vonDetlef Guertler 11.04.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Was isser wieder originell, der Internet-Spiegel: Hat aus der (bereits weit verbreiteten) Meldung, dass viele Deutsche Kurt Beck noch nicht so richtig kennen, ein putziges Politiker-Quiz gemacht: „Kennen Sie Deutschlands Machtschatten-Gewächse?“ Das Quiz ist ganz nett, aber die Überschrift ist wortistisch etwas unsauber: Machtschattengewächse sind doch wohl Pflanzen, die im Machtschatten wachsen. Dafür braucht es aber definitionsgemäß einen Übermächtigen, der so viel Machtschatten wirft, dass darin reichlich Platz für Gewächse ist.

Dementsprechend handelt es sich bei Kurt Beck eben gerade nicht um ein Machtschattengewächs, weil er nicht in irgendjemands Schatten steht, sondern selbst so sch-mächtig geraten ist, dass er praktisch keinen eigenen Schatten wirft. Schon wesentlich korrekter wurde dieses Wort einst auf bayrische Politiker wie Edmund Stoiber oder Gerhard Tandler gemünzt, die sich ihre Sporen im Schatten (um kein hässlicheres Wort zu gebrauchen) von Franz Josef Strauß verdienten.

Der Ruhm, das Machtschattengewächs erfunden zu haben, gebührt allerdings niemand geringerem als Ottfried Fischer, der nämlich zwischen 1982 und 1987 mit einer gleichnamigen Theatertruppe ein Münchner Hinterhoftheater bespielte.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/04/11/machtschattengewaechs/

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kommentare

  • Machtschattengewächse…

    das Machtschattengewächs vegetiert nun schon seit einiger Zeit in meinen Entwürfen. Doch bis anhin viel mir nichts ein, was ich diesem Begriff denn nun noch anhängen konnte (ausser über Menschenfressertomaten zu recherchieren). Im W…

  • Ihre „Sporen“ im Bereich von „Machtschattigkeit“ hinterließen folgende Spuren im Ge-Beet meines Nachdenkens:

    Stoiber und Tandler waren dann wohl “Sporen“ aus dem Farngestrüpp eines Strauß; und keine Sporenträger, die man hätte in die Öffentlichkeit entlassen dürfen; sozusagen „sporntreichs“ (na, das ist wortistischer Import!).

    Sind doch gemeint die pflanzlichen Sporen-Spuren:
    SPOREN [Grimmsches Wörterbuch: Lfg. 16,15]:
    > fem. plur.: kleine einzellige fortpflanzungskörper bei kryptogamischen pflanzen; in die wissenschaftliche sprache der botanik nach dem griech. Sporζ = säen, saat, zeugung übernommen.

    Als mediales Antinym zu solchem „Sporentum“ fand ich heute Morgen den ergötzlich floralen Begriff „Werbeblume“:
    „Gaby Dohm, die eher als Werbeblume für eine demnächst ausgestrahlte ARD-Produktion eingeladen war (…).“
    Nachzulesen:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,476524,00.html
    Mediencultura als Gartenkunde! (Mir angenehmer als gastrische oder kognitive oder spontan-demonstraive Esstörungen.)

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