-Rogy. Toilette des Rogy-Lokals Café OM in Klagenfurt, Pernhartgasse, © Peter Puch 1999

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