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vonDetlef Guertler 29.10.2006

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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von Christian Dombrowski ein sicherlicher kontroverser Beitrag:
Ist das Wort “Kaiserschnitt” nicht ein bisschen albern? Denn wann wäre jemals ein Kaiser entbunden worden? „Kaiserinnenschnitt“ sollte das heißen… Überhaupt bietet die weibliche Kennzeichnung von Wörtern viele noch unausgeschöpfte Möglichkeiten wie der folgende Dialog beweist:

Nachdem Claudia Zaczkiewicz die Goldmedaille gewonnen hatte, kam sie mit einem Siegerinnenlächeln auf mich zu. „Wie ist es möglich“, stammelte ich, noch immer ein wenig fassungslos, „dass Sie den Weltrekord im 300-Meter-Lauf gleich um zwei Sekunden unterboten haben? Das war meisterhaft!“ – „Meisterhaft würde ich es nicht nennen“, sagte die neue Weltmeisterin bescheiden. „Wissen Sie, ich bin eben ein Läuferinnentyp. Da mache ich es mir nicht auf der Trainerinnenbank bequem, sondern laufe bei Wind und Wetter jeden Tag meine fünf Stunden durch den Wald.“ – „Fünf Stunden täglich?“, murmelte ich beeindruckt, „heldenhaft!“ – „Falsch!“ rief sie, „kein Hexenwerk! Nur Fleiß – und überhaupt keine heldinnenhafte Leistung.“

Soweit Dombrowski. Der Wortist als erklärter Feind von die Sprache bürokratisierenden Doppelformen  wie man/frau oder BewerberInnen ist eher undogmatisch, wenn es darum geht, einer einzelnen weiblichen Person die entsprechende weibliche Form zuzuerkennen – Siegerinnenlächeln und heldinnenhaft können im jeweiligen Kontext durchaus ihre Berechtigung haben.

Der Kaiserinnenschnitt hingegen ist schief: Wie viele der Frauen, bei denen diese Operation durchgeführt wird, sind Kaiserinnen? Ungefähr so viele, wie durch Kaiserschnitt zur Welt gekommene Babys Kaiser wurden, also keine. Der Wortursprung kommt den auch aus einer ganz anderen Ecke, nämlich der juristischen: Ein Gesetz aus der römischen Kaiserzeit (oder eher noch älter, aus der Zeit der mythischen römischen Könige) legte fest, dass eine Frau, die schwanger gestorben war, aufgeschnitten werden musste, um den Embryo getrennt zu bestatten. Daher der lateinische Name Sectio Caesarea.

Vereinzelt kam es bei hochschwanger oder unter der Geburt verstorbenen Frauen auch dazu, dass auf diese Weise ein lebendiges Kind zur Welt kam. Aber sicher nicht bei Caesar selbst, wie Plinius schrieb, da Caesars Mutter seine Geburt überlebte, und Kaiserschnitte in jener Zeit absolut tödlich waren bzw. nur bei bereits Verstorbenen durchgeführt wurden.
Den ersten Kaiserschnitt übrigens, bei dem die Frau überlebte, hat Wikipedia zufolge im Jahr 1500 der Schweinekastrierer Jacob Nufer im schweizerischen Siegershausen an seiner eigenen Frau vorgenommen.

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kommentare

  • Da hast Du Dir einen Pappkameraden aufgebaut, Coulibaly, und prügelst nun drauf rum. Aber schau mal: Keiner hier hat sich für bürokratisierende Doppelformen ausgesprochen, auch ich nicht. Klar, man kann es politisch überkorrekt treiben mit der Sprache. Wendungen wie „WählerInnenstimmen“ oder „man/frau“ sind wirklich abscheulich – da hast Du recht! (Wobei sich bislang – Gott sei Dank – noch niemand für Schreckensformen wie „Wählenwollende“ oder „Wahlgehabthabende“ ausgesprochen hat, vor denen Du prospektiv schon mal warnst.) Nicht jede männliche Wortform muss von einer weiblichen – die sie ja häufig mit-meint – ausdrücklich begleitet werden. Stimmt. Aber umgekehrt gibt es auch kein „Muss“: Denn warum sollte man nicht weibliche Wörter prägen und anwenden, wenn ausschließlich von Frauen die Rede ist? Das würde unsere Sprache bereichern. Verheißungsvoll scheinen mir da besonders Komposita zu sein, die Ausdrücke für Personen enthalten, aber dabei jeweils nur die männliche Wortform anführen. Es wäre der Mühe wert zu prüfen, welche dieser Wörter oder Teilwörter man verweiblichen könnte und welche nicht. Denn es geht nicht immer. Hätte ich den Beitrag oben „Siegerinnenlächeln“ genannt, so hätte ich zumindest Herrn Gürtlers Beifall gefunden. Die Versuchung, ihn mit „Kaiserinnenschnitt“ zu betiteln, war aber allzu groß…

  • Ehrlich gesagt finde ich diese Formen samt und sonders hochgradig grässlich.
    Sprache ist doch nicht allein der rationalen Informationsvermittlung und einer vermeintlichen politischen Korrektheit verpflichtet, sondern sollte tunlichst auch die Sprachästhetik und -ökonomie im Augen behalten.
    Sperrige Wortungetüme wie „KundInnenfreundlichkeit“ oder „WählerInnenstimmen“ erschweren und verleiden mir z.B. das Lesen der TAZ ungemein, obwohl ich mit dem Inhalt der jeweiligen Artikel größtenteils übereinstimme.
    Dazu kommt seit kurzer Zeit die Tendenz, substantivierte Partizipien statt der herkömmlichen Substantive zu verwenden, also etwa „Studierende“ statt „Studenten“ oder „Wählende“ statt „Wähler“, ja sogar Komposita wie „Studierendenwerk“ statt „Studentenwerk“ findet man immer öfter.
    Die Partizip Präsens Aktiv-Form „Wählende“ ist schon ziemlich widersinnig, da das Wählen ja nur eine kurze, wenige Minuten dauernde Angelegenheit ist, so dass man diese Form eigentlich nur benutzen dürfte, wenn der Sprechakt direkt mit dem Urnengang zusammenfiele.
    Spräche man dagegen von künftigen Wahlen, müsste man statt „Wählende“ richtigerweise „Wählenwollende“ o.ä. sagen, bei Wahlen aus der Vergangenheit entsprechend etwa „Wahlgehabthabenden“ oder ähnlichen Unsinn – Gott bewahre!
    Deutsch ist eine Sprache, die per se schon relativ kompliziert und sperrig ist, so dass diese Eingeständnisse an die politische Korrektheit zulasten der Ästhetik und Sprachökonomie für mich kaum akzeptabel sind.
    Man sollte sich doch nichts vormachen: Ein politisch korrekter Sprachgebrauch muss doch überhaupt nicht zwingend bedeuten, dass der Sprecher genauso p.k. denkt und handelt.
    Beispielsweise achtete der Ex-Kanzler Gerhard Schröder (wie auch selbst die schwärzesten CSU-Politiker) immer peinlich genau auf Einhaltung dieser pseudo-sensiblen Sprache „Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde …“.
    Wie wenig solche scheinbar frauenfreundlichen Formulierungen wert sind, wird klar, wenn man sich das politisch gänzlich unkorrekte Schröder’sche Ober-Macho-Bonmot „Frauen, Familie und das ganze Gedöns“ vergegenwärtigt.
    Falls dieses linguistische Geschlechter-Problem im Deutschen mit deutlich weniger sperrigen und komplizierten Formen gelöst werden könnte, spräche natürlich überhaupt nichts gegen deren Verwendung.
    Die Spanier z.B. haben eine genial einfache und elegante Lösung gefunden: Vielerorts (bes. im Internet) fungiert der Klammeraffe als gemeinsames Zeichen für die feminine „a“- und die maskuline „o“-Substantivendung, also z.B. „amig@s“ für „amigas“ und „amigos“.
    Wie schon Goethe treffend bemerkte: Spanien, du hast es besser…

  • Hier kam es mir freilich weniger auf den Kaiserschnitt als solchen an. Vielmehr wollte ich auf eine sprudelnde Quelle schöner neuer Wörter aufmerksam machen. Nämlich auf die in Komposita gleichsam eingefrorenen männlichen Wortformen, wenn man sie denn verweiblicht. Wer auf diesem Feld sondiert, wird viel Mist, aber auch viele Münzen finden. Es ist übrigens keineswegs immer einfach zu entscheiden, warum einige der Funde unser Sprachgefühl beleidigen, andere ihm schmeicheln. Also: „Kaiserinnenschnitt“ geht wohl nicht, „Siegerinnenlächeln“ geht (aber warum?), „meisterinnenhaft“ klingt ganz doof, „heldinnenhaft“ gut (warum?). „Fahrerinnenflucht“ ist Blödsinn, „Käuferinnenverhalten“ prima. Warum? Fragen über Fragen!

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