vonWolfgang Koch 21.12.2021

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Es gibt Naturen, die mit Büchern beginnen und sich zum Leben durchringen. Andere wiederum beginnen mit dem Leben und enden mit Büchern. So jemand ist der österreichische Ex-Journalist und Schriftsteller Robert Sommer.

Im Selbstverlag legt er ein kompromissloses ›Blend Werk‹ von 833 Seiten vor, das die Ansichten bestraft, es gäbe kein Wagnis und kein Risiko mehr in der deutschsprachigen Literatur, die Rebellen sässen heute alle auf ihren Yogamatten und fänden im Netz eine freie Tribüne.

Vielleicht ist dieses Unding, entstanden an der Grenze zum physisch Machbaren, ja die Zukunft des Buches. Entgegen dem Status Quo, out of the box, eine Sprengladung mit Behältnisfunktion in einer lese- und blätterfaul gewordenen Welt.

Ich besuche den verrückten Monstertext, den das Werk bildet, weil ich die Gelegenheit dazu habe. Das polemische Talent des anarchoiden Krakehlers Sommer ist überwältigend. Aber gehört er auch zu der Art von Menschen, die die Literatur verändern, die neue Vokabelmischungen hervorbringen und das Empfinden von Hemmungen befreien?

Da habe ich so meine Zweifel. Der Monumentalband trägt einen Monumentaltitel: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen‹. Das passt; und der Autor verrät bereits im Untertitel die Pointe des Ganzen: nämlich, dass da einer das Publikum mit seinem Herzschmerz blenden will. Der Erzähler kommt nämlich keineswegs aus dem »Herzgrund der Mutter«, wie der Haupttitel trompetet, er kommt, wie auf Seite 670 zu lesen ist, aus dem Vatergrund.

Es ist die Liebe zu den Büchern, die den Erzähler ausdrücklich mit seinem Erzeuger verbindet. Mit einem Mann aus den Bergen, der über eine private Bibliothek verfügt, die man normalerweise in Akademikerwohnungen vermutet. – Solche die Hauptfigur charakterisierende Fakten finden sich nirgendwo im Buch in übersichtlicher Form. Die entscheidenden Informationen über den Ich-Erzähler sind ohne erkennbares Muster in Nebensätzen versteckt, verstreut unter einem wahren Affenberg von Anekdoten und Zitaten.

Ich konzentriere darum die Fakten über Robert Sommer zum besseren Verständnis in einem kurzes Aufriss, um den Blendeffekt des Werkes für weitere Leser*innen etwas abzuschwächen:

Wie ihr Autor ist die gleichnamige Erzähl-Figur Robert Sommer 1951 in einem Wirthaus im Traisental, NÖ-Bezirk Lillienfeld, geboren und wächst dort wohlbehütet in der Familie eines Giessereiarbeiters mit Bildungssehnsucht auf. Zitat: »wenn die eltern weg sind, fischen die gschrappen brehms tierleben aus dem obersten schwer erreichbaren regal und haben schon einen eselsohrnavigator eingerichtet, damit sie zügig zur lieblingsstelle gelangen«.

Als Gymnasiast gründet Sommer den Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) St. Pölten, ein Vorfeldgrüppchen der Sozialdemokratie, die sich zu dem Zeitpunkt noch stolz Sozialistische Partei nennt. Im Herbst 1968 verteidigt der Juso das Abwürgen des Prager Frühlings durch sowjetische Panzerdivisionen, und zwar weil die Neue Kronenzeitung, Österreichs erfolgreiches Massenblatt, wie alle grossen westlichen Medien für die Aufständischen Sympathie bezeugt. Sommers Panzerkommunismus ringt selbst den konkurrierenden Genossen der moskauhörigen KPÖ ein Kopfschütteln ab.

1970 tritt der Juso aus der römisch-katholischen Kirche aus. 1973 zieht es den Gammler, wie Normabweichler damals in Österreich heissen, doch zu den marxistischen Genoss*innen der KPÖ, die inzwischen alle Reformkommunisten aus ihren Gremien und Lokalen vertrieben haben: Ernst Fischer, Franz Marek, Viktor Matejka, u.a.m.

Sommer hat sofort eine revolutionäre Idee und fährt in einem mit roter Fahne geschmückten VW durch das ländliche Niederösterreich, um die Menschen zum Sowjetkommunismus zu bekehren. Vom selben Jahr 1973 an wirkt er bis 1990 als Redakteur des Parteiblattes Volksstimme, am Ende als Leiter der Wiener Lokalredaktion. Er betrachtet sich als Repräsentanten der journalistischen Avantgarde. Klarsicht, Verweigerung, Ironie und Hartnäckigkeit werden für ihn zu den vier schreiberischen Kardinaltugenden.

Die Genoss*innen in Wien-Brigittenau erkennen den Mut Sommers und wählen ihn zu ihrem Bezirksobmann. Revolutionär sein heisst für ihn jetzt den Zustand herbeiführen, in dem das Gesicht, der Blick, die Stimme, die Haltung, das Denken von Grund auf verändert wird. Das ist freilich leichter gesagt als getan. Als im April 1980 in Paris 50.000 Linke hinter dem Sarg des Philosophen Jean-Paul Sartre hergehen, weiss er, welche historische Stunde geschlagen hat: Das ist jetzt die letzte Demo der Achtundsechziger.

Erst in den politischen Wendejahren, die zum Zusammenbruch des Ostblocks führen, entwickelt Sommer sich von einem Anhänger der Glasnost- und Perestroika-Politik, der er inzwischen geworden ist, zum antinietzeanischen Anarcho-Kommunisten. Das geschieht nach seinen Angaben ausgerechnet bei einer Parteischulung in Moskau. »Was soll ich in Moskau«, sagt er, »wenn im Kobernauserwald das Bier frischer ist?«

In den folgenden Jahren wird aus dem Linksradikalen ein dröger Volksbildner, wie sie nur in Wien gedeihen. Seinen Kommunismus nennt er formelhaft »Kronstadt plus Berditschew«. Das heisst, übersetzt in unsere Sprache, er kombiniert gedanklich die Erinnerung an den antibolschewistischen Matrosenaufstand 1921 mit der Idyllisierung des jüdischen Ortes, an dem im sowjetischen Film ›Die Kommissarin‹ (1967) die Protagonistin von der Roten Armee für die Geburt ihres Kindes zurückgelassen wird. Ein antiautoritärer Matrosenrat unter Waffen, ein Bolschewik im Wochenbett … so widersprüchlich ist nun sein Selbstbild.

Robert Sommer zieht Konsequenzen gerne so inkonsequent wie möglich. Er wird – weil die Hoffnung zuletzt stirbt – zum Mitstreiter des Kunsthistorikers und Grünen-Politikers Dieter Schrage. 1991 ist das aktionsreichste Jahr in seinem Leben. Mit Vierzig geht er zum erst Mal zum Heurigen und wird sofort Weinforscher. Er tritt aus der komatösen KPÖ aus und hockt unter den Gründer*innen der frechen burgenländische Alternativzeitschrift Uhudla. 1995 folgt das Wiener Obdachlosen-Blatt Augustin. Journalismus heisst für Sommer nun nicht mehr Klassenstandpunkt und Berichte über Streiksekunden, sondern an allem interessiert sein und in nichts tiefer analytisch einzudringen.

Die Augustin-Redaktion erklärt das angstfreie Anderssein in der Stadt an der Donau zum erklärten Ziel aller sozialarbeiterischen und publizistischen Bemühungen. Den im Kapitalismus abgehängten Menschen eine Stimme geben, die Randständigen zur Selbstermächtigung ermuntern. Es dauert wieder Jahre, bis Sommer begreift, dass an diesen Bemühungen etwas nicht stimmt, dass es keine Gruppe gibt, »die weniger ein politisches Subjekt der Veränderung ist als die Community der Strassenzeitungs-Verkäufer*innen«.

Erneut hält Sommer seinen Linksradikalismus durch, passt ihn an die Verhältnisse an und sieht fortan in der Kunst die letzte Enklave der politisch Besiegten. War da nicht einmal Michail Bakunin und waren da nicht später die Surrealisten in Europa, die einen radikalen Begriff von Freiheit hatten? Sommer wird nun einer der wilden Kerle mit der schwarz-roten Fahne am 1. Mai, er taucht bei Hausbesetzungen auf, ermuntert zur Legalisierung von Cannabis. Beruflich wechselt er zum Programmgestalter des Kulturvereins Aktionskreis Augarten in Wien-Brigittenau, einem Debattierklub angegrauter Altlinker, und als es ihm dort zu esoterisch-versöhnlerisch zugeht, gründet er das Institut ohne direkte Eigenschaften im nahen Perinetkeller, dem historischen Atelier der Wiener Aktionisten.

Wiener Aktionisten – unter diesem Label sind von Wien aus die bildenden Künstler Muehl, Brus, Frohner, Nitsch und Schwarzkogler in die internationale Kunstgeschichte eingegangen. Sommer will die Erinnerung an die Aufbruchstimmung in den 1960er-Jahren zurück in das Bewusstsein der Gegenwart holen. Hat nicht 1968 der Staatsbürger Brus öffentlich seinen Körper betrachtet? Was ist aus Nitschs Gesamtkunstwerk geworden? Was aus Schwarzkoglers Junggesellenmaschinen?

Das neue Schastrommeln und Windmachen im Perinetkeller bleibt nicht Sommers einziges Engagement. Er wird auch zum Vorreiter der spermiziden Campus-Kultur in Österreich. Der Landweinrebe Zweigelt wirft er in einer Dauerkampagne vor, dass die Nationalsozialisten aus dem heute bekanntesten österreichischen Tropfen eine Konkurrenz zum französischen Beaujolais machen wollten. Also soll der schöne lyrische Name des Weins (nach ihrem nationalsozialistischen Züchter) in der Versenkung verschwinden und politisch korrekt in Blauer Montag abgeändert werden.

Als passionierter Leser überspringt Sommer die Kindheitserinnerungen in allen Biografien und Autobiografien. Auch das hat gute Gründe. Seine Altweisheit soll friktionslos aus seiner Jugendtorheit hervorgehen und an die Stelle von Politik muss das kreative Spiel in den Kulturzonen treten. Sommer sieht sein Leben jetzt antipodisch zu dem der Anna Achmatowa, er hasst die Arbeiteraristokratie mehr als die Aristokratie. Noch einmal erweitert er seinen Wirkungsradius um Arena Bar, die Anstalt für Dichtungen aller Richtungen und dem allen irischen Trinkern gewidmeten Bloomsday.

Für seine Einfälle wird Sommer von der Theodor-Kramer-Gesellschaft und der Stadt Wien geehrt. Zu seinem 60. Geburtstag klaut er dem Lehrerdichter Ernst Jandl ein Poëm. Da leidet der Literaturdieb bereits am »pathologischen Quartett«, wie er es nennt, aus Parkinson-Krankheit, Demenz, Alzheimer und Schwerhörigkeit, sowie unter Hyperkinese, das heisst er kann seinen Körper nicht ruhig halten. 2013, als es in Österreich nur mehr fünf Prozent handylose Menschen gibt, lernte er die tschechische Stadt Česky Krumlov kennen, und das Konzept des Bruttosozialglücks.

2015 begeistert er sich naiv wie ein Kind und grossherzig wie ein Religionsstifter für die Massenmigration aus dem Osten und Süden nach Europa. »Jeder Mensch«, sagt er, »hat das Recht, auf jedem Punkt der Erde zu leben«, und natürlich weiss er sofort, wie das gehen soll. Sommer will die Aufenthaltserzwinger aus den Armutszonen der Erde in den Räumen zwischen unseren historischen Städten neue Städte bauen lassen. Wien – Neu-Aleppo – St. Pölten – Neu-Dniproprtowsk – Krems, so sollen hinkünftig die Namen auf der Österreichkarte lauten.

Sommer holt die Heiterkeit seiner Pubertät in den Tag zurück. Er will im Waldviertelorient in Seidenstrassenwaren eintauchen. Er spricht sich gegen Deutschkurse für Migrant*innen aus und betet in intellektueller Ergebenheit die Prognosen von einem schwarzen Europa des Kameruners Achille Mbembe nach. Der einwanderungsmilitante Bürgermeister Leoluca Orlando in Palermo ist sein Held. »Stacheldrahtzäune unverletzt zu überwinden ist mittlerweile eine eindeutig nützlichere Fähigkeit als zu wissen, wo in unserer Sprache ›als‹ und ›wie‹ angebracht sind«.

Ein paar Seiten weiter im Buch beklagt der Vielschreiber übrigens die Entwertung des »Heimatlichen« durch krawattentragende Fussballspieler. Und dass in den Familien nicht mehr gesungen wird. 2015 beginnen Sommer die Pickbücher zu beherrschen, er entdeckt den russischen Anarchisten Alexander Herzen, und dass eine Pensionistin, die einen alzheimerkranken Mann pflegt und 24 Stunden am Tag aufpasst, dass er nichts Dummes anstellt, tausend Mal mehr leistet als ein Börsenspekulant, der wegen seiner Einkünfte unter die Leistungsträger gereiht wird.

Zum 65. Geburtstag spielt die Tschuschenkapelle den Robert-Sommer-Walzer. Ab 2017 ist der kranke Anarcho Pensionist im Unruhestand, er schleppt sich mit Taxi und Rollator zu seinen Terminen. 2018 legt er sich ein Hörgerät zu und es geht ihm nichts näher als der Brand im brasilianischen Nationalmuseum in Rio de Janeiro. 2020, fünfzig Jahre nach seinem Kirchenaustritt, entdeckt er das poëtische Rauschen der Tora. Und mit fast Siebzig lässt der Autor die Zerrfigur seiner selbst, nun ebenfalls fast Siebzig, sagen: »Es ist in meinem Alter und mit meinen Gebrechen vielleicht besser, nicht als ›revolutionärer Künstler‹ entdeckt zu werden«.

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Abbildungen: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/21/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-i/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.