vonDetlef Guertler 06.08.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Nein, man muss nicht so weit gehen wie Anatol Stefanowitsch vom Bremer Sprachblog, der die Aktion lebendiges Deutsch in „Aktion scheintotes Deutsch“ umgetauft hat – allein schon deshalb nicht, weil ich mich vor wenigen Wochen erst von der putzmunteren Lebendigkeit eines der vier Initiatoren sowie seines Engagements für die deutsche Sprache überzeugen konnte. Dass die vier den Fehler gemacht haben, „just in time“ mit „termingerecht“ zu übersetzen, was kilometerweit an der Bedeutung dieses Wortes im Fabrikalltag vorbeigeht, ist wohl eher der klassischen Ignoranz deutscher Intellektueller gegenüber der realen Arbeitswelt geschuldet als einer reaktionären Einstellung. Und da falsche, unschöne und/oder unpassende Neubewortungen üblicherweise keine lange Lebensdauer haben, tut das niemand weh.

Schön wäre es allerdings, wenn bei dem doch großen Aufwand, den die Aktion Lebendiges Deutsch mit den Neubewortungen treibt, auch einmal ein tatsächliches brauchbares Neuwort herauskäme. Der August-Monatsaufgabe wäre das zu wünschen – gesucht wird ein deutsches Wort für Blockbuster.

Wenn wir einmal gnädig den Mantel des Vergessens über die Herkunft dieses Wortes breiten (nämlich vom Spitznamen einer besonders durchschlagenden Bombe der Alliierten im 2. Weltkrieg), wird der Begriff Blockbuster heutzutage vor allem in zwei Branchen gebraucht: der Film- und der Pharmabranche. Ein Medikament wird Blockbuster genannt, wenn es pro Jahr weltweite Umsätze von mehr als 500 Millionen Dollar schafft (oder waren es Euro?). Ob es bei Filmen ein ähnlich hartes Kriterium gibt, entzieht sich meiner Kenntnis, aber wenn ja, sollten wohl weltweit 100 Millionen Dollar Umsatz an den Kinokassen dabei herauskommen.

Blockbuster sind demnach also diejenigen (wenigen) Produkte, die all das semivergebliche Streben und Mühen finanzieren, das in Filmstudios und Pharmalabors veranstaltet wird. Man könnte sie, wie in anderen Branchen, einfach „Hit“ nennen, was aber eher verniedlichend wirkt, da es wesentlich mehr Hits oder auch Bestseller als Blockbuster gibt. Angesichts des doch eher lotteriemäßigen Vorgangs (weder im Kino noch in der Klinik kann ein Bestseller programmiert werden) würde mir der „Hauptgewinner“ als Eindeutschung ganz gut gefallen. Der ließe sich dann auch ganz gut auf die Kernprodukte anderer Unternehmen übertragen: Starker Prämienzuwachs bei Allianz-Sachversicherungen, aber Hauptgewinner bleibt weiterhin die Lebensversicherungssparte oder so ähnlich.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/08/06/blockbuster/

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kommentare

  • Irgendwie fallen mir auch nur militärisch konnotierte Wörter ein, solche Sachen wie „Kassengranate“. Ins Wortfeld passt aber auch z.B. die „Cash cow“, was z.B. die benannte Allianz-Sparte besser umschreibt als „Blockbuster“, und wofür es bereits das Wort „Melkkuh“ gibt, wobei das Ausbeutung suggeriert; „Goldesel“ wiederum lässt auf Unverdientheit schließen – wie wäre es mit „Bilanzvieh“?

  • Ein Übersetzungsangebot zum „Nulltarif“, also kein semantischer Hit, aber sorgfältig präsentiertes Wortmaterial:

    Von:

    http://www.dict.cc/englisch-deutsch/blockbuster.html

    blockbuster:
    Minenbombe {f}
    advert.: Auflagehit {m}

    blockbuster [coll.]:
    Kassenschlager {m}
    Hammer {m} [ugs.]
    Renner {m} [ugs.]
    Knüller {m} [ugs.]

    **

    Ich übernehm’s gern so – obwohl etwas wortblockmächtig ist – nach den Ungesetzen der „false-friends-semantics“ – für äffische Fälle:

    Kassenklopper á la King Kong!

  • Gibts keine dringenderen Wortbaustellen als diese Fossilien aus den 80er Jahren? Just in time kennen wir seit den japanischen Autofabriken, den Blockbuster seit den verschwundenen Tagen der „Ich sehe“-Kassetten (ein Wunder, dass die ADS bisher das Latein verschont hat).
    Aber ich will hier nicht unnötig sürpfeln. Ist der „Abräumer“ zu trivial für den Blockbuster?

  • Die Aktion Lebendiges Deutsch bemängelt zwar explizit die militärische Konnotation des Wortes Blockbuster, aber eigentlich wäre es doch schade, die bei der Eindeutschung aufzugeben: Ein echter Blockbuster vernichtet die Konkurrenz und legt (um ein bisschen Kulturkritik zu betreiben) jede Realität außer der eigenen in Schutt und Asche (das gilt für Filme wie für Medikamente). Dem Wikipediaeintrag zu „Luftmine“ entnehme ich, dass der Volksmund die betreffenden Sprengbomben seinerzeit als „Wohnblockknacker“ bezeichnet hat. Könnte man dieses Wort nicht auch für die übertragenen Bedeutungen wiederbeleben?

    Ach, und „Gesürpfle“ — wäre das nicht eine gute Eindeutschung für „Bloggen“?

  • Tja, Herr Vortisch, besser als Kollege Stefanowitsch vom oben verlinkten Bremer Sprachblog kann ich es nicht sagen: „Zunächst schlagen die Herren der Jury als Alternative für den Begriff Just in Time das deutsche „termingerecht“ vor. Damit beweisen sie eigentlich nur, dass sie nicht wissen, was Just in Time bedeutet. Es bedeutet nämlich, dass ein Zulieferer eine Ware genau in dem Augenblick liefert, in dem sie benötigt wird — nicht später, aber auch nicht früher. So sollen Lagerkosten reduziert (bzw. auf den Zulieferer abgeschoben) werden. Termingerecht bedeutet aber lediglich, dass etwas spätestens zum vereinbarten Termin geliefert wird. Außerdem ist der Begriff Just in Time auf Produktionsprozesse beschränkt, während termingerecht überall verwendet werden kann. Man verliert also im doppelten Sinne begriffliche Schärfe, wenn man Just in Time durch termingerecht ersetzt.“
    Und wenn Sie ausgelacht haben, können wir gerne darüber diskutieren, ob das ein stichhaltiges Argument ist oder nicht. Mit „termingenau“ übrigens würde der Kritik aus dem Weg gegangen.
    Ach ja: Gesürpfle ist ein hübsches Neuwort – gefällt mir viel besser als das immer gleiche Geseiere.

  • Das intellektuelle Gesürpfle von Guertler geht mir auf den Sack.
    Natürlich ist „termingerecht“ ein guter Wortersatz für „just in time“. Guertler und Fabrikalltag, ich bekomme einen Lachanfall. Blockbuster ist ein Kassenschlager.

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