vonDetlef Guertler 03.05.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Es gibt die merkwürdigsten Orte, um auf Wörter zu stoßen. Zum Beispiel beim Bearbeiten eines Textes über das Gesetz über steuerliche Begleitmaßnahmen zur Einführung der Europäischen Gesellschaft und zur Änderung weiterer steuerrechtlicher Vorschriften (SEStEG), in dem auf das einschlägige Standardwerk „Reform des Umwandlungssteuerrechts“ verwiesen wird, das wiederum den Untertitel trägt: „Auswirkungen des SESteg auf Reorganisationen und internationale Entstrickungen.“

Entstrickung? Also das, was wir alle brauchen, wenn wir uns hoffnungslos in einer Argumentationskette oder Ideologie o.ä. verstrickt haben? Nein, so viel Fantasie können die Steuer-Jungs von PricewaterhouseCoopers nicht haben, um einen solches Wort zu erfinden. Also muss es das schon geben. Und tatsächlich, Wikipedia hilft hier weiter: „In der Rechtswissenschaft bezeichnet Verstrickung die dauerhafte Verbindung eines Objekts durch besonderen Akt, die nur durch einen gleichartigen und gleichrangigen Akt gelöst werden kann (Entstrickung).“

Aber wenn wir den Juristen die Verstrickung entwenden (oder entstricken?) können, dann können wir das mit der Entstrickung doch auch, oder?

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2007/05/03/entstrickung/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Verstricken und entstricken …

    gab es natürlich schon lange vor den Juristen, die damit etwa begrifflich–abstrakt übertragen und/oder anschaulich nachahmen wollten, was materialiter schon gestrickt oder entstrickt, das hieß früher „aufgeribbelt“ oder „aufgeräufelt“hieß (beides wort-artig noch im Duden verteten; wohl als Relicksel der strickelnden Schülerinnen um 1970 in den Schulbänken?).

    Die Wortbelege für „Verstrickung“ lasse ich hier mal weg…

    S. Grimmsches Wörterbuch. [Lfg. 3,3]:
    ENTSTRICKEN, solvere, vom strick befreien, nnl. ontstrikken,
    1) transitiv: mhd.
    si entstricte der fintâlen bant. (Parz. 44, 4)

    den hëlm entstrictens ime ze hant. (Trist. 237,8)

    nhd. da zeigt der augenschein die last, die itzt uns drücket,
    das mittel, das die noth, in der wir fest, entstricket.(GRYPHIUS 1, 10)

    nicht, vom kampf die glieder zu entstricken,
    die erschöpften zu erquicken,
    wehet hier des sieges duftger kranz. SCHILLER 72b;

    wolkennacht entstricken
    kannst du mit den blicken. (RÜCKERT 226)

    Auch, ohne das „mann“ stricken kann, kann man’s er- ode aufknüpfen, aus dem Strick.

  • Ein hübsches Wort, das wir mit der Entwendung zum Gebrauch dem allgemeinen Wortschatz zuführen sollten (linguistisches Gewohnheitsrecht ohne Anspruch auf Schadensminderung).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.