1. SZENE
Vienna-City, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, zu jeder Stunde bei Tageslicht. Wir stehen vor der Doppelturmfassade der ehemaligen Universitätskirche Mariae Himmelfahrt, wie viele barocke Jesuitenbauten mit übereinander gestellten Riesenpilastern errichtet nach dem Vorbild von Il Gesù in Rom. Unser Blick führt in das Obergeschoss zu den unteren Nischenfiguren nach römischem Vorbild. Sie zeigen die beiden, strikten Gehorsam verlangenden Ordensgründer der Jesuitenbrüder, also gewissermassen die geistlichen Herrscher über den Platz: links über dem Schriftzug »IGNATII« die Stifterfigur des Ignatius von Loyola, rechts Francisco de Xavier.
Zwei Männer aus den Lebzeiten der ausgehenden Reformation. Historische Gestalten, für die das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche der konkrete Stellvertreter Christi war.
Sehen wir etwas genauer hin, bemerken wir, dass der Heilige Ignatius mit dem linken Bein triumphierend auf den Kopf einer liegenden Figur hintritt: das nun – O, Schreck! – ist die Allegorie des vermaledeiten Ketzers. Er wird hier mitten am helllichten Tag in himmlischer Herrlichkeit misshandelt.
Da schau her! Eine glorifizierende Darstellung von physischer Gewalt! Eine demonstrative Geringschätzung der unendlich kostbaren Seele des gottesebenbildlichen Menschen! – Und das seit rund 325 Jahren vor den Augen von ganz Wien! Das gewaltverherrlichende Bildwerk kümmert heute nicht einen einzigen der über zwei Millionen Stadtbewohner·innen. Ombudsleute für »Hass im Netz« schweben ungerührt an dieser Monstrosität vorbei. Spezialisteninnen für »Artefakte eines Gewaltsystems« würdigen das schändliche Verbrechen keines Blickes.
Das linksliberale Protestmilieu Wiens ist seit Jahren vollauf damit beschäftigt, das nur hundert Schritte entfernte Denkmal für Bürgermeister Karl Lueger dem politischen Spott der Gegenwart preiszugeben. Dieser bürgerliche Ersatzkaiser hat sich 1887 des grassierenden antisemitischen Zeitgeists schuldig gemacht. So etwas darf heute im Stadtbild natürlich keinesfalls ungesühnt bleiben.
Und noch ein paar Schritte weiter, da kreisen gerade aufgeregt moralisierende Akademiker·innen das Wiener Aktionismus Museum (WAM) kampagnenartig ein, weil dort ein Wortführer der vertretenen Kunstströmung, der strafrechtlich verurteilte Otto Muehl, angeblich in jeder seiner Lebensphasen zutiefst verachtenswerte »Täterkunst« geschaffen hat.

Von uns aus! Soll bitte sein! Die hektische Betriebsamkeit der Beleidigten und Empörten muss schliesslich auf der grösstmöglichen Bühne als Opferwettlauf inszeniert werden. Allein, der brutale Ignatius in der Mitte des lateinischen Viertels, der kratzt heute kein Gemüt.
Wir zögern, vom Vorplatz in das Kircheninnere einzutreten.
2. SZENE
Natürlich ist der katholische Riesenorden der Gesellschaft Jesu, entsprungen aus dem Freundeskreis um Ignatius, längst nicht mehr aus einem Guss, also gefesselt an die dynamisch entfaltete Barockseele, eine Apparatur von wunderbarer Perfektion. Schon die grossen aufklärerischen Franzosen bis Voltaire waren prächtige Jesuitenzöglinge. Der ausserordentlich verehrungswürdige US-amerikanische Jesuit Daniel Berrigan drang im September 1980 in eine Atomwaffenfabrik ein und zerstörte mit dem Hammer Atomsprengkopf-Hülsen, um die kriegstüchtige gemachte Menschheit an ihre Verantwortung für den Weltfrieden zu erinnern.
Seinem Selbstverständnis nach lebt das Jesuitentum aus dem Glauben an eine endzeitliche Entscheidung, die niemand vorwegnehmen darf. Das ist alles klug zu bedenken. Der Orden verweigerte seinerzeit den christlich dekorierten absolutistischen Staaten den Kniefall. Die Jesuitenbrüder suchten, so hat es Friedrich Abendroth zum 400. Todestag des Ignatius in der Zeitschrift FORVM formuliert, »das Heil des Einzelnen, welcher Hautfarbe oder welchen Kleiderschnitt immer er trug, nicht den Glanz und die Glorie der christlich firmierenden Kolonialmächte«.
Doch: Wie glaubwürdig ist heute der Grossmut und die Weltoffenheit dieses Ordens? Warum zermalmt der Fuss des ersten Ordensgenerals immer noch unbarmherzig den Schädel des Ketzers? Als das Gotteshaus Betretende trauen wir kirchlichen Aktivitäten im modernen Kunstbetrieb nur sehr wenig. Viel zu oft scheinen die ausgestellten Werke bloss den Blut- und Schmutzgeruch vergangener Fehden zu verbergen.

Wir denken da nicht an religiöse Kunst von gläubigen Produzent·innen, die es natürlich auch in unserer Zeit noch in bemerkenswerter Zahl gibt. Religiöse Kunst dient fromm und politisch unbeschwert dem Höchsten. Sie erweitert das mythopoetische Angebot einer jahrhundertealten Kreativität und nutzt den Kirchenraum für reine Anbetungszwecke.
Doch dabei bleibt es leider nicht. Die diensteifrigen Kuratoren laden im christlichen Missionsauftrag auch anderskonfessionelle und nichtreligiöse Kunstschaffende dazu ein, ihre Werke in der Heiligkeit ihrer Altarmauern erstrahlen zu lassen. Das geht heute so weit, dass selbst die Zeichnungen und Malbilder eines Arnulf Rainer im Stephansdom gegen den ausdrücklichen Willen ihres Schöpfers hemmungslos ausgestellt werden.
Warum also soll ein Liebhaber der ästhetischen Moderne auch nur einen Zehen in den ignatianischen Monumentalbau am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz setzen?
3. SZENE
Der einschiffige Saalraum mit Tonnengewölbe und Stichkappen erschlägt den Eintretenden beinahe. Der Kunsthistoriker Rainer Metzger hat die Wirkung der Gewölbedekoration des Jesuitenpaters Andrea Pozzo aus dem frühen 18. Jahrhundert als »Pomp, der bisweilen Bilder der Gewalt liefert« beschrieben. Er dachte da ausdrücklich an den Engelsturz im aggressiven Geist der Gegenreformation: Erzengel Michael kippt im Gewölbefresko, und dann noch einmal im feuervergoldetem Nussholz der Kanzel, Luzifer gnadenlos in den Orkus. Und Samson erschlägt die Philister. Und Jael tötet Sisera. Und David schwenkt Goliaths abgeschlagenes Haupt triumphierend vor Saul.
Der Eindruck ist gewaltig: In Wiens Jesuitenkirche jagt ein bildnerische Gewaltexzess aus der rhetorischen Trickkiste der Gegenreformation den nächsten. Es sind Darstellungen grausamer biblischer Szenen, die blinden Gehorsam abverlangen. »Dass derlei mit einer gewissen Untertänigkeit zu tun hatte, liegt auf der Hand«, so Metzger. »Auch in der Jesuitenkirche waltete das monarchische Prinzip«.
4. SZENE
Elias Franziskus Grüner steht nicht mehr auf der ersten Stufe seiner Künstlerlaufbahn. Er hat sich bereits in der Trentiner Sergio Poggianella Foundation der Bilderwelt schamanischer Artefakte und atavistischer Riten zugewandt. Diesmal sind seine Basis Tierpräparate beziehungsweise bereits mausetot erworbene Mäuse.

Grüners Schau in der Jesuitenkirche besteht aus vier Glasvitrinen, in denen er diese mit Blattgold teilvergoldete Kadaver auf den mit Kunstwerken prachtvoll aufgeblasenen Seitenaltären postiert.
Wir erkennen vier Objekte der feierlichen MANIFESTUS-Serie: 1. auf einem massgehauenen Marmorsockel den kleinen Singvogel der Gattung Wiesenpieper (Anthus pratensis), überzogen von Hautleim und Marmormehl, anschliessend in Blattgold getunkt, 2. eine gleichermassen lustvoll kanonisierte Pfeifente (Anas penelope), 3. einen getrockneten Wiesenblumenstrauss samt Bienen, Heuschrecken und Rosenkäfern, 4. drei sezierte und in Isopropanol konservierte Mäuse ohne Filterorgane, die weissen Bodys ausgebeult mit flüssigem Messing.
Der Kurator verkleinert den Künstler bei der Vernissage auf gut Wienerisch, indem er ihn in seiner Ansprache konsequent mit dem Vornamen umarmt: »Der Elias …«. Für den berufenen Kunsterklärer aus der Bruderschaft ist der Saalraum der Kirche mit einer besonderen Aura aufgeladen. Und jetzt hat sie noch mehr davon. »Elias‘ Arbeiten haben deutliche Anklänge an Spirituelles – Das spürt man!«
Seit vier Jahren experimentiere Elias mittlerweile mit der toten Fauna – von der »bezaubernden Poësie« einer verendeten Biene bis zur Ablebensgrösse einer Ente, aus deren geöffneter Bauchhöhe »Unheimliches«, nämlich das Edelmetall Gold, hervorquillt. Regelrecht »unverblümte Stofflichkeit« vermag der Kurator am Objekt wahrzunehmen. Und dieses Unheimliche und Unverblümte der Vitrineninhalte stehe doch in einem herrlichen Kontrast zum »Kitsch« von Kreuzgradgewölbe, Stuckmamor und Perlmutterintarsia des glanzvollen Gottestempels.

Die ehemalige Universitätskirche sei auf nicht weniger als 300 Quadratmetern mit nicht weniger als einem Kilogramm Blattgold veredelt. Das liesse wohl selbst einen Dagobert Duck vor Ehrfurcht erschaudern. Der Kurator nennt vier Namen berühmter und anerkannter Künstler aus dem 20. Jahrhundert, er erwähnt ausserdem eine weithin bekannte Avantgarderichtung Wiener , er erinnert an den kirchlichen Reliquienkult, die Reste von Heiligenkörpern, und an die Klosterarbeit von verzierten Knochen, um dann für das Auditorium drei elementare Anliegen der Totemtiere vorzustellen: 1. »untergehende Seelen aus dem Mund des Materialismus zu erlösen«, 2. »an die Seelen zu rühren und sie zu einem neuen Leben zu befreien«, 3. »den Tieren in der Kirche eine Würde zu verleihen – denn die Tiere hat man ja [im Überschwang der barocken Ausgestaltung] vergessen«.
© Wolfgang Koch 2026
