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vonDetlef Guertler 12.08.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Im ursprünglichen Wortsinn ist die Übelsetzung nur ein soeben erschienener Buchtitel von Langenscheidt, der auf etwas mehr als 100 Seiten eine Armada von in unverständlichem Deutsch verfassten Speisekarten, Prospekten und Hinweisschildern in unseren beliebtesten Urlaubsregionen aufführt (ein Beispiel als pdf). Na ja.

Das Wort lässt sich natürlich auch auf jeden anderen missglückten Versuch übertragen, Worte, Sätze und Gedanken in unser geliebtes Deutsch zu übertragen. Speisekarten aller Mittelmeerländer, übelsetzt euch! Aber auch dann sind wir immer noch eher bei Mario Barth als bei Dieter Nuhr.

So richtig aufklärerisch kann die Übelsetzung allerdings wirken, wenn wir sie als Wort für alle missglückten Eindeutschungen und Fremdwörterisierungen verwenden, die wir uns heutzutage leisten. Bislang haben wir dafür kein Wort, allenfalls Übersetzungsfehler, was ja nun auch nicht in jedem Fall stimmt. Eine hübsche Liste von häufigen Übelsetzungen in diesem Sinn findet sich bei ueber-setzen.com.

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kommentare

  • […] Erregungs-Pitbull Über dieses Wort ist Wortistik-Leser polyphem in der heutigen taz gestolpert (die Netzeitung übrigens auch), was mir dankenswerterweise die Möglichkeit gibt, über Mario Barth schreiben zu können, ohne wirklich über Mario Barth schreiben zu müssen (die Frage “Barth oder Nuhr?” spaltet Deutschland so wie einst “Habermas oder Luhmann?”, wohingegen der Versuch aus These (Schmidt) und Antithese (Pocher) die Synthese (Schmidt+Pocher) zu machen, an der Allgemeinverwendbarkeit der dialektischen Methode zweifeln lässt, aber das ja nur nebenbei). […]

  • Jaaa, die guten alten Speisekarten …
    Was andere Menschen einem scheinbar zum Verzehr gegen Geld anbieten, ist gelegentlich schon eigenwillig, doch muss ich zur Verteidigung eines sagen: Ich bin selbst Übersetzerin, habe viel Erfahrung im Bereich der Gastronomie und werde häufiger gefragt, ob ich „mal eben kurz einen Blick auf die Übersetzung der Speisenkarte werfen“ kann. In der Regel gehen bei mir in diesem Fall alle Alarmglocken an. Sehr häufig werden – leider und entgegen der Berufsethik professioneller Übersetzer – in vielen Ländern „Übersetzungen“ von Nichtmuttersprachlern angefertigt, die nur im Idealfall noch korrigiert werden, meist aber auch durch Laien, die ebenfalls keine Muttersprachler sind. Das generelle Problem ist, dass die Berufsbezeichnungen „Übersetzer/in“ und „Dolmetscher/in“ nicht geschützt sind. Dies bedeutet, das sich jeder Sprössling des Chefs oder eines beliebigen leitenden Angestellten mit drei Brocken Denglisch ein Zubrot verdienen kann, indem sie/er „übersetzt“. Und die Kunden lassen es sich bieten.

    Die von linguistischen Opfern übersäten Schlachtfelder sollen dann Leute wie ich aufräumen, und das möglichst kostenlos, kritiklos und bis gestern. In der Regel weigere ich mich: Meist ist es einfacher und schneller, den gesamten Text neu zu übersetzen (und nicht zu übelsetzen). Spätestens dann jedoch setzt der Widerstand ein: Warum sollte der Kunde für eine bereits vorhandene Version in der Zielsprache denn noch einmal zahlen, wo man doch nur kurz über den Text schauen soll?

    Ich habe solche Erfahrungen zur Genüge gesammelt und verzichte seit längerer Zeit darauf, solche Kunden mit meinen eigenen Erkenntnissen erleuchten zu wollen. Übersetzung ist wie jeder anderer Beruf auch eine Frage der Eignung, des Talents und der Ausbildung. Es gibt Übersetzer, die ohne Ausbildung hervorragende Arbeit leisten. Solche Talente bilden jedoch die absolute Ausnahme. Übersetzen erfordert eine Menge landeskundlichen Wissens, das in keinem Wörterbuch verzeichnet ist, ein gutes Sprachgefühl und eine Technik, die erlernt werden muss. Ein Arzt benötigt auch eine Ausbildung, ein Mechaniker ebenso. Wer würde denn einen Möchtegernschrauber an seinem Sportwagen herumtüfteln lassen, nur weil der gerade einmal weiß, wo sich der Benzineinfüllstutzen befindet?

    Krass wird es, wenn von einer „Übelsetzung“ übersetzt werden soll – wie das im Beitrag selbst aufgeführte Fallbeispiel belegt. Dort ist ganz offensichtlich, dass als Vorlage eine Speisenkarte in englischer Sprache vorlag, nicht in Spanisch. Ein Beispiel: morcilla beschreibt im Spanischen die Blutwurst, die dünn, dick und/oder mit Reis (und gelegentlich sogar Kakao oder Schokolade) angereichert sein kann. Der/die Nichtwissende (Pardon!) würde für Großbritannien da vermutlich die Parallele zu „black pudding“ ziehen. Naja. Und siehe da: Es findet sich doch glatt „Schwarzer Pudding“, gleich im ersten Absatz. Lecker!

    Generell ist der Preis der vermeintlichen Globalisierung eben dieser: Jeder meint, in jeder Weltsprache mitreden zu können, denn schließlich gibt es ja den Google Translator (oder sein Äquivalent). Ok, Chinesisch lässt noch auf sich warten – aber die Chinesen lassen ungern Übersetzungen von Nichtchinesen anfertigen. Solange also Kunden nicht bereit sind, für eine gute übersetzerische Leistung eben auch entsprechend zu zahlen, werden „echte“ Übersetzer sich mit dem Vorurteil herumschlagen müssen, dass unser Beruf „voll easy“ und eigentlich nur ein Zeitvertreib ist.

    Im übrigen finde ich den Begriff „Übelsetzung“ hervorragend. Er beschreibt auf genial einfache Weise den völlig misslungenen Versuch, Inhalte von einer in eine andere Sprache zu übertragen, und das mit üblen Folgen …

  • @Wolfgang Wilhelm:

    War es eine Übelsetzung aus Ungarn? Oder gibt es auch dort Heine-Verehrer? Hier ein Auszug aus „Wintermärchen“, Caput IX:

    „Wie jauchzten die Würste im spritzelnden Fett!
    Die Krammetsvögel, die frommen
    Gebratenen Englein mit Apfelmus,
    Sie zwitscherten mir: »Willkommen!«
    »Willkommen, Landsmann« – zwitscherten sie -,
    »Bist lange ausgeblieben,
    Hast dich mit fremdem Gevögel so lang
    In der Fremde herumgetrieben!«
    Es stand auf dem Tische eine Gans,
    Ein stilles, gemütliches Wesen.
    Sie hat vielleicht mich einst geliebt,
    Als wir beide noch jung gewesen.
    Sie blickte mich an so bedeutungsvoll,
    So innig, so treu, so wehe!
    Besaß eine schöne Seele gewiß,
    Doch war das Fleisch sehr zähe……“

    Der komplette Text z.B. bei Spiegel / Gutenberg:
    http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1148&kapitel=10&cHash=d40dbdc7b42#gb_found

    Im nächsten Kapitel, Caput X fand ein vormaliger Bundeskanzler die Menschen seiner Heimat so liebevoll beschrieben, dass er Heinrich Heine besonders schätzt. Ich kann das verstehen. 🙂

  • Hmmm, irgendwo hatte ich mal gelesen, dass »Winston Churchill« vor zwei Menschen Angst hatte – vor seinem Übersetzer und seinem Zahnarzt. In der Tat: Übelsetzungen bringen häufig genug Verschlimmbesserungen mit sich.

    Wie auch immer, Originale sind immer noch am schönsten: Zwar habe ich in Ungarn noch keine Speißekarte entdeckt, bei der man »Gevögel« statt »Geflügel« bestellen kann (von so einem Fall wurde mir berichtet), aber immerhin schon eine »Wahlnuss« unter den Eissorten… Mensch, da hat man doch glatt die Quahl der Wahl…

    Aber vielleicht sollte man die scheinbaren Anfänger-Fehler einfach nur anders interpretieren: »Du bist mein Hertz!« sagt doch nichts anderes als »Du lässt mein Herz höher schlagen!« 😉

    Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm

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