Jede Freakshow kann ein Heiterkeitserfolg zu sein, wenn sie sich nur nicht als ernsthafte Performance-Kunst missversteht. Genau das aber war bei Florentina Holzingers mehrstündigem ›Pfingstspiel‹ im Wiener Eislaufverein und auf Schloss Prinzendorf der Fall. Der geballte Einsatz von Wiener Festwochen, Kunst im öffentlichen Raum (KÖR) und Nitsch Foundation hinterliess einen mehr als zwiespältigen Eindruck.
Dass wir es bei dem Spektakel mit Momenten von Selbstmissbrauch im Dienste avantgardistischer und materialistischer Kunst zu tun hatten, bestätigt bereits die Hilflosigkeit der Berichte. Nicht einmal die glatt gebürsteten Journalist·innen und Influencer wurden sich über eine Einordnung des Dargebotenen einig: Was für manche »eine schlüssige, provokante Idee« von »schockierende Dringlichkeit« war, oder »ein ekstatisches Ritual aus Blut, Schmerz und religiöser Bildmacht«, hielten andere für den »wilder Zirkus« einer »Amazonentruppe« oder für »spektakuläre Aktionen wie vom Jahrmarkt«.

Die Ratlosigkeit der Medienvertreter·innen spiegelt ihr unsicheren Vokabular wieder. Berichte assoziierten »neuheidnische Wiccas« im Fackellicht, erkannten mal über dem Boden baumelnde »Apostelinnen«, dann wieder »euphorisch schaukelnde Märtyrerinnen für die Kunst«. Handfeste Zweifel wurden direkt aus dem Publikum laut: mangelhafte Logistik, chaotischen Abfahrt der zehn Busse für über 700 zahlende Besucher·innen, überforderten Staff-Mitglieder, nicht kommunizierte Schauplatzwechsel, unterbespielte Vidi-Walls, ständiger Raummangel beim Gaffen.
Der österreichische Boulevard war pflichtschuldigst zur Stelle, raunte etwas von einem »blutigen Pfingstspiel«. Und die Gegenseite natürlich auch. Männliche Babyboomer – Wolfgang Huber-Lang von der Austria Presse Agentur (APA), profil-Kulturchef Stefan Grissemann – begeistert sich für den feministischen Appell an weibliche Selbstermächtigung in einer angeblich noch immer den weiblichen Körper weitestgehend als Projektionsfläche männlicher Fantasien betrachtenden Gesellschaft.
Aber, hallo! Wurde da tatsächlich in szenischer Effekthascherei und mit musikalischem Bombast eine stereotype Männlichkeit mit Kostümen und Selbstverletzungen bezwungen? Hat die höchst energetische Künstlerin dem zahlenden Publikum tatsächlich mit einem »fucking exciting and legendary« Hexentreffen die verhasste symbolische Ordnung des Vaters ausgetrieben?
Urteile der Kunstkritik
Ann-Katrin Günzel (Kunstforum) erkannte in »grossen, überwältigenden Bilder« der zweiteiligen Performance »Referenzen an Hypermaskulinität«, in »martialischsten Maschinen« erkannte sie einen »Ausdruck des Patriarchats«, und eine auf die Erde herab schwebende Paragleiterin überzeugte sie mit ihrer »betörenden Leichtigkeit« am Himmel.
Camille Moreno (Parnass) grübelte über Pornografie und Schweineblut. Für sie rüttelte die Performance an den der Nacktheit gewöhnlich angehefteten Annahmen und legte offen, wie viel Bedeutung auf sie projiziert wird. »Die Sexualisierung dieser Körper fühlt sich am Ende unangenehmer an als ihre Entblössung per se«. Und: »Im Gegensatz zu Nitschs theatralen Substituten ist das Blut hier menschlich und wird in Echtzeit vergossen, wodurch das Dargestellte zur körperlichen Tatsache wird«.
Für das deutsche Grossfeuilleton reagierte im Leitblatt F.A.Z. Wiebke Hüster vernichtend auf die girlboss-feministische Selbstermächtigung. Die Grande Dame der Ballettkritik, die vor drei Jahren beruflich Opfer einer Körperverletzung wurde, diagnostizierte einen »Technik-Fetisch« bei Holzinger und einen »Körper-Fetisch« bei Holzingers Publikum. Der Geist fehle garantiert beiden.
Michael Wurmitzer (Der Standard) profilierte Holzinger im Überblicksbereich der Wiener Kulturszene als »eine, die die Grenzen dessen, was wir von uns selbst denken und wie wir uns selbst gerne sehen, übertritt. Zugleich eine, die in der heimischen Kunstgeschichte populäre Vorreiter hat«. – Gewiss hat sie das: Vorreiter! Aber diese Vorreiter heissen nicht Valie Export, Günter Brus und Hermann Nitsch, sondern Grete Urbanitzky aus dem Salon Schwarzwald, André Heller und Cabinet 9 aus der Grundsteingasse.
Verballhornung des Meisters
Ein respektvoller Umgang mit Nitschs Lebensspuren? Iwo! Davon war Pfingsten 2026 nicht die Rede. Wenigstens ein respektvoller Umgang mit seinem Werk? Auch das nicht. ›Pfingstspiel‹ hatte von Beginn an viele Risse, die auch durch das strahlend schöne Wetter nicht gekittet werden konnten.
Es werde definitiv orgiastisch, lautete Holzinger Ankündigung. Monstertruck, Pyrotechnik, Wheelie-Artistik, »No War«-Gesang der Sängerin Lane Shi Otayonii … das für den Eislaufverein angekündigte ›Oratorium für Körper und Maschinen‹ begann mit dem Reenactment einer legendären New Yorker Aktion der US-Choreografin Trisha Brown von 1970 (›Man Walking Down the Side of a Building‹) über die zwölf Stockwerke des Hotelgebäudes.

Stunden später ging es im Weinviertel mit einer parodistischen Bildproduktion weiter. Dazu muss man wissen: Im monumentalen Theater von Hermann Nitsch enthält das Rinnbild den Augenblick die Zeit, so, wie ein stilles Meer den Umriss eines Schiffes enthält. Dabei ist es vollkommen egal, wie Farbe oder Blut auf das Objekt aufgebracht werden.
Holzinger liess ihre Performerin am selben Ort in der Mitte der Leinwand ohne Fussleiste an einem Hüftgurt baumeln und mit einer Korbbrille schützen. In dieser lächerlichen Kreuzigungs-Pose besprühten zwei Drohnen den Frauenbody mit angemischtem Kunstblut – ein glatter Akt von Motivzerstörung!
Nitsch hat Kulissen und Requisiten konsequent als Illusionstheater verbannt. Die beiden am Höhepunkt des Sechstagespiels 1998 (100. Aktion) aufgebotenen Panzerfahrzeuge waren selbstverständlich echt und drehten lärmend und Gedärme zerquetschend im Hof eine Runde. Als damals Zuschauer·innen spontan Blumen auf die Gefährte warfen, weil sie die evozierte Wucht der Grausamkeit nicht aushielten, brüllte sie der Künstler vor laufender Kamera zusammen.
Warum ist jeder Nitsch-Fan
im Grunde sein eigener Fan-Club?
Herman Nitsch ging es gerade nicht um eine Demonstration seiner Friedensseligkeit, sondern um das Bewusstmachung eines Seins, das untrennbar beides ist: Leben & Tod, Liebe & Hass, Friede & Krieg, Chaos & Ordnung. Das OM Theater dreht sich nicht um Politisches oder Gesellschaftliches, sondern um die Frage des geistigen Bewusstseins von uns selbst.
Schluss mit der Unterhaltungskunst … die tragischen Abgründe des Daseins berühren … Anwesende in Spielteilnehmende verwandeln … als geläuterte Person aus der Performance hervorgehen! – Das war Nitschs Programm und Sendung. Klug kalkuliert und theoretisch umfassend begründet.
Die mehrtägigen Spiele in Prinzendorf hatten immer den Reiz, die inneren Wände einzureissen und einander zu begegnen. Florentina Holzinger jedoch: – die liess einen Sperrholz-Panzer bauen und ihn von einem Monstertruck zerquetschen – kein Einfall, den die Welt braucht, um sich drehen zu können.
Im Strom der Leere
Für den Enthusiasmus der gelenkten Presse verwandelte Holzinger das Dabeisein in »so etwas wie kontrolliertes Gaffen«, sie transformierte, so lesen wir, »Voyeurismus und morbide Neugier in ein (gesellschaftlich akzeptiertes) kollektives Erlebnis«. Das passt perfekt zu einem Europa, in dem immer mehr ältere Frauen DJs werden und raven gehen, weil es ihnen »so guttut«.
Justine Konradt (Monopol) will im Auftritt splitterfasernackten Performerinnen »eine feministische Kaperung des männlich dominierten Aktionismus« erkannt haben. Zitat: »Schliesslich waren die Wiener Aktionisten nicht dafür bekannt, Frauen besonders gut zu behandeln, im Gegenteil: Vielfach objektifizierten und sexualisierten sie Frauen und weibliche Körper, degradierten sie zu Statistinnen in ihrer Kunst. Dass Florentina Holzinger und ihrem Ensemble nun diese Bühne geboten wird, ist vielleicht auch als Versuch einer Wiedergutmachung und Richtigstellung zu verstehen. Das vielleicht Inspirierendste an diesem Tag ist die Selbstverständlichkeit, mit der all diese Frauen während der gesamten neunstündigen Veranstaltung nackt sind, sich in ihren so verschiedenen Körpern sichtlich wohlfühlen. Diese Nacktheit ist eben nicht Teil einer Rolle, sondern vielmehr eine innere Haltung.«
Für das ehemalige Nachrichtenmagazin profil »retourniert Holzinger ungerührt die Blicke potenzieller Voyeure« und stellte sie damit bloss. Kleiner schien es für Beobachter in der barocken Kulisse einfach nicht zu gehen. Etwas »Sakrosanktes« musste an diesem Samstag stürzen, mindestens die gottgegebene Geschlechterordnung zu Bruch gehen.
Warum, frage ich mich nach dieser pathosbeladenen Entweihung, sollen unbekleidete Frauen eigentlich nicht auch Spass mit Bikes und Monstertrucks haben? Die Bewohnerschaft ganzer Kontinente sehnt sich nach Frieden und Entspannung. Nur vermag halt niemand zu erklären, was dieses Begehren mit dem »Existenzfest« von Hermann Nitsch zu tun haben soll.
Nicole Scheyerer (Falter) behauptet, dass in Nitschs OM Theater Frauen »stets eine passive, untergeordnete Rolle spielten«. Sie hat offenbar noch nie die Namen Hanel Koeck-Gorsen, Katarina Biber, Christine König, Veronika Schwegler, Hanna Hollmann, Rita Nitsch und Katrin Sturm gehört. Keine dieser Damen spielte in der Logistik / Organisation oder im Aktionsgeschehen der Nitsch-Spiele eine unkreative Rolle.
Entblösste, an Fallschirmen zur Erde schwebende Knabenleichen sind in Nitschs unspielbarer Partitur ›Die Eroberung von Jerusalem‹ (1977) eines der eindringlichsten Trauerbilder des Künstlers für den Unfalltod seiner zweiten Ehefrau Beate Nitsch. Was machte Florentina Holzinger aus diesem hochdramatischen Motiv? Die nackte Gleitschirmlenkerin Fibi Eyewalker, der Helm in Taubenform, landete auf der niederösterreichischen Ackerkrume, pisste, verschluckte kunstvoll ein Schwert und zog dann unter Trara mit einer wehenden Neutralitätsfahne in den Schlosshof ein.
Das bitte wäre doch für jedes Camp-Festival ein ausreichend bizarrer Einfall! Im Performance-Diskurs ist es so fehl am Platz wie ein Stotterer beim Parapsychologen.
Holzingers Installationen und Performances bekennen sich leider nicht zum eigenen Kitsch. Diese Künstlerin meint die Friedenssymbolik so ernst wie festes Schuhwerk und Desinfektionsmittel. Keine Arroganz ist bekanntlich so unerträglich, wie die, die aufklärerisch daherkommt.
Wir haben Holzinger und ihr Ensemble noch bei keiner Friedensdemonstration auf der Strasse gesehen, zum Beispiel beim Protest gegen die deutsche Wiederaufrüstung vor der Waffenproduktion der Firma Rheinmetall in Wien-Liesing. Nein, Holzingers geschmäcklerischer Antikriegsprotest spielte wie ein Kindertheater vor zahlenden Gästen, was den besonderen Intensitätsgrad politischer Gefühle nicht aktivierte, sondern kommerziell ausbeutete und in der freudearmen Welt kalt stellte.
Hier wurde der politische Rohstoff der Gefühle in einem simulierten Kulturkampf verwertet. Lars Henrik Gass, prominentes Opfer aktivistischer Wut, erinnert uns eindringlich an eine vergessene Wahrheit: »Der Staat muss keine Plattformen für politischen Aktivismus fördern. Politische Aushandlungsprozesse haben ihren Raum in demokratischen Strukturen – dazu zählt etwa auch das Demonstrationsrecht –, nicht in der Kultur. Mit anderen Worten: Kultur ist nur dort, wo Politik nicht ist […] Frei ist Kunst nur dort, so sie ins Offene zielt, wo Meinung endet«.
Mit ›Pfingstspiel‹ hat Holzinger der Gesinnungskunst in Prinzendorf den Boden bereitet. Rigoros, blauäugig, ohne Augenzwinkern. Die Schriftstellerin Camile Paglia kritisiert seit Jahrzehnten am Feminismus, dass er unfähig ist, die enormen Leistungen von Männern anzuerkennen. Diesen Fehler wiederholt er immer wieder, die Kuh wird bis zum Äussersten gemolken, und am liebsten im Kulturbereich, wo der politische Aktivismus der letzten Jahre geprägt ist durch höchst autoritäre, teils sogar organisierte und vor allem regressive Schrumpfformen öffentlicher Intervention, die zur Obstruktion der kulturellen Leistungen führt.
Künstlerischer Trumpismus
Warum fehlt Holzinger, dieser Frau von der letzten Insel in Nova Afrika, die Artistic Energy zu wirkmächtigen Bildern? Warum gelingt ihr dramaturgische Arbeit nicht über Parodien, Persiflagen und Reenectments hinaus? Weil sie einfach auf zu vielen Kirchtagen tanzt. Sie wird, wenn sie so weiter macht, am Ende ihres Schaffens auf einem ähnlichen Scherbenhaufen sitzen wie heute Gerhard Rühm, gestern Maître Leherb und vorgestern Bertha von Suttner.
Nichts soll sich setzen,
nichts zur Ruhe kommen
Ich habe Holzingers Spektakel das Produkt eines »traurigen Trumpismus« genannt. Falls das erklärungsbedürftig ist, hilft eine Analyse der aktuellen US–Politik der Journalistin Olivera Stajić weiter. »Trumps Welt«, schreibt die amtierende Theodor-Herzl-Preisträgerin, »ist laut, glänzend und permanent auf Effekt ausgerichtet. Das Grobe, Grelle und Überinszenierte erscheint dabei nicht als Stilbruch, sondern als Beweis von Stärke, Authentizität und Winning. Hier wird Macht nicht über institutionelle Würde kommuniziert, sondern über maximale Sichtbarkeit«.
Genau das lässt sich auch über Holzingers künstlerischen Trumpismus sagen: flache Bildgags, Heldenhumor, genossene Schmerzlust, giftige Augenspritzer! Ihre Abnormitätenschau funktioniert wie ein Social-Media-Feed, wie ein permanenter Strom von Reizen. »Skandal folgt auf Skandal, Bild auf Bild, Provokation auf Provokation, ein vergoldeter Pokal auf einen weiteren. Nichts soll sich setzen, nichts zur Ruhe kommen. Die Aufmerksamkeit wird nicht gelenkt, sondern überlastet«.
Was bei Donald Trump wie Gold glänzt, ist bei Holzinger Nacktheit. Was bei Trump KI-Slops sind, sind bei ihr verstohlen fabrizierte Selfies. »Die Überinszenierung, die KI-Slop-Bilder und der permanente Hang zum zu viel, zum zu laut, zum zu grell ergeben zusammen eine politische Ästhetik der Dauerirritation und Provokation«, sagt Stajić über den MAGA-Amerikaner. »Trump erhebt Trash zum Standard und zum politischen Kampfmittel. Mass, Zurückhaltung oder gar Scham sollen daneben als Schwäche erscheinen« (Der Standard, 20-05-2026).
Warum durchschauen die kunstaufgeschlossenen Frösche den Bluff in der Politik auf Anhieb, im eigenen Teich aber nicht? Ich denke, die Schwäche der Inszenierung erkennen alle sehr wohl. Doch wer 120 Euro für die Vorstellung berappt hat, der findet noch an der auf-zufliegenden Klapptür der Prater-Geisterbahn, am weissen Gespenst oder an der Wasserleiche im Horrorlabyrinth, die ihre Arme aus dem Tümpel reckt, Gefallen, nur um sich die Fehlinvestition nicht eingestehen zu müssen.
Aufgehobene Abendmahltafel
Das Schlussbild: 13 unbekleidete weisse Ladys, an Metallhaken in ihrer Rückenhaut hängend, welche bekanntlich dichter ist als die Gesichtshaut, und von Puppenspielerfäden über den Banketttisch in die Höhe gezogen. Die wohlwollende Lesart sah in diesem Bild geschundener weiblicher Körper, die da in der Luft hingen und bluteten, eine Stärkung. Nachdem Männer jahrhundertelang Frauenkörper missbrauchten und ausbeuteten, empfand sie, holten diese sich nun die Macht über ihre eigenen Körper zurück.

Ohne rosa Brille ergab die Blasphemie ein ziemlich komisches Bild: Im Licht weiss-roter Spots wirkte die nächtliche Installation wie eine alberne Mischung aus a) dem Zaubertrick der »Schwebenden Jungfrau«, b) gerupften und zum Braten bereiten Batteriehühnern, und c) Jacques Callots berühmter Meisterradierung »Grosser Schrecken des Krieges« (1632). Das Publikum glich dabei den verschiedenen Regimentern, die sich um den mächtigen Galgenbaum versammelt haben, um der Hängung der feindlichen Marodeure beizuwohnen.
Aufbruch in die Wüste!
Die Angst vor tiefen Empfindungen ist ein weit verbreitetes Phänomen in unserer Kultur. Der Drang alles schnellstens zu erledigen, kämpferisch und polemisch zu sein, macht den Menschen jedoch eng und nicht offen! Das gilt für das »reflexive Knallerbsentum« (Jürgen Klaube) von Festwochen-Intendant Milo Rau genauso wie für das Showbusiness seiner Beflügelten.

Zum Vergleich: Der Grossmeister des Schwulcomix, Ralf König, vergriff sich bereits zum fünften Mal am poor lonesome Cowboy, ohne das verdammte Genie des Schöpfers Morris [Maurice De Bevere] zu schänden und Lucky Lucy schwul zu machen. Warum gelang Holzinger keine ehrbare Nitsch-Hommage?
Weil hier ein Kategorienfehler vorlag! Eine Freakshow entspricht in wesentlichen Teilen einfach nicht dem logischen Ausdruck eines Existenztheaters, »welches die Lebensprozesse der Spielteilnehmer zum dramatischen Ereignis erhebt« (Hermann Nitsch, 1970). Parodie, Travestie und politische Belehrung produzieren im Gesamtkunstwerk, das reales Geschehen zur Anschauung bringt, nur unsinnige Aussagen und regressive Albernheit.
Gelungene Performance lebt von dem, was sie nicht ausspricht. Gelungene Kunst hat gelernt, wie klar ein Geschehen sein muss, um für den Bruchteil einer Sekunde Licht zu werfen auf das Gewebe der Wirklichkeit. Dass wir uns in dieser Hinsicht gesellschaftlich nicht auf einem Hochplateau befinden, steht gleich unter »Krieg«, »Massenarmut« und »Digitalrausch« in der Trauerbilanz unserer Tage.

Wo Holzinger top ist – als Boxenluder-Parodistin, beim funkensprühenden Rodeoritt auf dem Autodach, bei Trial-Motorrad-Stunts, beim Donnergrollen an der Schlossfassade –, trägt sie Eiswürfel zu den Inuits. Wo Holzinger flop ist, blamiert sie Österreichs Kunst- und Kulturbeiräte.
Nitsch war der festen Überzeugung, in seinem Freundeskreis eine hohe Geschmackskultur entwickelt zu haben. Wie fein die ästhetische Sensorik ausgebildet war und ist, zeigt sich heute dort, wo sich Leichtfertige übereilt und ohne Bedacht auf das Orgienmysterium berufen.
Holzingers Einladung zum Burning Man Projekt in Black Rock City ist vermutlich nur mehr eine Frage der Zeit. Genau dort gehört das zirzensische Spekakel auch hin. Dort braucht es keine Triggerwarnungen. Fun 4 all and all 4 fun! Im Wüstensand Nevadas, 150 km nordöstlich von Reno, wird es vor einem Millionenpublikum garantiert einen fulminanten Welterfolg feiern.
© Wolfgang Koch 2026

